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Asien

Tagebau im Urlaubsidyll Goa

Goa, der kleinste Staat Indiens, ist als Ferienparadies bekannt. Doch mittlerweile ist die Eisenerzförderung zum wichtisten Industriezweig geworden. Im Tagebau und ohne Rücksicht auf Umweltschäden.

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Zerfurchte Landschaft - Die gestiegenen Preise für Eisenerz machen den Tagebau auf Goa lukrativ

Noch arbeitet der Bauer Rama Velip jeden Tag in seinem Kokoshain und in der neu angelegten Cashew-Nuss-Plantage. Nebenan bewässert er seine Reisfelder. 17 Personen, die ganze Grossfamilie, leben von den insgesamt 15 Hektar, die schon Ramas Vater gekauft hat. Doch Rama weiss nicht, wie lange sie noch bleiben können. Eine Bergbaugesellschaft hat bei der Regierung Goas beantragt, in der Nähe von Ramas Dorf Eisenerz abzubauen. Dann wär es vorbei mit der Landwirtschaft: "Wir kämpfen gegen das Bergwerk", schimpft der Bauer, der Mitte vierzig ist. "Denn Eisenerzabbau macht das Wasser für die Landwirtschaft unbrauchbar und verringert den Grundwasserspiegel. Dann gibt es kein Wasser für die Reisfelder mehr."

Wenig Rücksicht auf Verluste

Strand in Goa Indien

Der Tourismus ist auf Goa ein großes Geschäft...

Beim Eisenerzabbau im indischen Staat Goa wird wenig Rücksicht auf die Umwelt genommen. Seit um die Jahrtausendwende die Rohstoffpreise weltweit explodierten, ist die Zahl der Tagebau-Bergwerke auf Goa in die Höhe geschossen. Ganze Berge werden abgetragen, landwirtschaftliche Nutzflächen hunderte von Metern tief aufgegraben, sogar Urwälder abgeholzt. Die Umweltschäden sind katastrophal, erklärt Claude Alvares von der Umweltschutzorganisation Goa Foundation: "Die Flussbetten unserer beiden grössten Flüsse, Zuari und Mandovi, sind mit einem Film von Bergbauabraum überzogen. Selbst wenn die Bergwerksgesellschaften all ihr Geld dafür ausgäben, würde es nicht reichen, für die entstandenen Schäden zu bezahlen. Laut wissenschaftlicher Untersuchungen waren diese beiden Flüsse schon vor 20 Jahren fast tot. Wie schlimm muss das erst jetzt sein!“

Politiker wiegeln ab

Für fast zehn Prozent der Fläche Goas sind Bergbaulizenzen vergeben. Würden die wirklich alle genutzt, käme es zur absoluten Katastrophe, fürchten die Umweltschützer. Die Politiker jedoch wiegeln ab. Prataphsing Rane, Parlamentssprecher und langjähriger Regierungschef von Goa, beschwichtigt: "Zu sagen, Bergbau ist schlecht, wäre grundsätzlich falsch. Aber natürlich muss der Gesetzgeber die Umwelt schützen, muss nach dem Abbau die Landschaft wieder begrünt werden."

Zynische Lippenbekenntnisse nennt Claude Alvares von der Goa-Foundation solche Erklärungen. Denn erstens sei bis heute kein einziges Bergwerk für erschöpft erklärt und neu begrünt worden. Zweitens habe der Bergbau eine mächtige Lobby: Rund 50.000 Arbeitsplätze hängen in Goa von ihm ab, die grösstensteils einheimischen Gesellschaften machen Milliardengewinne. Und viele Politiker Goas verdienten als Gesellschafter oder Vertragspartner kräftig mit, klagen die Umweltschüzter. Auch der Bauer Rama Velip klagt: "Die Politiker stecken mit den Bergbaugesellschaften unter einer Decke. Die kriegen viel Geld. Sie schicken sogar die Polizei, wenn wir gegen den Bergbau protestieren. Die Gesellschaften erstatten Anzeige gegen uns und wir werden verhaftet. Ich war schon vier Mal im Gefängnis."

Widerstand nimmt zu

Abbau von Eisenerz in Goa Indien

...aber auch das ist mittlerweile Realität. Gigantische Abraumhalden türmen sich auf

Und trotzdem wird der Widerstand gegen den Raubbau an der Natur immer grösser. Dorfbewohner blockieren Strassen, weil die Lärmbelastung durch überladene Eisenerzlaster unerträglich ist und der Staub nicht nur die Cashew-Plantagen zerstört, sondern auch Atemwegserkrankungen verursacht. Umweltschutzorganisationen wie die Goa-Foundation klagen gegen Bergbaulizenzen in Naturschutzgebieten und Tierreservaten. Der Wind hat sich gedreht, freut sich Claude Alvares: "Vor einigen Jahren haben die Leute den Bergbau noch hingenommen. Doch seit sie gesehen haben, was mit ihren Dörfern geschieht, sind sie dazu nicht mehr bereit. Die Stimmung hat sich geändert. Und nur das viele Geld, das mit Bergbau gemacht wird, sowie die stillschweigende Toleranz der Politik halten den Wirtschaftszweig noch am Leben."

Zentralregierung greift ein

Der Kampf gegen die Bergwerkslobby wird noch lange dauern, weiss Claude Alvares von der Goa-Foundation. Wegen des hohen Eisenpreises wird in Goa inzwischen auch qualitativ minderwertiges Erz abgebaut. Allein in der Nähe des Dorfes von Bauer Rama Velip wollen deshalb zwei weitere Unternehmen schürfen. Die Klagen dagegen sind bereits eingereicht. Doch der Weg durch die Instanzen der indischen Justiz kann bis zu zwanzig Jahren dauern. Einen ersten wichtigen Sieg haben die Umweltschützer trotzdem errungen: Der zuständige Minister der indischen Zentralregierung hat vor kurzem erklärt, er werde solange keine der für neue Bergwerke benötigen Umweltverträglichkeitsstudien absegnen, bis die Staatsregierung von Goa ihre Bergbaupolitik klar definiert.

Autor: Jochen Faget

Redaktion: Silke Ballweg