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Kultur

Tanzen in Auschwitz

Im Internet-Portal youtube war bis vor kurzem ein Film über einen Holocaust-Überlebenden zu sehen, der in Auschwitz mit Familienmitgliedern tanzt. Das Video hat in Deutschland für heftige Diskussionen gesorgt.

Adam (Adolek) Kohn. Er ist berühmt geworden durch sein Video bei YouTube, wo er mit seinen Enkeln auf dem KZ-Gelände zu dem Disco-Hit I Will Survive tanzt. Verwendung nur im Kontext zum Video (Foto:youtube)

Adam (Adolek) Kohn

Adam "Adolek" Kohn ist 89 Jahre alt. Er hat das nationalsozialistische Vernichtungslager in Auschwitz überlebt, ebenso wie seine Frau. Seine Tochter, die australische Künstlerin Jane Korman ist mit ihrem Vater und ihren drei Kindern nach Polen gereist. Dort hat sie in verschiedenen Gedenkstätten wie Auschwitz und Theresienstadt das Video "Dancing Auschwitz" aufgenommen. Es zeigt, wie ihr Vater mit seiner Tochter und den drei Enkeln auf Gloria Gaynors Hit "I will survive" tanzt. Damit wollte Korman kommenden Generation eine neue und andere Botschaft des Gedenkens vermitteln, eine "frische Interpretation der historischen Erinnerung". Im Internetportal Youtube klickten in kurzer Zeit mehrere hunderttausend Menschen das Video an. Mehrere tausend Kommentare wurden dazu abgegeben. Sie reichen von Abscheu bis zur begeisterten Zustimmung. Inzwischen ist das Video auf Betreiben der Australian Performing Right Association bei Youtoube gelöscht.

Beleidigung der Opfer?

Der Historiker Michael Wolffsohn von der Bundeswehr-Uni München hat das Video als geschmacklos bezeichnet. Er warf Jane Korman vor, sie wolle mit dem Film in Wahrheit Eigenwerbung betreiben". Wolfgang Wippermann, Historiker an der Freien Universität Berlin, erklärte dagegen, dass der humorvolle Umgang mit dem Holocaust es der jüdischen Bevölkerung möglich machen würde, ihre Vergangenheit zu verarbeiten. Deshalb sei es zu akzeptieren, wenn Israelis und andere Juden sich über den Holocaust lustig machten.

Adolek Kohn steht mit seinen Enkelkindern am Eingang zum ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz (Foto: AP/ Jane Korman)

Adolek Kohn mit seinen Enkeln

Doris Akrap von der Tageszeitung "taz" kritisiert in einem Artikel, Historiker Wolffsohn sei mit seinem Vorwurf der Geschmacklosigkeit selbst geschmacklos, da er Überlebenden vorschreiben wolle, wie sie sich gegenüber dem erlebten Grauen während des Holocaust zu verhalten haben. Michel Friedmann, Rechtsanwalt, TV-Moderator und früherer stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland kann die Kritik an dem Video verstehen, die betont, dass Auschwitz ein Ort der Trauer und Traurigkeit sei. Doch dem Tod folge das Leben. Das Video triumphiere respektlos und fröhlich gegen Hitlers Hoffnung, alles jüdische Leben auf Erden für immer auszulöschen. Adam Kohn selbst sagt in dem Video über seine Aktion: "Das ist ein historischer Moment".

"Schaut her, ich lebe"

Für Henryk M. Broder im Nachrichtenmagazin "Spiegel" eine eindeutige Botschaft. Zusammen mit Kohns T-Shirt und dem Victory-Zeichen, das das Nazi-Opfer vor den Verbrennungsöfen in die Kamera macht, heiße das: "Schaut her, ich lebe!". Der Autor Rafael Seligmann ist in der Bildzeitung mit dem Kommentar zu lesen: "Auschwitz ist der schlimmste Ort der Menschheitsgeschichte. Aber wir dürfen nicht in Trauer erstarren. Juden und andere müssen zeigen, dass die Lebensfreude geblieben ist. Das ist der Sieg des Lebens über die Mörder."

In der "Jüdischen Allgemeinen" reagiert Fabian Wolff mit einem distanziert-neutralen Artikel auf das Video. Sie zitiert die Empörung von Juden, die Künstlerin Korman und ihrem Vater Rücksichtslosigkeit und billigen Eigennutz vorwerfen. Genauso aber wird die Haltung Kormans beschrieben, dass es um die Freude ihres Vaters gehe, überlebt zu haben. Online-Journalist Mario Sixtus kommt zur Sprache, der betont, in dem Film werde den Tätern auf großartige Weise der Stinkefinger gezeigt. Das Werk sei eine Ode an das Leben. Zum Stil der Künstlerin, neue Bilder für eine jüngere Generation geschaffen zu haben, merkt Autor Wolff an, Korman mache sich bewusst oder unbewusst die youtube-Ästhetik zu eigen: Filme, die technisch etwas unbeholfen wirkten, mit passender musikalischer Untermalung und nicht länger als vier Minuten dauerten.

Es bleibt ein bitterer Ton

Der Journalist, Schriftsteller und Regisseur Ralph Giordano war im DW-Interview hin- und hergerissen. Er fand das Video einerseits eine großartige Sache, andererseits hatte er Bedenken wegen der Opfer: Kohn habe Auschwitz überlebt, aber viele andere seien an diesem Ort gestorben. Was die von diesem Film halten würden, könne man nicht wissen. Ein bitterer Ton bleibe.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Conny Paul

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