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Sport

Talentschmiede in Blau und Weiß

Die Bundesligavereine investieren mehr denn je in die Jugend - die ersten Früchte erntet die deutsche Fußballnationalmannschaft. Wie funktioniert die Nachwuchsarbeit? Wir haben uns bei Hertha BSC Berlin umgesehen.

Hertha-Stars Gimenez und Pantelic mit Maskottchen 'Herthinho'

Hertha-Stars Gimenez und Pantelic mit Maskottchen 'Herthinho'

Die Situation bei Hertha ist typisch für viele Bundesligavereine. Der Klub, der sich mit einer Schuldenlast von 46 Millionen Euro konfrontiert sieht, kann sich keine teuren Transfers leisten und ist auf die Schulung von jungen Talenten angeweisen. 12 der 27 Spieler im derzeitigen Profikader bei Hertha BSC stammen aus der eigenen Jugend.

Robert Huck (19) und Christoph Klaiber (17) spielen in Herthas B-Mannschaft, dem so genannten U23-Team, das in der drittklassigen Regionallige Nord gegen den Abstieg kämpft. Ihre Ziele sind hoch gesteckt: Während ihre Kollegen sich im Aufenthaltsraum von Herthas Fußballakademie gerade einen Horrorfilm anschauen, erzählen sie vom Traum eines jeden Spielers - nämlich für die Nationalmannschaft zu spielen.

"Auf jeden Fall", sagt Huck. "Gerade wenn man eine WM mitbekommt, zumal im eigenen Land, dann will man schon für sein Land spielen." - "Ich glaube, für keinen gibt es was Schöneres als für das eigene Land zu spielen", ergänzt Klaiber.

70.000 Kilometer im Jahr

U11 der Hertha BSC

U11 der Hertha BSC

Robert Huck und Christoph Klaiber sind nur zwei von etwa 200 jungen Spielern, die von einer Karriere bei Hertha BSC oder auch noch etwas mehr träumen. Jugendkoordinator Frank Vogel erklärt, wie junge Talente gesucht und gefunden werden: Das Scouting beginnt bei Fußballturnieren mit Schulkindern in der Hauptstadt. Mitglieder von Vogels Stab, häufig unbezahlte Freiwillige, beobachten schon siebenjährige Fußballtalente. Die besten von ihnen werden zu Herthas Jugendmannschaften eingeladen. Mit jedem Altersschritt - etwa von U8 bis U9 - verschärft der Verein den Wettbewerb der Jugendlichen und damit den Ausleseprozess.

Ab 15 setzt bei Hertha BSC das Scouting auf nationaler und internationaler Ebene ein. Ausnahmetalente von außerhalb wird einer der 18 Plätze in der vereinseigenen Fußballakademie angeboten. Hier leben die Jugendlichen im Verwaltungs- und Trainingszentrum von Hertha - einen Steinwurf vom Berliner Olympiastadion entfernt.

Jugendkoordinator Frank Vogel

Jugendkoordinator Frank Vogel

Hertha gibt jährlich 4 bis 4,5 Millionen Euro für das Scouting und die Ausbildung der Talente aus - etwa ein Fünftel der Summe, die die Profigehälter verschlingen. Allein schon Frank Vogel legt im Jahr 70.000 Kilometer zurück um viel versprechende Spieler unter die Lupe zu nehmen. Investitionen in Zeit und Geld sind erforderlich, wenn ein Verein in der Bundesliga konkurrenzfähig bleiben will. "Seit einigen Jahren sind die Vereine gezwungen, mehr in diesem Sektor zu unternehmen", sagt Vogel gegenüber DW-WORLD.DE. "Das ist ein Grund, glaube ich, dass die Durchschnittsqualität der jungen deutschen Spieler besser geworden ist, in Richtung Bundesliga."

Lange Tage, harte Arbeit

Ehrgeizige Talente haben nicht viel Zeit für den bei Jugendlichen üblichen Unfug. Schüler der Akademie haben pro Woche acht Trainingseinheiten - daneben erhalten sie die übliche Ausbildung an einer von zwei Spezialschulen, die auf die Bedürfnisse von jungen Spitzensportlern abgestimmt sind.

Joe Simunic beim Billard mit 'Patenkind' Rico Morack

Joe Simunic beim Billard mit 'Patenkind' Rico Morack

Deren Tag beginnt um acht Uhr morgens und endet abend irgendwo nach halb acht - je nachdem wie viel Zeit die Hausaufgaben in Anspruch nehmen. An nahezu jedem Wochenende gibt's ein Fußballspiel - und natürlich Stadionbesuche um die Profis in Aktion zu sehen. Ein Ehepaar, das auch in der Akademie lebt, hat die Aufsicht über die Jugendlichen - außerdem steht jedem ein "Pate" aus Herthas Profimannschaft zur Seite.

Die Erfolge für die "Überlebende" des harten Wettbewerbs können sich sehen lassen. Herthas Kader ist gespickt mit Talenten aus der eigenen Jugend: offensive Mittelfeldspieler wie Kevin Prince Boateng, Chinedu Ede und Patrick Ebert oder Defensivspieler wie Christopher Schorsch, Sofian Chahed und Jerome Boateng.

Jugendkoordinator Frank Vogel glaubt, dass einige durchaus die Chance haben, irgendwann für Deutschland zu spielen: "Bei der entsprechenden Kontinuität, wenn Verletzungen ausbleiben und bei diesem richtigen Biss, Top-Bundesligaspieler zu werden, werden sicherlich ein oder zwei von denen die Chance haben, bei großen Veranstaltungen Nationalspieler zu werden." Beweise für das Potenzial hängen in Vogels Büro an der Wand - in der Form von Zeitungsausschnitten über Spieler wie Malik Fahti und Alexander Madlung (jetzt bei Wolfsburg), die beide aus der Hertha-Jugendschule stammen und inzwischen Nationalspieler geworden sind.

Vogel, ein stämmiger, nüchterner Bursche von Mitte 40, schaut aus als ob er schon viele Herausforderungen in seinem Leben bestanden hat. Trotzdem erinnern die Zeitungsausschnitte an die Bilder von Fußballlegenden, mit denen viele Youngster ihre Zimmer dekorieren.

Verlagerung der Schwerpunkte

Blick in die Hertha-Akademie

Hertha-Akademie Freudenberg

Die Etatkürzungen in der Bundesliga sind gut für die deutsche Nationalmannschaft. Vor zehn Jahren gewannen Schalke 04 und Borussia Dortmund die europäischen Vereinswettbewerbe - die Nationalmannschaft aber flog schon früh aus Welt- und Europameisterschaft. 2007 hat Schalke sich schon lange aus dem UEFA-Pokal verabschiedet und kämpft Dortmund eher gegen den Abstieg - die Nationalelf aber ist auf dem Sprung, als eine der Favoriten zur EM 2008 in der Schweiz und Österreich zu fahren. Der Grund dafür ist, dass die Klubs ihre Prioritäten geändert haben. "Wie andere Vereine schon vorher - etwa VfB Stuttgart - hat Hertha BSC aus der finanziellen Not eine Tugend gemacht, indem sie in die eigene Jugend investierte - statt Millionen für ausländische Stars auszugeben", sagt Rainer Holzschuh, Chefredakteur des führenden deutschen Sportmagazins "kicker". "Und weil Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt, 1. FC Nürnberg ähnlich handeln mussten, stehen jetzt reichlich Talente auf dem Sprung in die Nationalmannschaft."

Deutschland produziert nicht nur mehr Talente. Es bringt auch Spieler hervor, die schon in jungem Alter sehr professionell an den Fußball herangehen. Robert Huck und Christoph Klaiber zum Beispiel erfahren die Spiele der Hertha-Profis nicht wie "normale" Fans. "Ich guck mir die Spiele an, um mich weiter zu entwickeln oder um zu sehen, wie ein bestimmter Spieler in einer Situation handelt", sagt Klaiber. "Man fiebert ein bisschen mit, aber nicht wirklich", fügt Huck hinzu. "Ich guck eher auf die Fehler, kommentiere sie, und setze mich damit auseinander."

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