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Europa

Tankstelle der Ausgebremsten

Über 60.000 Flüchtlinge sind in diesem Jahr schon nach Europa gekommen. Doch auf der Balkanroute werden sie immer stärker ausgebremst. Eine Tankstelle in Griechenland wird dafür zum Inbegriff, berichtet Nemanja Rujević.

Reham Amairy kann ziemlich lange aufzählen, vor wem sie in den letzten Wochen alles geflohen ist: vor der Terrormiliz IS, verschiedenen Rebellengruppen, dem syrischen Regime. Sie alle seien gegen normale Menschen, findet die 23-jährige Palästinenserin, die mit dem Flüchtlingssein schon jede Menge Erfahrung hat. Sie wuchs in Jarmuk auf, dem am südlichen Rand von Damaskus gelegenen palästinensischen Flüchtlingslager. Sie erzählt auch von einer schrecklichen Nacht auf hoher See, als die Ägäis ihr kleines Boot zu schlucken drohte. Aber jetzt gerade versucht Reham, dem eisigen balkanischen Wind zu entfliehen. "Die Lage ist hier miserabel, es ist so kalt", sagt sie, und versteckt ihr Gesicht tiefer in ihrer Kapuze mit Kunstpelz. "Schon drei Tage lang warten wir hier und schlafen in Bussen."

An der Tankstelle Polykastro brennt ein Feuer (Foto: Rujevic/DW)

Ein Feuer gegen die Kälte - auf dem Rastplatz

Der Kampf um die Suppe

Hier - das ist die mittlerweile berüchtigt gewordene Tankstelle Polykastro, oder besser: in der Nähe der griechischen Kleinstadt, auf der Europastraße 75, etwa 20 Kilometer von der griechisch-mazedonischen Grenze entfernt . An der Raststätte stehen Busse dicht an dicht. Über 80 an der Zahl, was einer Menschenmenge von etwa 4000 Flüchtlingen entspricht. Aus Athen werden Flüchtlinge pausenlos hierher kutschiert, obwohl die mazedonischen Grenzpolizisten den Weg immer wieder versperren. "Daran ist ja nicht Griechenland schuld", sagt ein mit Schal vermummter Polizist, als wolle er seine Heimat in der Flüchtlingskrise entschuldigen. Nein, mit den Mazedoniern gebe es gar keine Kommunikation.

Die Regierung in Skopje gibt ihrerseits gelegentlich Erklärungen ab, warum die Grenze so oft dicht ist. Mal heißt es, es gebe eine Bahnpanne in Slowenien. Mal haben mazedonische Taxifahrer mit einer Blockade protestiert, weil die Flüchtlinge - noch bis vor kurzem hochwillkommene Kundschaft - jetzt fast ausschließlich Bus und Eisenbahn nutzen, um das kleine Land zu durchqueren. Wann und wie viele Menschen doch in Richtung Westeuropa durchgelassen werden, das weiß an der Tankstelle keiner so genau.

Auch Jakob rätselt. Der 25-Jährige - blond, groß, die Kleidung von der Arbeit schmutzig - ist aus Leipzig gekommen, um an der Raststäte zu helfen. "Ich habe mitgekriegt, dass hier von staatlicher Seite und von den großen NGOs viel nicht abgedeckt wird. Anderseits wollte ich sehen, was hier tatsächlich los ist." Jakob gehört in seiner Stadt zur sogenannten Anarchoszene, erzählt aber lachend, dass nicht alle hier unbedingt Anarchisten sind. Es sind Helfer aus Holland, der Schweiz, sogar aus Neuseeland angereist. Aus ihrem alten verbeulten Kombi schenken sie selbstgemachte Suppe in Plastiktassen aus, Hunderte Flüchtlinge stehen diszipliniert in der Schlange. Die heiße Suppe hat eine Vorgeschichte: Es hat viel Nerven und Zeit gekostet, ehe die Tankstellenpächterin die Versorgung mit warmem Essen auf ihrem Gelände erlaubte.

In der Tankstelle Polykastro werden Geschäfte gemacht (Foto: Rujevic/DW)

In der Tankstelle werden Geschäfte gemacht

"Die Tante möchte für ihre Chips kassieren", sagen die Freiwilligen spöttisch. Zugegeben, "die Tante" ist geschäftstüchtig: Zügig wurden Aushilfskräfte beschäftigt, die versuchen, den Bestellungen der Flüchtlinge mit Hähnchengyros und Süßigkeiten nachzukommen. Eine Ecke des knappen Raums wurde in eine kleine Boutique umfunktioniert - die Winterjacken sind logischerweise ein Renner. Die Preise hingegen sind weniger kundenorientiert: Eine Portion Gyros mit Pommes kostet für griechische Verhältnisse abenteuerliche sieben Euro, einen Teller Suppe bekommt man für sechs.

Die Routine

Draußen brennen Dutzende Lagerfeuer, von begeisterten Kindern am Leben gehalten, die ungeduldig neue Zweige auflegen. Jungs spielen Fußball und Volleyball, einige suchen Schutz vor dem Wind in den Gepäckräumen der Omnibusse, wo es warm genug ist und doch nicht muffig wie oben. Zwei Männer breiten eine Decke aus und ziehen ihre Schuhe aus, um zu beten. Die Balkanroute lehrt, dass sich eine Routine überall dort schnell entwickelt, wo die Flüchtlinge zu Tausenden stranden. Gewiss, die Routine hat auch ihre hässliche Seiten: Etwa die Mutter, die ihr Baby auf dem Asphalt wickeln muss, weil sie sich nicht anders zu helfen weiß. Oder Dutzende Eltern, die ihre Kinder zu der mobilen Station der Ärzte ohne Grenzen bringen, weil deren Erkältung eigentlich längst behandelt hätte werden müssen.

"Viele dieser Leute wissen gar nicht, dass sie nicht durchkommen, das erfahren sie erst an der Grenze", sagt der Helfer Jakob. Er meint damit alle, die nicht Syrer, Iraker oder Afghanen sind und somit in der Lesart der Balkanländer nur als "Wirtschaftsflüchtlinge" eingestuft werden. Außerdem sollen Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich am Mittwoch in Skopje vereinbart haben, nur Flüchtlinge mit "gültigen Reisedokumenten" durchzulassen. Es blieb zunächst unklar, ob das alle diejenige ausschließt, die kein Pass mehr besitzen. Und was machen Menschen, die nicht weiterdürfen? "Viele versuchen, zu Fuß über die grüne Grenze zu kommen oder halten sich in den Wäldern auf. Und die Familien mit Kleinkindern, die das nicht können… naja, es gibt immer Busse zurück nach Athen." Ein absichtliches Versagen Europas, so sieht Jakob, der Anarchist von Leipzig, die Lage.

Reham Amairy ist weniger politikkundig. Die Palästinenserin besitzt einen syrischen Pass und den eisernen Willen, nach Hamburg zu gelangen, wo ihr Bruder schon früher als Flüchtling untergekommen ist. "Ich bin jetzt obdachlos und hoffe, ein neues Zuhause und Frieden zu finden." Als schwere Regentropfen langsam beginnen, das Getöse der Raststätte lahmzulegen, erzählt Reham noch, dass sie in Hamburg gerne weiter englische Literatur studieren möchte. Oder eben Krankenschwester werden. Das gehe auch.

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