1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Taliban planen Vertretung in Katar

Die Taliban planen, eine politische Vertretung im Ausland einzurichten. Mit Katar wurde eine vorläufige Vereinbarung getroffen. Die Vertretung in einem neutralen Land soll die Friedensgespräche erleichtern.

Jahrelang lehnten die USA Verhandlungen mit den Taliban ab. Seitdem die NATO aber beschlossen hat, bis 2014 alle Kampftruppen aus Afghanistan abzuziehen, ist auch den USA klar geworden, dass eine dauerhafte Stabilität Afghanistans nur mit den Taliban möglich ist. Der amerikanische Vizepräsident Joe Biden ging deswegen einen Schritt auf die Taliban zu, als er am Sonntag (01.12.2011) sagte: "Die Taliban sind nicht per se der Feind."

Der afghanische Präsident Hamid Karsai bemüht sich seit Jahren darum, mit den Taliban in Verhandlungen zu treten, war bisher aber immer gescheitert. Er hätte es vorgezogen, dass die Taliban ein Kontakbüro in Afghanistan einrichten. Ende 2010 beugte Karsai sich dem internationalen Druck und erklärte sich schriftlich bereit, eine Vertretung der Taliban außerhalb Afghanistans zu akzeptieren.

Ein erster Schritt Richtung Verhandlungen

Den Vorschlag der afghanischen Regierung haben die Taliban offenbar aufgegriffen. Konkrete Schritte zur Eröffnung eines Büros in Katar wurden unternommen. Die Taliban sind sich ihrer Stärke bewusst. "Wir sind nur einverstanden, über ein politisches Büro im Ausland für Verhandlungen zu verfügen, während wir im Inneren (in Afghanistan) eine starke Präsenz haben" hieß es in einer Erklärung der Taliban.

Kanadische und französische Soldaten beim Appell in Afghanistan (Foto: AP)

2014 sollen die letzten Soldaten der ISAF-Truppe aus Afghanistan abziehen

Es handelt sich dennoch nur um einen ersten kleinen Schritt. Die Taliban betonten nämlich zugleich, dass sie an ihren grundsätzlichen Forderungen festhalten. Alle ausländischen Truppen müssten Afghanistan verlassen. Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa erklärte Mudschahid, ein Sprecher der Taliban: "Wir werden unsere Militäraktionen nicht einstellen, auch wenn wir ein Büro in Katar eröffnen." Dieser Schritt bedeute nicht das Ende "unseres heiligen Kampfes gegen die Invasoren." Außerdem forderten die Taliban die Freilassung von inhaftierten Gefangenen, die im US-amerikanischen Gefangenenlager Guantanamo-Bay auf Kuba einsitzen.

Terror geht ungebremst weiter

Mehrere Anschläge unterstreichen, dass die Taliban trotz der Initiative in Katar an der Gewalt festhalten. Am Dienstag (03.12.2011) kam es in der Provinzstadt Kandahar zu mehreren Anschlägen. Nach Angaben eines Polizeichefs kamen bei einem Raketenangriff mindestens zwölf Menschen ums Leben, 28 wurden verletzt. Ein Selbstmordattentäter sprengte sich am Abend im Stadtzentrum in die Luft und riss sieben Menschen mit in den Tod. Vorher hatte ein anderer Selbstmordattentäter eine mit Sprengstoff beladenes Mottorrad in die Luft gejagt und vier Kinder und einen Polizisten getötet.

Bewaffnete und maskierte Kämpfer der Taliban in den Bergen (Foto: EPA)

Seit 11 Jahren bekämpfen die Taliban die Regierung Karsai

Angesichts dieser tödlichen Bilanz halten die USA an ihrer Forderung fest, dass echte Friedensverhandlungen nur möglich sind, wenn die Taliban der Gewalt, insbesondere der Gewalt gegen Zivilisten, entsagen. Joe Biden betonte in einem Newsweek Interview nochmals, dass die Taliban alle Verbindungen mit Al Qaida kappen müssten.

Auch die internationale Gemeinschaft stellt Bedingungen. Die Taliban müssten sich vor der Aufnahme von Gesprächen vom internationalen Terrorismus lossagen sowie die afghanische Verfassung und die Menschenrechte respektieren. Diese Punkte waren auf der Abschlusserklärung der Bonner Afghanistankonferenz im Dezember 2011 nochmals bekräftigt worden.

Reaktionen aus Afghanistan

Djanan Musazai, ein Sprecher des afghanischen Außenministeriums, hat gegenüber dw-world.de die Eröffnung eines "Kontaktbüros" der Taliban und anderer Aufständischer als "praktischen Schritt für Friedensverhandlungen" begrüßt. Er warnte aber gleichzeitig vor einer "Einmischung von Ausländern" in den Friedensprozess.

Laut einem Bericht von Reuters schloss Friedensratmitglied Arsala Rahmani nun direkte Verhandlungen zwischen den Taliban und den USA nicht mehr aus. "Es ist wichtig für die Taliban, mit der internationalen Gemeinschaft zu verhandeln - insbesondere mit den USA." Die Eröffnung einer offiziellen Vertretung in Katar sei ein Zeichen des guten Willens. Der Friedensrat war im Oktober 2010 von Karsai gegründet worden, um die Konfliktparteien des Landes an den Verhandlungstisch zu bringen.

Afghanistans Präsident Hamid Karsai (Foto: DW)

Afghanistans Präsident Hamid Karsai

Auch der Stellvertreter des Vorsitzenden des Friedenrats, Ataullah Ludin, begrüßte die Ankündigung. "Wir begrüßen die Bereitschaft der Taliban in Katar eine Vertretung zu eröffnen. Der Friedensrat ist damit einverstanden. Das war auch eine unserer Forderungen und wir unterstützen diesen Schritt."

Auf die Frage, mit welcher Gruppe der Taliban sich die afghanische Regierung überhaupt an den Verhandlungstisch setzen würde, sagte Musazai, dass dies den Taliban überlassen bleibe, es sich aber natürlich um einen zuverlässigen Vertreter der Taliban und anderer Aufständischer handeln müsse.

Die Afghanen beobachten die Entwicklungen mit gemischten Gefühlen. Einige fürchten, dass die Taliban, wenn sie Zugang zur Politik des Landes erhielten, die Menschenrechte und Freiheiten untergraben würden. "Ein Kontaktbüro allein kann keinen Frieden bringen. Man kennt die Anführer der Taliban nicht," meint eine Bewohnerin Kabuls. Andere dagegen sind der blutigen Kämpfe so überdrüssig, dass sie jedes Anzeichen einer Annäherung der Konfliktparteien begrüßen. "Das Kontaktbüro kann dazu beitragen, dass die afghanische Regierung ihre Vorschläge für den Friedensprozess an eine Anschrift richten. Vorher hatte man keine bestimmte Adresse gehabt."

Autor: Rodion Ebbighausen
Redaktion: Ziphora Robina

Die Redaktion empfiehlt