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Sprachbar

Tarnen und Täuschen

Arbeitskräfte werden freigesetzt, es wird reformiert und "outgesourct": Viele Begriffe und Worte verschleiern meist unangenehme Tatsachen. Wahre Verschleierungskünstler sind Politiker und Wirtschaftsbosse.

Politiker und Wirtschaftsbosse haben es nicht leicht. Andauernd müssen sie den Menschen da draußen unangenehme Dinge sagen. Gerne verpacken sie diese Unannehmlichkeiten in schöne Worte. Es gibt in der Sprache der Politik und der Wirtschaft jede Menge Tarnvokabeln und Ausdrücke, die einen Sachverhalt beschönigen.

Tarnwörter

Ein Hund mit einem Protestplakat: Arm trotz Arbeit, krank trotz Krankenkasse

Auch er fühlt sich getäuscht!

Ein sehr beliebtes ist das Wort Reform. Dieses klingt erst mal gut, denn Reform ist ein Begriff, der bedeutet, dass ein Zustand, ein Sachverhalt oder sonst irgendetwas verbessert werden soll. Ob die Reformen dann wirklich eine Verbesserung darstellen, lassen wir einmal dahingestellt.

Ob Rentenreform, Rechtschreibreform oder Gesundheitsreform – um nur einige Beispiele zu nennen. Diejenigen, die reformieren, wollen etwas verbessern. Diejenigen, die von den Reformen betroffen sind, empfinden das aber nicht immer so. Sie fühlen sich getäuscht. Wobei Reform ein noch harmloses Täuschungswort ist.

Was ist gemeint?

Wie drückt man zum Beispiel die schmerzliche Nachricht aus, dass tausende Menschen in Wirtschaftskrisen ihre Arbeitsplätze verlieren. Indem man dies blumig mit Stellenabbau oder mit Freisetzung von Arbeitskräften umschreibt. Das klingt dann gerade so, als würden die Arbeitenden großzügigerweise in die lang ersehnte Freiheit entlassen.

Einmal entlassen, sind sie dort draußen leider trotzdem auf einen Verdienst angewiesen und können oder müssen sich sogar nach einem Job umschauen. Ja, und da gibt es die so genannten Personal-Service-Agenturen.

Schön umschreiben

Ein Lupe auf einer Zeitungsanzeige Stellen

Stellen suchen ist "out"

Und das klingt doch entschieden besser als Stellenvermittlung. Denn dann wäre ganz klar, dass derjenige, der bei der Stellenvermittlung vorspricht, arbeitslos ist. Denn ansonsten müsste ja keine Stelle vermittelt werden.

Und der Begriff Personal-Service-Agentur verschleiert diese Tatsache. Hier wird ein Service für jemanden geleistet, für Personal. Aber zum Personal gehören doch eigentlich alle diejenigen, die in Lohn und Brot stehen?

Kreativität ist gefragt

Was lassen sich die politischen und sonstigen Führungskräfte nicht alles einfallen, um das, was sie wollen und meinen und denken, dem Volk schmackhaft zu machen. Tarnen und Täuschen heißt da allzu oft die Devise.

Wobei hier manchmal durchaus der Eindruck entstehen kann, dass die Sprachschöpfer in den Parteien und Chefetagen sich von ihren Worthülsen und teilweise dümmlichen Plattitüden geradezu begeistern lassen. Ist es nicht toll, den Arbeitsmarkt zu entfesseln? Klar doch. Auch da scheint es um Befreiung zu gehen. Weg mit den Fesseln, raus aus der Knechtschaft.

Unwörter

Jedoch bedeutet diese euphorische Floskel nichts anderes, als dass der Kündigungsschutz gelockert, wenn nicht gar aufgehoben werden soll. Und dass Beschäftigte dann ganz nach Belieben eingestellt und rausgeschmissen werden können. Kein Problem, denn es steht ja genügend Humankapital bereit.

Humankapital – ein weiteres Beispiel für eine Beschönigung. Das Wort hat im Jahr 2004 sogar einen Preis gewonnen, nämlich als Unwort des Jahres. Die Gesellschaft für deutsche Sprache begründete ihre Wahl damit, dass nicht nur Beschäftigte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt nur noch als Wirtschaftsfaktoren gesehen würden.

Meister der Verschleierung

Zwei Männer unterhalten sich vor einem Outsourcing Center-Messestand

Arbeitsplätze werden oft outgesourct

Interessanterweise kommen sehr viele Unwörter aus dem Bereich der Wirtschaftssprache. Arbeitsunfähige Menschen werden da gerne mal als Wohlstandsmüll bezeichnet. Oder es wird von Outsourcing gesprochen, wo eigentlich Arbeitsplätze dem Rotstift zum Opfer fallen.

Rentnerschwemme, Angebotsoptimierung, Langlebigkeitsrisiko – weitere Unwörter, die wenig Sensibilität erkennen lassen. Wie sich Täusch-und-Tarnwörter im Prinzip auch gegenseitig ausschließen können wird an dem Wortungetüm Entlassungsproduktivität deutlich.

Entfesselung

Entlassungsproduktivität bedeutet, dass nach Entlassungen die verbleibenden Beschäftigten mindestens genau so viel, wenn nicht sogar mehr arbeiten müssen. Mit anderen Worten: Mehrbelastung für diejenigen, die nicht freigesetzt wurden und sich nun auf dem entfesselten Arbeitsmarkt befinden. Ach ja. Auch dieser wird ständig reformiert!

Fragen zum Text

Arbeitgeber umschreiben eine Entlassung als …

1. Stellenförderung.

2. Stellenabbau.

3. Stellenzuwachs.

Kein Unwort des Jahres war …

1. Schweinegrippe.

2. Rentnerschwemme.

3. Humankapital.

Eine Stellenvermittlung betreut …

1. Hausfrauen.

2. Arbeitslose.

3. festangestellte Mitarbeiter eines Unternehmens.

Arbeitsauftrag

In jedem Jahr werden Unwörter des Jahres bestimmt. Suchen Sie sich die Unwörter der letzten zehn Jahre heraus und erklären Sie, warum diese Wörter gewählt wurden.

Autor: Michael Utz

Redaktion: Beatrice Warken

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