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Politik

Tansu Çiller: Führungskraft ist jetzt am Wichtigsten

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass die türkische Wirtschaftswissenschaftlerin Tansu Çiller als erste Frau Ministerpräsidentin in ihrem Land wurde. Über ihre Erfahrungen spricht sie in einem Interview mit DW-WORLD.

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Tansu Çiller

DW-WORLD: Vor mehr als zehn Jahren waren Sie die erste Premierministerin Ihres Landes. Welches Zeichen hat die Türkei damit gesetzt?

Ich war eine Pionierin, aber ich hatte große Unterstützung – sowohl von Männern als auch von Frauen. Mehr als 80 Prozent haben damals für mich gestimmt. Es war wichtig zu zeigen, dass Kompetenzen zählen - unabhängig vom Geschlecht. Die Türkei hat sich als modernes Land präsentiert.

Mit welchen Problemen hatten Sie zu kämpfen?

Als Frau in einer solchen Position hat man sowohl Vorteile als auch Nachteile. Aber mit der Zeit kann man beweisen, dass fachliche Qualifikationen am wichtigsten sind. Und wenn das irgendwann geschieht, spielt das Geschlecht keine Rolle mehr. Die Führungsstärke steht dann im Vordergrund.

Wo sehen Sie Parallelen zu Frau Merkels Situation?

Auch Frau Merkel ist in einer Vorreiterrolle weil sie die erste Frau in der Position ist und ich freue mich darüber, dass Deutschland eine Kanzlerin bekommt. Wie ich muss auch sie versuchen, eine Koalition zu vereinen und zu steuern. Auch ich musste damals eine Koalition mit den Sozialdemokraten führen und unterschiedliche Positionen zusammenbringen.

Welchen Rat würden Sie Frau Merkel geben?

Ich rate ihr, dem Volk für die Wahl dankbar zu sein und ihm zu dienen – Männern wie Frauen. Denn Deutschland hat ihr mit der Wahl das Vertrauen ausgesprochen.

In der Vergangenheit wurde viel über Frau Merkels Aussehen geredet. Ihre Frisur und ihre Kleidung standen immer wieder im Mittelpunkt des Interesses. Ist Ihnen das auch passiert?

Das passiert leicht, wenn Leute im Rampenlicht stehen und Menschen, die Führer in einer Gesellschaft sind, rufen in der Regel diese Art von Beachtung hervor. Mit der Zeit werden es die Entscheidungen und die Führungskraft sein, die Beachtung finden. Denn Führungskraft ist im Moment am Wichtigsten. Und dann werden auch die anderen Punkte, die jetzt noch im Vordergrund stehen, in den Hintergrund rücken. Dann werden die Deutschen Frau Merkel als Kanzlerin betrachten, die wichtige Entscheidungen für das Leben der Menschen fällt.

Sie haben sich für die Türkei so schnell wie möglich eine EU-Mitgliedschaft gewünscht. Frau Merkel favorisiert die privilegierte Partnerschaft. Wie denken Sie darüber?

Es ist eine Sache, was man als Oppositionsführer denkt. Aber es ist etwas anderes, wenn man als Kanzlerin mit einer Vision an die Sache herangehen muss. Ich denke, dass die neue Kanzlerin eine Vision für die Welt und ihr eigenes Land haben muss und wenn und falls sie eine Vision hat, wird sie bald anders denken.

Wie wird Frau Merkel in der Türkei wahrgenommen?

Wir sind froh, dass Deutschland jetzt eine Phase durchläuft, die die Türkei bereits durchlaufen hat. Und wir wünschen Frau Merkel viel Erfolg, weil wir das Gefühl haben, dass die Menschen in Deutschland enge Verbündete und Freunde sind. In der Geschichte sind wir uns immer sehr nah gewesen. Deshalb hoffen wir auf eine Führung mit einer Vision.

Was möchten Sie Frau Merkel sagen?

Ich gratuliere ihr und wünsche ihr alles Gute. Und ich hoffe, dass sie als Führungskraft eine Vision für die Zukunft haben wird und an die Vorteile für ihr Land denkt, das meiner Meinung nach extrem von einer EU-Mitgliedschaft der Türkei profitieren würde.

Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin Tansu Çiller war als erste Frau der türkischen Republik von 1993 bis 1996 Ministerpräsidentin des Landes. Die Berufung von Tansu Çiller wurde als deutliches Signal an islamische Fundamentalisten und auch an die westliche Welt aufgenommen. Die Premierministerin galt als Symbol- und Identifikationsfigur einer modernen Türkei. Seit 1996 hatte Tansu Çiller wegen der Ansammlung erheblicher Vermögenswerte mit Korruptionsvorwürfen zu kämpfen.

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