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Asien

Tadschikistan: Mobile Reporting im Flüchtlingslager

Mit Journalisten aus Afghanistan und Tadschikistan haben wir über Flucht und Migration gesprochen - schwierige und sensible Themen für beide Seiten. Der Austausch regte an zu Perspektivwechsel und Annäherung.

Afghanistan Tadschikistan Projekt Akademie (DW)

Worauf es beim Mobile Reporting ankommt: Teilnehmer werden zu Trainern und geben ihr Wissen weiter

Von Priya Esselborn, Projektmanagerin und Regionalkoordinatorin Südasien 

"Du machst ein Porträt-Foto. Was ist wichtig? Die Augen. Schau auf die Augen. Die Augen sind das Wichtigste." Saif Safar erklärt drei afghanischen Flüchtlingen, wie sie das Beste aus ihrem Smartphone herausholen können. Saif ist kein Trainer, sondern selbst Teilnehmer im Projekt "Auf gute Nachbarschaft: Flucht und Migration aus Sicht afghanischer und tadschikischer Journalist/innen".

Zwölf junge Journalisten aus Afghanistan und Tadschikistan verbrachten Anfang November 2016 einen Tag im Flüchtlingslager Vahdat in der Nähe der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe. Mit großen Augen lauschten fast 30 afghanische Flüchtlinge gebannt den Ausführungen der Journalisten. Sie lernten Tipps und Tricks von ihren "Trainern", die bis vor kurzem selbst noch fast nichts über "Mobile Reporting" wussten. 

Es wurde gescherzt und gelacht. Und doch legte sich manchmal ein trauriger Schleier auf die Gesichter der Flüchtlinge: immer dann, wenn sie von ihrer Flucht, dem Heimweh und den Problemen in der neuen Heimat berichteten. Für sie war es ein besonderer Tag. Sie konnten abschalten, etwas Neues lernen, technische Spielereien ausprobieren.  Doch auch für die „Tafghan MoJo’s“ – die „tadschikisch-afghanischen Mobile Journalists“, wie sie sich die sechs afghanischen und sechs tadschikischen Journalisten stolz selbst nannten, war der Tag in Vahdat der krönende Höhepunkt eines ganz speziellen Projekts. Trotz der Trostlosigkeit, die das Flüchtlingslager umgibt.

Schwierige Planung

Die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern Afghanistan und Tadschikistan sind kompliziert. Die Menschen teilen eine ähnliche Kultur und Sprache, aber Drogenhandel, Kriminalität und Terrorismus vergiften das Verhältnis. Dabei eint beide Länder ein gemeinsames Schicksal. Denn Afghanen und Tadschiken fliehen und emigrieren zu Tausenden: wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. „Ein abstraktes Thema auf eine menschliche Ebene zu bringen, das ist die ureigene Aufgabe von Journalisten“, erklärt Michael Karhausen, Leiter des Teams Asien & Europa der DW Akademie. „Deswegen wollten wir mit ganz persönlichen Geschichten das schwierige Verhältnis darstellen – aus den unterschiedlichen Perspektiven.“

Afghanistan Tadschikistan Projekt Akademie (DW)

Gemeinsam kreativ: Afghanische und tadschikische Teilnehmer beim Lego Serious Play

So entstand Anfang 2016 die Idee, durch Koproduktionen zum sensiblen Thema Flucht und Migration nicht nur das Verständnis zwischen Afghanen und Tadschiken zu fördern, sondern dieses mit einer neuen zukunftsorientierten Qualifikation zu verknüpfen: Mobile Reporting. Keine einfache Angelegenheit, denn von Mobile Reporting hatte vor Ort noch niemand so richtig etwas gehört. Viele besaßen kein Smartphone. Und so war es ein langwieriger Prozess, bis die Teilnehmer gefunden waren.

Doch im Juli 2016 ging es dann los: sechs afghanische und sechs tadschikische Journalisten trafen sich zunächst im Juli 2016 für fünf Tage in Duschanbe, um die Grundzüge des Mobile Reporting zu erlernen: also interessante Bilder mit richtigen Bildausschnitten zu produzieren,  gute Audio- und Videoaufnahmen zu machen und letztlich das Material mit Apps wie VivaVideo, PicPlayPost, Legend oder Snapseed zu editieren und aufzubereiten. Gleichzeitig sollten sie sich Themen für ihre Koproduktionen überlegen und diese zwischen den Workshops realisieren. Im zweiten Workshop Anfang November 2016 sollte das gesammelte Material zu Beiträgen editiert und im Anschluss auf einer Konferenz mit Experten, Medienvertretern und Aktivisten vorgestellt werden.

Afghanistan Tadschikistan Projekt Akademie (DW)

Als Gruppe zusammengewachsen

"Aus der Not eine Tugend machen"

Soweit der ambitionierte Plan. Aus organisatorischen Schwierigkeiten mussten ich und meine Kollegin Lydia Rahnert, die die Organisation vor Ort übernahm, oft und viel umdisponieren – nicht zuletzt, weil es zwischen Kabul und Duschanbe – keine zwei Flugstunden voneinander entfernt - nur einen Flug in der Woche gibt. So entstand die Idee, dass die Teilnehmer einen Tag im ersten Workshop mit Flüchtlingen verbringen, mit ihnen sprechen, sie porträtieren und ihre Sorgen und Nöte besser verstehen. Das entpuppte sich als eine unglaubliche Bereicherung für alle. Im zweiten Workshop sollten sie dann, um den Flüchtlingen zu danken, einen Tag selbst mit ihnen gestalten. 

Um eine lockere Atmosphäre zu schaffen und erste Annäherungsschwierigkeiten zu überwinden, arbeitete Trainer Guy Degen mit der Methode Lego Serious Play. "Zunächst einmal ging es darum, dass die Teilnehmer gleich am Anfang über Lego Serious Play mehr über sich selbst erzählen. Uns ging es darum, mehr über ihr Selbstverständnis als Journalisten zu erfahren, wie sie die neue Qualifikation später nutzen wollen." Dabei hatten die meisten noch nie ein Lego-Teil gesehen. Doch über die spielerische Interaktion konnten die jungen Journalisten ihre Schüchternheit und Nervosität überwinden und auch langsam das abstrakte Thema "Flucht und Migration" knacken. Sechs Beiträge entstanden am Ende mit jeweils einer afghanischen und einer tadschikischen Perspektive. Die Themen reichten von "Wie leben Familien, in denen der Vater fehlt" bis hin zum "Legalen Status von Flüchtlingen". Das Fachpublikum der Konferenz zum Abschluss des Projekts, darunter der deutsche Botschafter in Tadschikistan Holger Green, zeigte sich von den Beiträgen begeistert. 

Afghanistan Tadschikistan Projekt Akademie, Foto: DW

Bildreportage und Schnitt mit dem Handy

Mit Mobile Reporting Brücken bauen

Über eine Whats-App-Gruppe teilen die Teilnehmer bis heute ihre Videos, Fotos und stehen in regem Kontakt. An einem Wochenende werden bis zu 100 Mitteilungen über die Grenze geschickt. Als die Afghanen am Ende des zweiten Workshops abreisen mussten, spielten sich herzzerreißende Szenen ab: aus Fremden waren Freunde geworden. Stolz sagte Khalid Sharifi, ein afghanischer Teilnehmer: "Wir sind jetzt Experten, weil nur wir in unseren Medienhäusern wissen, wie Mobile Reporting geht. Wir bringen das jetzt unseren Kollegen bei."

Das Projekt "Auf gute Nachbarschaft: Flucht und Migration aus Sicht afghanischer und tadschikischer Journalist/innen" wurde vom Auswärtigen Amt finanziert.

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