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Geschichte

Tage, die die Welt veränderten – ein Reporter erinnert sich

Der Wiedervereinigung gingen turbulente Monate voraus. Für Marcel Fürstenau, Korrespondent der Deutschen Welle, bekam Berufliches in dieser Zeit eine nie erlebte persönliche Dimension.

Fest der Einheit vor dem Brandenburger Tor Manfred Vollmer Berlin, 2. Oktober 1990 Vintage Print 20,1 x 31 cm Haus der Geschichte, Bonn EB-Nr.: 1999/02/0446 (Photo für Kalenderblatt)

Anfang 1989 war ich in meine geteilte Heimatstadt Berlin zurückgekehrt, nachdem ich meine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München beendet hatte. Nun arbeitete ich für den Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS). Der Sender war nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA gegründet worden und hatte vor allem in der DDR viele Hörer. Als im Herbst immer mehr Ostdeutsche flüchteten oder gegen das kommunistische Regime demonstrierten, gehörte es zu meinen Aufgaben, regelmäßig einen DDR-Medien-Report zu erstellen.

Kauderwelsch eines kommunistischen Apparatschiks

Marcel Fürstenau heute (Foto: DW)

Marcel Fürstenau heute

Systematisch wertete ich die ostdeutschen Radio- und Fernseh-Berichte über die Veränderungen in der DDR aus. Natürlich sah ich mir auch die live übertragene internationale Pressekonferenz am 9. November 1989 an, in deren Verlauf das Politbüro-Mitglied Günter Schabowski unbeabsichtigt den Mauerfall auslöste. Es war kurz vor 19 Uhr, Schabowski redete schon eine ganze Weile, ohne viel zu sagen. Es war dieses typische Kauderwelsch eines kommunistischen Apparatschiks. Wohl auch deshalb kapierte ich nicht sofort, was er da von einer neuen Reise-Regelung erzählte: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reise-Anlässen und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Das tritt nach meiner Kenntnis sofort ein, unverzüglich."

Was hatte Schabowski da gesagt? Sofort! Unverzüglich! Ich stellte mir das so vor, dass sich ab dem nächsten Morgen lange Schlangen vor den DDR-Amtsstuben bilden würden. Dann wäre ein Formular auszufüllen, das natürlich erst einmal eingehend geprüft werden würde. Und ein paar Tage später hätten die Antragsteller zu uns, in den freien Teil Berlins, fahren dürfen. So war ich es seit meiner Kindheit in umgekehrter Richtung gewohnt. Wir durften ja überall hinreisen. Um allerdings nach Ostberlin zu gelangen, musste ich jedes Mal einen Zettel ausfüllen; die Erlaubnis zur Einreise erhielt man erst ein paar Tage später.

Klischee-Bild vom angepassten DDR-Bürger

Schwarz-Weiß-Foto von Günter Schabowski während der Presse-Konferenz am 9. November 1989 (Foto: dpa)

Schabowski: "Das gilt ab sofort, unverzüglich."

Aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen mit der DDR-Bürokratie und meines Klischee-Bildes vom angepassten Ostdeutschen wäre ich nie im Leben auf die Idee gekommen, dass die Ostberliner Günter Schabowskis gestammelte Sätze wörtlich nehmen und massenhaft zu den Grenzübergängen strömen würden. Aber genau das passierte. Natürlich wollte ich auch so schnell wie möglich zur Mauer. Mein Problem in diesem Moment war, dass ich zusammen mit ein paar RIAS-Kollegen noch den DDR-Medien-Report zu produzieren hatte. Wir mussten zusammenfassen, was DDR-Fernsehsendungen wie die "Aktuelle Kamera" oder der Radiosender "Stimme der DDR" über die Proteste und politischen Entwicklung im eigenen Land berichteten. Mit dieser Arbeit waren wir meistens erst kurz vor Mitternacht fertig. Schließlich waren mehrere Stunden Material auszuwerten.

Im Taxi zum Checkpoint Charlie

Im West-Fernsehen sahen wir die ersten Bilder von offenen Grenzübergängen. Längst war uns klar, dass wir Zeugen und Teil eines welthistorischen Ereignisses waren. Als unser DDR-Medien-Report fertig war, stürzten wir aus dem Funkhaus und fuhren mit dem Taxi zum etwa sechs Kilometer entfernten "Checkpoint Charlie". Jahrelang bin ich regelmäßig an diesem Grenzübergang vorbeigegangen. Er war nur einen Steinwurf vom Hochhaus des Springer-Verlags entfernt, wo ich bis 1987 als Sportjournalist für die "Berliner Morgenpost" gearbeitet hatte.

Die Sprecherin der DDR-Nachrichtensendung 'Aktuelle Kamera' berichtet am 9. November 1989 über die Ereignisse in Berlin. Im Hintergrund ist eine Landkarte mit den Grenzen zwischen der BRD, der DDR und der CSSR zu sehen. (Quelle: Deutsches Rundfunkarchiv)

Die 'Aktuelle Kamera' am 9. November 1989.

Von meinem Schreibtisch aus konnte ich über die Mauer auf den Todesstreifen blicken. Die gespenstische Ruhe war Normalität. Und plötzlich feierten wir hier das Unfassbare, den Fall der Mauer. Sektkorken knallten, hupende Autofahrer fuhren in ihren "Trabis" aus DDR-Produktion quer durch die Stadt zum Kurfürstendamm, dem glitzernden Luxus-Boulevard im tiefen Westen, der für die Ostberliner noch vor wenigen Stunden für immer unerreichbar zu sein schien.

Wie kam ich zum Kurfürstendamm?

Morgens um 6 Uhr war auch ich dort. Keine Ahnung, wie ich dahin gekommen bin. Müde war ich kein bisschen, die Erlebnisse waren viel zu aufwühlend, um auch nur einen Gedanken an Schlaf zu verschwenden. Wahrscheinlich habe ich mich dann am Nachmittag des 10. Novembers mal kurz hingelegt. Am Abend stand ich dann ein paar hundert Meter vom RIAS-Funkhaus entfernt in einer riesigen Menschenmenge vor dem Schöneberger Rathaus, in dem der Westberliner Senat seinen Sitz hatte.

Willy Brandt mit vor der Brust gefalteten Händen auf einem Bild aus dem Jahre 1988 (Foto: AP)

Willy Brandt: "Ein schöner Tag."

Auf dem John-F.-Kennedy-Platz, wo der später ermordete US-Präsident den Berlinern nach dem Mauerbau 1961 Mut zugesprochen hatte, lauschten wir ergriffen den Worten unseres ehemaligen Bürgermeisters und Friedensnobelpreis-Trägers Willy Brandt: "Dies ist ein schöner Tag nach einem langen Weg. Aber wir befinden uns erst an einer Zwischenstation. Wir sind noch nicht am Ende des Weges angelangt. Es liegt noch eine ganze Menge vor uns."

An die deutsche Wiedervereinigung dachte in diesem Moment niemand, auch mir war dieser Gedanke völlig fern. Ich kannte meine Stadt nur mit der Mauer, war ein Jahr nach ihrem Bau geboren worden und wohnte fast 20 Jahre lang in ihrem Schatten. Vom Küchenfenster aus konnte ich in den Osten schauen, sah jeden Tag Stacheldraht und patrouillierende Grenzsoldaten. Die verrichteten auch weiterhin ihren Dienst, aber plötzlich erschienen sie mir menschlich, ja sogar sympathisch. Vor dem Mauerfall haben sie vielleicht auf Flüchtlinge geschossen, dachte ich, und nun lassen sie mich mit einem Lächeln nach Ostberlin durch.

Ein Brautpaar vor dem Brandenburger Tor

Sechs Wochen später, zwei Tage vor Heiligabend, wurde das Wahrzeichen Berlins, das Brandenburger Tor, geöffnet. Und wieder war ich dabei, nicht dienstlich, sondern ganz privat. Es regnete in Strömen, was niemanden auch nur im Geringsten störte. An ein Bild erinnere ich mich noch ganz genau: ein Braut-Paar, sie ganz in Weiß, er in Schwarz in der ansonsten grauen Masse, die der Rede des DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow zuhörte: "Die Öffnung des Brandenburger Tores signalisiert heute der ganzen Welt die denkbar beste Absicht: Begegnung von Menschen zu fördern", sagte Modrow. "Nehmen Sie es als ein neues Zeichen des guten Willens meiner Regierung, diesem humanistischen Anliegen zu dienen."

Am 22. Dezember 1989, einem wolkenverhagenen und regnerischen Tag, wird das Brandenburger Tor geöffnet. Tausende Menschen sind dabei, manche schützen sich mit Regenschirmen (Foto: dpa)

22. Dezember 1989: Das Brandenburger Tor ist auf.

Was für Worte von einem Politiker, dessen Regime Jahrzehnte alles dafür getan hatte, dass sich Ost- und Westdeutsche immer fremder wurden. Da stand ich nun am 22. Dezember 1989 vor dem Brandenburger Tor und musste daran denken, dass zweieinhalb Jahre zuvor, im Juni 1987, der damalige US-Präsident Ronald Reagan hier auf einem Holzpodest vor der Mauer gestanden hat. Auch dieses Ereignis erlebte ich aus nächster Nähe. Obwohl zu dieser Zeit Michail Gorbatschow in der Sowjetunion einen behutsamen politischen Wandel eingeleitet hatte, kam mir Reagans Appell doch ziemlich weltfremd vor: Mr. Gorbatschow, open this Gate! Mr. Gorbatschow, tear down this wall!

Ich hielt Reagans Auftritt für eine hollywoodreife Inszenierung, der kein Happyend beschieden sein würde. Zum Glück habe ich mich geirrt. Den Schlussakkord dieses wahr gewordenen Märchens erlebte ich am 3. Oktober 1990 vor dem Reichstagsgebäude, als Bundespräsident Richard von Weizsäcker um Mitternacht die deutsche Wiedervereinigung verkündete. Vor knapp einen Jahr hatte hier noch eine Mauer gestanden.

Autor: Marcel Fürstenau

Redaktion: Dеnnis Stutе