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Geschichte

Tacitus: missbraucht und missverstanden

Zahllose Lateinschüler haben sich mit der Übersetzung abgemüht, doch die "Germania" des Tacitus war nicht nur ein Klassiker in deutschen Schulen. Sie war Streitschrift im Kampf um Identität.

Kaum etwas hat die Deutschen in ihrer Geschichte so sehr umgetrieben wie die Frage, was eigentlich deutsch ist - und was sie zu "richtigen" Deutschen macht: Ihre Sprache? Ihre Kultur? Ihre oft zitierten Sitten und Gebräuche? So entstand eine Art kollektiver mentaler Ruhelosigkeit, die vor allem im 19. und 20. Jahrhundert viel Unheil angerichtet hat. Denn auf der krampfhaften Suche nach sich selbst haben die Deutschen gern das vermeintlich Eigene stark gemacht und zugleich das angeblich Fremde denunziert und ausgeschlossen. Und inmitten der Debatten um die Nation fand sich das Büchlein eines - pardon - Ausländers: die "Germania" des Publius Cornelius Tacitus, ein Multitalent im alten Rom: Schriftsteller, Historiker, Politiker im Senatorenrang.

Ein Phantasieprodukt

"Das Werk des Tacitus übte über einen derart langen Zeitraum hinweg - insgesamt waren es 450 Jahre - einen so großen Einfluss aus, weil 'Deutschland' viele Jahrhunderte lang nur ein Produkt der Fantasie war", schreibt Christopher B. Krebs in seinem soeben erschienenen Buch über die Wirkungsgeschichte der "Germania".

Tacitus diktierte sein Werk "Über den Ursprung und die Sitten der Germanen" im Jahr 98 n. Chr. seinen Schreibern in die Feder. Fraglos war der Römer einer der klügsten Köpfe seiner Zeit, doch mit Blick auf die "Germania" nicht gerade ein Fachmann für die Gebiete rechts des Rheins. Er kannte sie nämlich überhaupt nicht. So besteht sein Buch - wie Christopher Krebs meint - aus "Klischees, arrangiert von einem Autor, der höchstwahrscheinlich nie die Alpen überquert hat". Dennoch schrieb Tacitus anschaulich über hässliche Landschaften, strenges Klima und raue Sitten: "Die Kost ist einfach: wildes Obst, frisches Wildbret oder geronnene Milch. Ohne feine Zubereitung, ohne Gewürze vertreiben sie den Hunger. Dem Durst gegenüber herrscht nicht dieselbe Mäßigung. Wollte man ihnen, ihrer Trunksucht nachgebend, verschaffen, soviel sie wollen, so könnte man sie leichter durch ihre Laster als mit Waffen besiegen."

Schreckliche Wildheit

Die Menschen, die da weit weg von Rom in einer unwirtlichen Welt lebten, zeichneten sich nach Tacitus durch Rauheit und Einfachheit aus, verfügten aber zugleich über einen beachtlichen Freiheitsdrang und seien fraglos mutig und tapfer. "Ohnehin von schrecklichem Aussehen, kommen sie der angeborenen Wildheit durch Kunst und Ausnutzung zu Hilfe. Schwarz sind die Schilde, gefärbt die Leiber; dunkle Nächte wählen sie zum Kampf, und schon das Grauenvolle und Schattenhafte ihres Totenheeres jagt Schrecken ein: kein Feind hält dem ungewohnten und gleichsam höllischen Anblick stand."

Tacitus fand mit dieser Schrift seine Leser, doch schließlich teilte auch die "Germania" das Schicksal vieler antiker Papyrus-Rollen, die mit der Zeit verloren gingen oder zerstört wurden. Einige von ihnen schafften indes den Weg in das Zeitalter des Pergaments. Sie wurden von den Schreibern in den mittelalterlichen Klöstern kopiert. Im 15. Jahrhundert durchstreiften sogenannte Handschriftenjäger auf der Suche nach diesen literarischen Schätzen den Kontinent. Dabei entdeckten sie auch Schriften von Tacitus - und damit seine "Germania".

Im Germanenrausch

Und jetzt wirkte die Schrift wie politischer Sprengstoff: Die deutschen Humanisten glaubten nun, das lang gesuchte Dokument glorreicher "deutscher" Geschichte in den Händen zu halten. Die eigenen Ahnen erschienen darin als zwar einfache, aber moralisch rechtschaffene Menschen, die ein hartes, doch freies und sittlich vorbildliches Leben führten. Den angeblich dekadenten Römern seien sie damit letztlich vor der Geschichte überlegen gewesen. Dass es sich bei den "Germanen" des Tacitus nicht um die Ahnen der "Deutschen" handelte, ging in der Begeisterung allerdings unter - und auch später zeigte man sich an einer Differenzierung nicht interessiert. Die Deutschen waren längst mit einem "Germania-Virus" infiziert. An ihm "erkrankten" die Humanisten und Reformatoren ebenso wie spätere Patrioten des 19. Jahrhunderts und schließlich auch noch die Nationalsozialisten.

Grandioses Missverständnis

Die Geschichte dieses "Germania-Virus" schildert jetzt der deutsche Philologe Christopher B. Krebs in seinem Werk "Ein gefährliches Buch". Kenntnisreich und spannend erzählt der Autor, weshalb gerade diese Schrift so maßgeblich war für die "Erfindung der Deutschen". Es schildert die Geschichte eines Textes, der wie kein anderer die Deutschen zu Deutschen machen sollte - und der doch nur eine politische Streitschrift sowie eine unterhaltsame und vor allem fantasievolle Reflexion eines gebildeten Römers war. "Dies", so urteilt Christopher B. Krebs, "ist zweifellos eine der tieferen Ironien der Geschichte." Man könnte also über dieses grandiose kollektive Missverständnis lachen - wenn die Geschichte nicht so traurig wäre.

Christopher B. Krebs: Ein gefährliches Buch. Die "Germania" des Tacitus und die Erfindung der Deutschen, Deutsche Verlags-Anstalt, 352 S., 24,99 Euro.

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