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Wirtschaft

Tante Emma kommt zurück

In Deutschland werden immer mehr Dorfläden gegründet. Jetzt wollen auch ehemalige Schlecker-Mitarbeiterinnen die alten Filialen in kleine Lebensmittelgeschäfte verwandeln.

Pläne mit guten Erfolgssaussichten, finden Unternehmensberater. Zum Beispiel in Ottersen. Fast wäre der kleine Ort zwischen Bremen und Hannover eines von vielen deutschen Dörfern ohne Geschäft geworden. Aber als im Jahr 2000 das letzte der einst drei Geschäfte vor der Schließung stand, schritten die Bürger ein. 524 Einwohner hat der niedersächsische Ort, 70 davon gründeten eine Genossenschaft und steckten Geld in ein Geschäft für Otersen. "Wir wollten ein lebendiges Dorf bleiben", sagt Mitgründer und Dorfladen-Vorstand Günther Lühning. "Dazu gehört ein Dorfladen."

Das sehen immer mehr Bürger so. Darauf hoffen jetzt auch 35 ehemalige Schlecker-Mitarbeiterinnen aus Baden-Württemberg. "In einigen Orten war eben der Schlecker das einzige Geschäft", sagt Wolfgang Gröll, der sich auf die Beratung von Dorfäden spezialisiert hat. Zurzeit analysiert er ehemalige Standorte des Pleite gegangenen Unternehmens in Baden-Württemberg daraufhin, ob und wie sie sich wiederbeleben lassen. Die Schlecker-Frauen wünschen sich, sie als Genossenschaften weiterzuführen. "Wir haben schon einige geeignete Standorte identifiziert und führen Gespräche mit Kommunen und lokalen Initiativen", sagt Wolfgang Krüger von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.

Die Gewerkschaft übernimmt die Anschubfinanzierung von drei Läden, die Linkspartei des Landes die von zwei weiteren, und auch die evangelische Betriebsseelsorge wird einen Laden unterstützen. In drei Dörfern im Raum Ludwigsburg sei die Planung schon konkret.

Die Dorfladen-Renaissance

Mit dem Schlecker-Konzept sollen die Läden aber nicht mehr viel zu tun haben. "Es wird eher in Richtung Mini-Supermarkt oder Dorfladen gehen", sagt Gröll. Für die Finanzierung und den Erhalt des Ladens werden Kommunen und Bürger angesprochen. Mini-GmbHs, Bürgergenossenschaften, Finanzmodelle, kommunale Beteiligung - viele Dorfläden der neuen Generation funktionierten so, sagt der Münchener Unternehmensberater.

Und sie erleben damit seit einigen Jahren eine Renaissance. "Die Schlecker-Pleite beflügelt den Trend", sagt Gröll. Rund 200 Dorfläden gebe es in Süddeutschland, schätzt er. Hinzu kämen etwa 100 weitere im Rest der Republik, sagt Günther Lühning aus Otersen, auf dessen Webseite "dorfladen-netzwerk.de" sich die Dorfladenbewegung austauscht.

"Die Bürger wollen in der Nähe einkaufen", sagt Gröll. "Das wird durch den demografischen Wandel noch zunehmen. Deshalb unterstützen viele Kommunen die Läden." Zudem kauften immer mehr Menschen aus Überzeugung regional ein. Um bestehen zu können, müssen Dorfläden aber anders sein als eine Supermarktkette, eher wie ein Tante-Emma-Laden, weiß der Berater: "Anders als beim Discounter gibt es auf wenig Fläche viel Personal. Aber die Läden punkten durch Extra-Dienstleistungen und können genau auf die Bedürfnisse im Ort eingehen."

Auch die Politik macht mit

Im Dorfladen Niederrieden im Allgäu bietet Geschäftsführer Michael Friedrich deshalb Kinderbetreuung an und einige Kaffeetische. "Hier läuft viel Kommunikation", sagt Friedrich. Rote Zahlen schreibt er seit Jahren nicht mehr, beim Umbau halfen Ehrenamtliche, und die Vereine des Dorfes bestellen für ihre Feiern bei ihm. "Wir haben schon vor der Gründung 2004 überall im Dorf Unterstützer gesucht", sagt Friedrich. Die Gemeinde zahlte die Kapitaleinlage der GmbH, die auch noch 140 stille Beteiligte hat.

In Otersen ist der Dorfladen ganz in Bürgerhand: "120 Bürger haben Anteile", sagt Günther Lühning. Und an Spitzentagen hat er 200 Kunden pro Tag im Geschäft. "Ein Dorfladen muss aus der Bevölkerung entstehen, sonst läuft es nicht", sagt er. "Die Bürger entscheiden beim Einkaufen.» Lühning bietet 2.000 Produkte auf 180 Quadratmetern an - und ein Café, für das 40 Frauen aus dem Dorf ehrenamtlich arbeiten. Fünf Angestellte auf 2,5 Stellen arbeiten im Laden, er selbst macht die Vorstandsarbeit in seiner Freizeit.

Sein Modell könne auch für Ex-Schlecker-Mitarbeiter funktionieren - "wenn der Ort mitspielt", sagt der Sparkassen-Betriebswirt. Auch die Politik ist überzeugt: Der baden-württembergische Finanzminister Nils Schmid (SPD) signalisierte bereits Unterstützung, und im Saarland will die Linkspartei eine ähnliche Initiative für die Schlecker-Filialen anstoßen.

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