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Wirtschaft

Türkische Wirtschaft ausgebremst

Der Boom in der Türkei scheint vorbei: Wachstumsraten von über 9 Prozent waren einmal, die Jugendarbeitslosigkeit ist auf dem höchsten Wert seit vier Jahren. Der Grund sind strukturelle und politische Probleme.

Im vergangenen Jahrzehnt lief die türkische Wirtschaft auf Hochtouren. Unter der Führung des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan verwandelte sich die Türkei in eine Regionalmacht. 2004 und 2005 hatte die türkische Wirtschaft ein Wachstum von 9,4 Prozent und 8,5 Prozent vorzuweisen. Sie war damit eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt.

Türkei: Bau der dritten Bosporusbrücke

Die Meerenge der Dardanellen ist eine der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt. Hier entsteht die dritte Bosporus-Brücke

Angetrieben wurde sie vor allem durch die Bauwirtschaft. Zu den großen Projekten gehörte der weltgrößte Flughafen, die dritte Brücke über dem Bosporus, ein ausgebautes U-Bahnnetz und ein zweiter Bosporus-Kanal. Die türkische Wirtschaft strotzte vor Stolz und das Land bewegte sich in Richtung von Erdogans ehrgeizigem Ziel: Die Türkei soll bis 2023 zu den zehn führenden Wirtschaftsnationen der Welt gehören.

Doch die Erfolgsjahre sind vorbei. Der Bauboom scheint nicht für eine nachhaltige Entwicklung der türkischen Wirtschaft gesorgt zu haben. Die Auslandsschulden steigen und ausländische Investoren ziehen ihr Geld ab. Für das Jahr 2014 prognostizierte die türkische Regierung ein Wachstum von rund vier Prozent. Allerdings lag es im ersten halben Jahr nur bei 3,3 Prozent. Und auch die Prognosen für 2015 sind nicht rosig.

Pessimistische Aussichten für 2015

"Meine Prognose für dieses Jahr ist eine Wachstumsrate von rund drei Prozent. Also nicht sonderlich optimistisch", sagt Seyfettin Gürsel, Direktor der Wirtschaftsfakultät der Bahcesehir Universität in Istanbul, im DW-Gespräch. Dies habe verschiedene Gründe. "Da sind zum einen die Unruhen im Nahen Osten. Die Türkei grenzt an Länder in denen Krieg herrscht. Die Situation wird sich meines Erachtens auch dieses Jahr nicht bessern."

Daher werde es für die Türkei schwer sein, den Export anzutreiben. Um aber die Wirtschaft anzukurbeln, müsse unbedingt mehr exportiert werden, so Gürsel. Auch die EU erachtet der Professor als einen wichtigen Markt für den türkischen Export. Doch auch hier ist er pessimistisch. "Ich glaube nicht daran, dass die europäische Wirtschaft dieses Jahr nennenswert wiederauflebt."

Außerdem habe die Korruption einen negativen Einfluss auf ausländische Investoren, betont der Wirtschaftsexperte. Gürsel verweist hier auf den jüngsten Korruptionsskandal der türkischen Regierung. "Zudem wird die Rechtsstaatlichkeit in der Türkei nicht respektiert, genauso wenig wie andere demokratische Werte beispielsweise die Pressefreiheit", so Gürsel. In der EU und anderen westlichen Staaten habe man daher Bedenken. "Viele glauben daran, dass ein autoritäres Regime in der Türkei heranwächst. Alle diese Faktoren vermitteln den ausländischen Investoren nicht gerade ein Gefühl von Vertrauen", meint Gürsel.

Investieren oder nicht?

Das amerikanische Investmentunternehmen Goldman Sachs erachtet die Türkei dennoch als eines der "besten" Schwellenländer der Welt, neben Indien und Taiwan, in das investiert werden sollte. Auch der fallende Ölpreis sei eine Chance für die Türkei, ihr Bilanzdefizit auszubessern.

Eine Chance, ja, meint Gürsel. "Sicherlich wird das momentane Bilanzdefizit und auch die Inflation dadurch etwas sinken. Aber billiges Öl löst die strukturellen Probleme der Türkei nicht und wird auch keine höheren Wachstumsraten herbeizaubern", betont er. Die Türkei brauche unbedingt ausländische Direktinvestitionen im Industrie- und Finanzsektor. Aber diese Investitionen hätten abgenommen.

Die "goldenen Jahre" sind vorbei

Mustafa Sönmez, Ökonom und Wirtschaftsjournalist ist der Meinung, man könne die Türkei nicht mit Ländern wie Indien und Taiwan vergleichen. "Die Situation der Türkei ist anders. Ihr Leistungsbilanzdefizit ist viel höher als das von Indien und Taiwan", sagt Sönmez im DW-Gespräch. "Die türkische Wirtschaft hat außerdem ganz andere Schwachpunkte. Dazu gehören politische und geopolitische Risiken. Die muss man beachten."

Die türkische Wirtschaft sei binnenorientiert, vor allem durch den Bausektor, so Sönmez. Daher liege das Leistungsbilanzdefizit immer noch zwischen fünf und sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "Auch die Inflation stellt eine Gefahr dar. Genauso wie die Arbeitslosigkeit", meint der Wirtschaftsexperte. Ein Drittel der fast 12 Millionen Türken unter 24 seien arbeitslos. "Für ausländische Investitionen sind das alles Faktoren, die berücksichtigt werden."

Das seien alles Indikatoren dafür, dass die goldenen Jahre der türkischen Wirtschaft vorbei seien, glaubt Sönmez. "Für dieses Jahr prognostiziere ich ein Wachstum von rund drei Prozent oder weniger".