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Asien

Tadschikistan sucht flüchtige Islamisten

In Tadschikistan sind 25 Islamisten aus einem Gefängnis ausgebrochen. Die Regierung befürchtet eine Gewaltwelle.

Grenzsoldaten in Tadschikistan (Bild: DW)

Grenzsoldaten in Tadschikistan

Es klingt wie ein spektakulärer Coup von Kriminellen, einer von denjenigen, die Jahrzehnte später den Stoff zu Kinofilmen liefern. 25 Insassen sind in Tadschikistan in der Nacht zum Montag aus einem Geheimdienstgefängnis geflohen. Sie töteten einen Wachmann, entwendeten Waffen und Fahrzeuge aus dem Gefängnisbestand und machten sich auf und davon in die Nacht. Doch nach Western-Romantik ist niemandem zumute. Alle Flüchtigen saßen wegen Islamismus oder Terrorismus. In Tadschikistan geht die Angst vor einem bewaffneten Aufstand um.

Rückzug in die Berge

Ein Schild an der afghanischen Grenze warnt vor Minen, die im Bürgerkrieg verlegt wurden. (Bild: DW)

Noch immer warnen Schilder vor Minen, die im Bürgerkrieg verlegt wurden.

Einige der geflohenen Aufständischen waren erst am Freitag zu Haftstrafen zwischen 10 und 30 Jahren verurteilt worden. Nun wird vermutet, sie wollten sich in die Berge zurückziehen und einen bewaffneten Konflikt anzetteln. Die Regierung ist in heller Aufruhr und hat eine Operation "Wiederergreifung" ausgerufen. Die Grenztruppen wurden in Alarmbereischaft versetzt, Truppen und "gepanzerte Technik" seien in Richtung Rasht-Tal im Nordosten des Landes in Bewegung gesetzt worden. Dorthin sollen sich die Ausbrecher zurückgezogen haben. Tadschikistan war bereits zu Zeiten des Kalten Krieges die ärmste der 15 Sowjetrepubliken. Heute nimmt es beim Bruttosozialprodukt pro Kopf den 190 Rang von 227 Staaten ein. Man schätzt, dass von sieben Millionen Tadschiken eine Million als Gastarbeiter außerhalb des Landes lebt, vor allem in Russland und Kasachstan. Ihre Rücküberweisungen übersteigen das Staatsbudget des Landes. Nur in einem Punkt rangiert Tadschikistan an der Spitze: Beim Beschlagnahmen von Heroin und Opium nimmt es weltweit den dritten Platz ein. Eine der wichtigsten Schmuggelrouten aus Afghanistan führt über Tadschikistan.

Frontgebiet des militanten Islam

Islamisierung in Tadschikistan: Buchladen mit religöser Literatur in Duschanbe. (Bild: DW)

Islamisierung in Tadschikistan: Buchladen mit religöser Literatur in Duschanbe.

Im Jahr 1992, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion versank Tadschikistan in einem Bürgerkrieg. Auf der einen Seite stand die sowjetische Elite, die sich nun nationalistisch gab. Auf der anderen kämpften Islamisten und Demokraten. Der Krieg endete 1997 mit einem Sieg der postsowjetischen "Macht", wie die Tadschiken ihre Regierungspartei der Einfachheit halber nennen. In einem Friedensabkommen wurde der Opposition eine Machtbeteiligung zugesichert. 30 Prozent der Regierungsposten wurden für die ehemaligen Regierungsgner reserviert. Allerdings wurden es im Lauf der Jahre immer weniger, heute ist die Opposition nicht mehr an der Macht beteiligt. Als einziges zentralasiatisches Land ließ Tadschikistan damals auch eine gemäßigte islamistische Partei zu, die Partei der islamischen Wiedergeburt, deren smarter Vorsitzender Muhiddin Kabiri seine Partei gerne als islamisches Pendant zu den christdemokratischen Parteien im Westen beschreibt.

Der militante Islam ist jedoch nie ganz aus Tadschikistan verschwunden. Die Republik ist umgegeben von den Frontgebieten des radikalen Islamismus. Da ist Afghanistan im Süden, mit dem Tadschikistan 1300 Kilometer Grenze teilt. Und im Nordwesten liegt Usbekistan, wo eine militante "Islamische Bewegung Usbekistans" gegen das Regime des dortigen Präsidenten Islam Karimow und für einen muslimischen Gottesstaat kämpft. Einige der jetzt geflohenen Aufständischen sollen dieser Bewegung angehören, auch Dschihadisten aus dem Nordkaukasus, wo militante Islamisten seit Jahren die russische Regierung herausfordern, sollen unter den Flüchtigen sein.

Bekannte Namen

Tadschikistans Präsident Emomali Rachmon (l.) spricht mit den Präsidenten von Afghanistan, Pakistan und Russland über die Sicherheit in der Region. (Bild: AP)

Tadschikistans Präsident Emomali Rachmon (l.) bei Sicherheitsgesprächen mit den Präsidenten Afghanistans, Pakistans und Russlands.

Wie sehr die getürmten Islamisten das Land destablisieren können, ist umstritten. Die Erinnerung an den Bürgerkrieg ist in Tadschikistan nach wie vor lebendig und die Angst vor neuer Gewalt sitzt tief. Da dürfte viele Tadschiken nicht gerade beruhigen, dass einige der Entflohenen jedem bekannte Familiennamen tragen. So die Brüder Saidachmat und Muhammadriso Sijojew. Sie sind die Söhne eines einflussreichen Feldkommandeurs der Opposition im Bürgerkrieg. Mirso Sijojew wurde nach dem Friedensabkommen Minister für Katastrophenschutz. 2006 wurde er entlassen und im vergangenen Jahr unter mysteriösen Umständen erschossen. Er soll sich mit einem anderen ehemaligen Kommandeur zu einer bewaffneten Gruppe zusammengeschlossen haben, hieß es damals. Auch die Brüder seines mutmaßlichen Kompagnons waren nun unter den Ausbrechern.

Dennoch, eine Verbindung der Opposition mit den Militanten sei heute nicht mehr vorstellbar, sagt der tadschikische Politologe Abdulgani Machmadasimow. Unter den Ausbrechern seien zwar Angehörige verschiedener bewaffneter Gruppen, aber keine Vertreter der wichtigsten Oppositionskräfte. "Es ist unwahrscheinlich, dass sich ihnen jetzt Hunderte weiterer Kämpfer anschließen."

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Miriam Klaussner