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Wirtschaft

Türkischer Wirtschaftsboom am Scheideweg

Kurz vor den Präsidentenwahlen in der Türkei hatte Erdogan auf eine weitere Zinssenkung gedrängt. Die Zentralbank erhöhe durch zu hohe Zinsen die Inflation des Landes. Experten fürchten eine untragbare Schuldenblase.

Die Geldpolitik von Noch-Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan stand auf Kriegsfuß mit der türkischen Zentralbank. Ein Konflikt, der tief greifende Folgen für die wirtschaftliche Zukunft im Land haben könnte. Erdogan wollte, dass die Zentralbank ihren Schlüsselzins den niedriger angesiedelten Erwartungen am Markt anpasst, um damit eine maximale Kreditvergabe zu fördern. Die Zentralbank fürchtet jedoch Inflationsrisiken und die Währungsabwertung der türkischen Lira und will den Zinssatz sogar erhöhen.

Erdogan gewann den Streit. Die türkische Zentralbank CBRT senkte im Juli zum dritten Mal in Folge die Zinsen. Kritiker bemängeln diese Lockerung der Geldpolitik, mit der Erdogan bei den Wahlen am gestrigen Sonntag (10.08.2014) punkten wollte. Sie werde die Türkei in eine große Finanzkrise führen, wenn die massive privatwirtschaftliche Schuldenblase des Landes durch billige Kredite zu wachsen aufhört.

Erst im Januar hatte die CBRT den Leitzins drastisch angehoben, um sich gegen den Kursverfall der Lira zu stemmen und den internationalen Zustrom von spekulativen Investitionsgeldern zu stoppen. Diese hatten durch Veränderungen in der US-Geldpolitik das Wachstum in der Türkei mit billigem Geld angetrieben.

Istanbul-Panorama (Foto: dpa)

Die Türkei soll eine neue Brücke über den Bosporus, einen neuen Flughafen in Istanbul, und einen neuen Kanal zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmarameer bekommen

Seitdem übte Erdogans Regierung starken Druck auf die Zentralbank aus, um die Zinsen wieder zu senken. Und er schaffte es: Immer wieder wird die Gelpolitik im Land gelockert. Daran erkennen Investoren, dass das Geldkomitee der CBRT nur nominal unabhängig von der Regierung agiert.

Finanzielle Anreize und die Scharia sorgen für einen niedrigen Zinssatz

Erdogans Niedrigzinspolitik wird von dem Wunsch angetrieben, mehr Kredite zu vergeben und damit die Ausgaben von Verbrauchern und Unternehmen zu steigern. Zudem greift seine Regierung auf ein islamisches Verbot zurück - auf das gegen "Wucher", also gegen das Verleihen von Geld gegen Zinsen.

Dabei hält Erdogan an der Idee fest, dass die Zentralbank den Effektivzinssatz - Nominalzins minus Inflationsrate - bei Null halten muss. Nur so könne die Türkei dem Scharia-Verbot gegen Wucher gerecht werden.

"Wir wollen langfristig den Realzins abschaffen, damit die Leute ihr Einkommen durch Arbeit und nicht durch Zinsen erhöhen", sagte Erdogan in Istanbul gegenüber dem islamischen Wirtschaftsverband Tuskon im Mai 2011. "Irgendwann wollen wir die Zinsen und die Inflationsrate ausgleichen."

Jetzt, nach der gewonnen Wahl, wird Erdogan auch als Staatspräsident wohl an der Wirtschaftspolitik festhalten, die er seit 2003 als Ministerpräsident betreibt. Seitdem hat sich das BIP der Türkei fast vervierfacht. Hohe Staatsinvestitionen in die Infrastruktur - Brücken, Häfen, Eisenbahnen - wurden von riesigen kreditfinanzierten Privatprojekten - von Hochhäusern, Einkaufszentren und Luxushotels - begleitet. Das jahrzehntelange Wirtschaftswachstum hat Erdogans Popularität bei einem Großteil der türkischen Wählerschaft gesichert.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan weiht einen Hochgeschwindigkeitszug ein (Foto: Getty Images)

Erdogan hat große Infrastrukturprojekte durchgeführt, darunter eine Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Istanbul und Ankara

Gleichzeitig haben sich jedoch die jährlichen Schulden für Unternehmen, Haushalte und Verbraucher massiv angehäuft. Die Darlehen an den türkischen Privatsektor haben sich seit 2008 mehr als vervierfacht, obwohl das tatsächliche BIP nur um ein Drittel gestiegen ist. Kritiker wie der Forbes-Kolumnist Jesse Colombo gehen davon aus, dass das Wachstum der Türkei durch eine unhaltbare Schuldenblase angekurbelt worden ist und diese kurz vor ihrem Absturz steht.

Internationale Investoren sind entscheidend für den Zinssatz

Konservative Ökonomen gehen davon aus, dass internationale Investoren ihr Geld abziehen, wenn der Realzins eines Landes (also der Zinssatz minus der Inflationsrate) zu nah bei Null liegt oder durch politische Risiken zu hoch belastet wird, um sich anderswo eine bessere Rendite zu sichern.

Für die Türkei wäre dieser Mechanismus besonders bedrohlich, da 90 Prozent ihrer Unternehmensanleihen in Fremdwährungen ausgewiesen werden. Wenn der Wert der türkischen Lira fällt, sind die Unternehmensschuldner gefährdet. Allein letztes Jahr verlor die Lira fast ein Fünftel ihres Wertes gegenüber dem Dollar. Bei sehr niedrigen Realzinsen vergeben inländische Banken zudem oft übermäßig viele Kredite.

Ist das Wirtschaftswunder der Türkei nur eine Blase?

In vielen Ländern fließt ein Großteil der Kreditvergabe in Immobilien-Hypotheken, von denen entweder Grundstücke und Gebäude gekauft oder aber Neubauprojekte realisiert werden. Darin ist auch die Türkei keine Ausnahme.

Immobilien-Investoren treffen ihre Kaufentscheidungen aufgrund der monatlichen Raten im Verhältnis zu ihren Einkommen. Je niedriger der Zinssatz, desto niedriger die monatliche Hypothekenzinszahlung.

Das bedeutet, dass die Käufer höhere Kapitalzahlungen eingehen, bei einer gleichbleibenden monatlichen Rate. Dies führt zu einem Anstieg der Preise von Land und Wohnraum - und die Zinsen fallen.

Leider passiert auch das Gegenteil: Wenn es die Notenbank für notwendig hält, die Zinsen wieder zu erhöhen, um ausländische Käufer der türkischen Lira anzulocken und so den Wechselkurs zu steigern, dann werden die hohen Land- und Immobilienpreise, deren Kaufverträge noch zu einer Zeit der zu niedrigen Zinsen geschlossen wurden, unbezahlbar.

Im Wesentlichen war das der Grund der globalen Finanzkrise 2008. In mehreren Ländern, darunter Spanien, Irland und den USA, platzten die Hypothekenblasen. Die Folgen waren riesige Pleitewellen, insolvente Banken und ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Beim Versuch, einige Banken zu retten, stiegen zudem die öffentlichen Verschuldungen der Länder, die gleichzeitig mit geringeren Steuereinnahmen und höheren Sozialausgaben konfrontiert wurden. Die geringe Arbeitslosigkeit und der öffentliche Haushaltsüberschuss Spaniens in den Jahren vor 2008 kippten praktisch über Nacht um und führen seitdem zu massiven Defiziten.

Sollten Jesse Colombo und andere Kritiker Recht haben, kann sich die Lage in der Türkei ähnlich wie in Spanien entwickeln.

Aktualisierte Version eines Artikels vom 08.08.2014

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