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Kultur

Tanz deinen Namen - 100 Jahre Anthroposophie

Verehrt als spirituelle Philosophie. Belächelt als esoterische Spinnerei. Die Medizin tauge nichts, und Waldorfkinder lernen angeblich nichts fürs Leben. Trotzdem hat die Anthroposophie in Deutschland viele Freunde.

Spirituelle Entwicklung, künstlerische Entfaltung und zivilgesellschaftliches Engagement. Das sind die drei Fundamente, auf die sich die Anthroposophie stützt. Ende des 19. Jahrhunderts tauchten plötzlich, mitten im Fortschrittstaumel der industriellen Revolution, ein paar Denker und Philosophen auf, die über eine neuartige Weltanschauung sprachen. Die Besinnung auf das Geistige, Spirituelle, auf etwas, das über die reine Wissenschaft hinausging – auf das Übersinnliche.

Rudolf Steiner 1919 (Schwarz-weiß-Foto: picture-alliance/Arco)

Rudolf Steiner 1919, auf seinem kreativen Höhepunkt

Der Mann, dem die Manifestation dieser neuartigen Denk- und Lebensweise zu verdanken ist, heißt Rudolf Steiner, Jahrgang 1861, geboren in Kraljevec, damals Österreich-Ungarn, heute Kroatien. Dieser Mann wagte es, zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Welt noch einmal neu zu denken: Lassen sich Geist und Welt versöhnen? Wie sind wir als Individuen in das Weltganze hineingestellt? Das waren Fragen, die Rudolf Steiner bewegten. Sein ganzheitliches Menschenbild prägt in vielfältigen Formen auch heute unseren Alltag. Dennoch fragen sich viele heute noch: Was war das für ein Mensch? Ein Blender, ein moderner Goethe, ein Reformer oder ein Rassist?

Bewunderung und Häme

Rudolf Steiner greift zu Beginn des 20. Jahrhunderts die geistigen Strömungen seiner Zeit auf und verarbeitet sie zu seinem – manchmal etwas verschwurbelten - Gedankengebäude. Wenn auch seine Theorien nicht immer hieb- und stichfest sind, so fesselt er als begnadeter Redner doch sein Publikum. Auch Albert Einstein gehört häufig zu seinen Zuhörern. Der Begründer der Relativitätstheorie ist allerdings kritisch: "Bedenken Sie doch diesen Unsinn: übersinnliche Erfahrung. Wenn schon nicht Augen und Ohren, aber irgendeinen Sinn muss ich doch gebrauchen, um irgendetwas zu erfahren."

Der Schriftsteller Stefan Zweig hingegen ist von Steiner angetan: "Es war aufregend, ihm zuzuhören, denn seine Bildung war stupend und vor allem gegenüber der unseren, die sich allein auf Literatur beschränkte, großartig vielseitig." Aber es schlagen Steiner ebenso Häme und Verachtung entgegen. Kurt Tucholksy nennt ihn den "Jesus des kleinen Mannes."

Auf der Suche nach einem neuen Weltbild

Rudolf Steiner Wandtafelzeichnung Anthroposophie als Kosmosophie (Foto: Rudolf Steiner Archiv)

"Anthroposophie als Kosmosophie", eine von 6000 Wandtafelzeichnungen Steiners

1902 schließt Rudolf Steiner sich der theosophischen Gesellschaft an, einer esoterischen, teils obskur geltenden Vereinigung. Aus ihr heraus entwickelt er eine eigene Weltanschauung – die Anthroposophie. 1912 gründet er in Köln die erste Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft AAG. Für Rudolf Steiner beginnt nun eine produktive Phase, die bald in allen Bereichen des Lebens ihren Niederschlag findet. Er hat konkrete Vorstellungen über den Aufbau des Staates, die Organisation eines öffentlichen Gesundheitswesens. Er beschäftigt sich mit Landbau, Pädagogik, Kunst, Design.

Über allem aber schwebt der Verdacht: Der Mann ist zu abgehoben. Zu esoterisch. Man könne doch kein naturwissenschaftliches Weltverständnis in ein spirituelles überführen, verlautet es aus Universitätskreisen. Steiner aber ist nicht zu stoppen. Er entwickelt eine neuartige Bewegungslehre, die Eurythmie. Eine Art Tanz, der Klänge anhand von Gesten und Gebärden ausdrückt. Man tanzt, was man fühlt, es ist die "Offenbarung der sprechenden Seele", wie Steiner selbst es formuliert. Heute wird die Eurythmie unter anderem als therapeutisches Mittel eingesetzt.

Dann gründet Seiner noch die erste Waldorfschule – im Auftrag des Besitzers der Waldorf Astoria-Tabakfabrik, der eine Schule für die Arbeiterkinder errichten will. Steiner entwickelt ein pädagogisches Konzept, das auf der anthroposophischen Weltanschauung beruht, bildet Lehrer aus und betreut die Schule bis zu seinem Tod.

Ein Multitalent

Das erste Goetheanum, das 1922 abbrannte (Foto: Otto Rietmann)

Das erste Goetheanum, das 1922 abbrannte

Damit nicht genug. Steiner beginnt, sich intensiv mit Kunst und Architektur zu beschäftigen. In der Zeit des ersten Weltkriegs entwirft Steiner im schweizerischen Dornach das Goetheanum, als Zentrum der anthroposophischen Gesellschaft und Sitz der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Zahlreiche Künstler wirken an dem Bau mit. Aber in der Sylvesternacht 1922/23 brennt das Goetheanum ab – vermutlich durch Brandstiftung. Rudolf Steiner plant sofort einen Nachfolgebau - diesmal aus Beton und in expressionistischem Stil - ein Meilenstein in der Entwicklung der "organischen Architektur“. Seine Vollendung erlebt der Anthroposoph nicht mehr: 1925 stirbt Rudolf Steiner in Dornach.

Das Goetheanum im schweizerischen Dornau

Das Goetheanum im schweizerischen Dornau

Sein geistiges Erbe ist enorm. Trotz des immer auf ihm lastenden Esoterik-Verdachts haben seine Ideen bis heute in vielen Lebensbereichen Gültigkeit. Auch wenn Steiners verquere Äußerungen zur Rassenfrage immer wieder, bis heute, ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Nicht verwunderlich, wenn er von der "passiven Negerseele" schwafelt, die "völlig ihrer Umgebung, der äußeren Physis hingegeben" sei, dass "Neger" deswegen schwarz seien, weil sie unter ihrer Haut kohlenstoffartige Bestandteile abbauten und sie zuviel in der Sonne seien. Zwei seiner fast 400 Bücher wären fast wegen seiner rassistischen Äußerungen auf dem Index gelandet. Die entsprechenden Textpassagen wurden entfernt.

Spirituelle Staatsfeinde

Bei den Nationalsozialisten stießen Steiners Rassentheorien zwar auf wohlwollendes Interesse, dennoch war ihnen die Anthroposophie nicht geheuer. Die Waldorfschulen mussten schließen, da deren pädagogischer Ansatz "nichts mit den nationalsozialistischen Erziehungsgrundsätzen gemein hat", so SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich. Im gleichen Zug wurde die Anthroposophische Gesellschaft verboten. Heydrich: "Nach der geschichtlichen Entwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft ist diese international eingestellt und unterhält auch heute noch enge Beziehungen zu ausländischen Freimaurern, Juden und Pazifisten. (…) Die Organisation ist daher wegen ihres staatsfeindlichen und staatsgefährdenden Charakters aufzulösen.“

Waldorfschule in Stuttgart (Foto: Aldinger Architekten, Roland Halbe)

Die Waldorfschule in Stuttgart

Nach dem Zweiten Weltkrieg machten die Schulen wieder auf, und die Anthroposophische Gesellschaft formierte sich wieder. Richtig durchgestartet sind Steiners Lehren im Zuge der Umweltbewegungen der 1970er Jahre: Bauernhöfe betrieben biodynamische Landwirtschaft, anthroposophische, sprich ganzheitliche Medizin hielt in vielen Arztpraxen Einzug.

Heute werden in weltweit 1028 Waldorfschulen Kinder nach Steiners pädagogischem Konzept ausgebildet, sie können am Ende sowohl Eurythmie und Töpfern als auch Lesen, Schreiben und Mathematik. 233 Waldorfschulen gibt es allein in Deutschland. Heute hat die Anthroposophische Gesellschaft weltweit rund 50.000 Mitglieder, in Deutschland sind es allein 20.000. Am 28. Dezember feiert der deutsche Ableger der AAG seinen 100. Geburtstag.

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