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Wirtschaft

Türkische Textilindustrie in der Kritik

Die Türkei gilt als größter Bekleidungsproduzent Europas. Viele Top-Marken lassen an türkischen Standorten nähen. Gewerkschafter kritisieren die Arbeitsbedingungen, sehen aber auch Fortschritte.

Viele der großen Bekleidungsmarken wie Esprit, H&M, Hugo Boss, S.Oliver, Adidas, Nike und Zara lassen ihre Waren in der Türkei nähen. Damit ist die Türkei der viertgrößte Bekleidungshersteller der Welt und Nummer eins in Europa. Doch die Arbeitsbedingungen und Löhne sind meist schlecht.

Das soll die jüngste Studie der Nichtregierungsorganisation Clean Clothes Campaign belegen. Sie hat die Arbeitsbedingungen von rund drei Millionen Textilarbeiterinnen in einigen osteuropäischen Ländern und der Türkei ausgewertet. Demnach reicht der Lohn, den viele Modefirmen bezahlen, kaum zum Überleben. Der offizielle Mindestlohn in der Türkei liegt aktuell bei umgerechnet 441 Euro im Monat.

"Löhne reichen nicht zum Leben"

"Die Löhne in der türkischen Textilindustrie reichen generell nicht zum Leben aus. Die Beschäftigten verdienen im Schnitt 300 Euro im Monat", sagt Hasan Arslan von der türkischen Gewerkschaftsorganisation DISK. Die Arbeitgeber würden sich bei der Bezahlung oft nicht an die Mindestlöhne halten, so Arslan. "Über 40 Prozent der Arbeitnehmer sind informell beschäftigt. Das bedeutet, dass die Arbeitgeber für die Arbeitnehmer keine Sozialleistungen bezahlen und sich nicht an den Mindestlohn halten müssen", so Arslan.

Dem widerspricht Senol Sankaya. Er ist Geschäftsführer von Yesim Textile, nach eigenen Angaben eine der größten Textilfirmen in der Türkei. Das Unternehmen produziert für viele große Marken wie Nike, Hugo Boss, Zara und Calzedonia. "Unsere Arbeiter erhalten nicht nur den Mindestlohn", so der 52-jährige im Gespräch mit der DW. "Wir zahlen das Existenzminimum, das sind rund 35 Prozent mehr als der Mindestlohn." Zudem achte man sehr auf die Gesundheit und die Sicherheit der Mitarbeiter.

Das mag bei Yesim Textile stimmen. Doch der Gewerkschafter Aslan zitiert aus Statistiken: "Die Türkei rangiert im europäischen Vergleich bei Arbeitsunfällen auf Platz Eins und weltweit auf Platz Drei. Laut türkischem Gesetz wird wöchentlich 45 Stunden gearbeitet. Doch im Durchschnitt arbeiten die Beschäftigten in der Türkei rund 67 Stunden pro Woche", so Arslan. Überstunden, kritisiert der Gewerkschafter, würden generell nicht bezahlt.

"Menschen wie Zitronen ausgepresst"

Das deutsche Modeunternehmen Hugo Boss war schon im Jahr 2011 in Kritik geraten. Damals sollen türkischen Medienberichten zufolge am Produktionsstandort in der westtürkischen Stadt Izmir 74 Arbeiter entlassen worden sein. Die türkische Industriegewerkschaft für Textilien und Bekleidung (TEKSIF) hatte die Arbeitsbedingungen dort als "Mord" beschrieben. Laut TEKSIF wollten sich viele Menschen in Izmir den Gewerkschaften anschließen, um sich gegen die Arbeitsbedingungen wehren zu können. Aus Sicht der Gewerkschaft war das der Grund für die Entlassung.

Auch heute noch seien die Arbeitsbedingungen problematisch, sagt TEKSIF-Experte Ömer Seyfettin Atilgan zur DW: "In der Fabrik von Hugo Boss werden die Menschen wie Zitronen ausgepresst, daher werden immer wieder neue Leute eingestellt."

Zertifikate für europäische Standards

Textilunternehmer Senol Sankaya dagegen verteidigt Boss: "Wir haben gute Beziehungen zu Hugo Boss. Sie kommen regelmäßig zu uns, um nach dem Rechten zu sehen. Und wir haben Zertifikate, die garantieren, dass die Arbeitsbedingungen europäischen Standards entsprechen." Man sei kein günstiges Unternehmen, sagt Sankaya, aber das komme den Arbeitern zu Gute.

Doch das ist offenbar noch nicht überall so: Für Gewerkschafter Hasan Arslan sind sowohl die Arbeitgeber als auch die türkische Regierung Schuld an den allgemein schlechten Arbeitsbedingungen. "Es ist zwar in der türkischen Verfassung festgeschrieben, dass sich Beschäftigte den Gewerkschaften anschließen können, doch der türkische Staat geht nicht ausreichend gegen die Gesetzesverstöße der Arbeitgeber vor", so Arslan zur DW. "Um die Arbeitssituation zu verbessern, müssen sich die Menschen in der Türkei mehr gewerkschaftlich organisieren." Nur sieben Prozent der Beschäftigten seien gewerkschaftlich organisiert, sagt er.

"Die Situation bessert sich"

Ertan Hosgör, Gewerkschaftsvertreter der Firma Henateks, die für Nike und Adidas in der Türkei produziert, beklagt ebenfalls die Arbeitsbedingungen in der türkischen Textilindustrie. "Ein Ventilationssystem sollte an jedem Arbeitsplatz vorhanden sein. Vor allem im Sommer arbeiten wir in der Hitze. Meistens gibt es keine Klimaanlagen. Der Staubanteil am Arbeitsplatz und die Filtermaschinen müssen öfter gecheckt werden. Die Maschinen, mit denen wir arbeiten, sind oft sehr alt", so Hosgör im DW-Gespräch. Hosgörs Frau arbeitet in einer Jeans-Fabrik. "Die Jeans-Farbe setzt sich auf der Haut fest und ist zudem ungesund. Eine Dusche ist in diesem Betrieb ein Muss. Solche Duschmöglichkeiten fehlen fast in allen Firmen. Die türkische Regierung muss für gewisse Standards sorgen und die Einhaltung auch sicherstellen", fordert er.

Trotzdem findet auch der Gewerkschafter Ertan Hosgör lobende Worte für internationale Firmen wie Nike, Adidas und Puma. Diese würden die Arbeitsbedingungen regelmäßig kontrollieren, so Hosgör. "Sie kontrollieren auch, ob Arbeitsnehmer gewerkschaftlich organisiert sind. Sie befragen die Beschäftigten, wie viel sie verdienen, wie das Essen ist und wie ihr Verhältnis zum Arbeitgeber ist. Dadurch sehen sich die Arbeitgeber unter Druck gesetzt. Die Situation bessert sich", so Hosgörs Fazit.

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