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Kultur

Türkische Satiriker zum Fall Böhmermann

Derzeit laufen in der Türkei rund 2000 Verhandlungen wegen Majestätsbeleidigung. Für türkische Satiriker sind solche Prozesse "normal". Wie wird aus ihrer Sicht der Fall Böhmermann in der Türkei aufgenommen?

Unter den Angeklagten wegen Beleidigung befinden sich Künstler, Journalisten, Studenten, Akademiker, aber auch Karikaturisten, die mit ihren Zeichnungen vor allem den Staatspräsidenten Erdogan hart kritisieren. Die DW hat türkische Satiriker gefragt, wie die Diskussionen um das "Schmähgedicht" des Fernsehmoderators Jan Böhmermann von der Türkei aus gesehen werden. Der international anerkannte türkische Karikaturist M.K. Perker und der Chefredakteur der wöchentlichen Satire-Zeitschrift Leman, Tuncay Akgün, wundern sich über die deutsche Politik.

DW: Dem Satiriker Böhmermann droht Strafverfolgung wegen seines "Schmähgedichts" über Erdogan. Die türkische Regierung beharrt darauf, dass Böhmermann verurteilt wird. Wie sieht man diese Entwicklungen in der Türkei?

M.K. Perker: Türkischer Zeichner und Karikaturist (Foto: privat)

M.K. Perker hat als Karikaturist schon absurde Anschuldigungen in der Türkei erlebt

M.K.Perker: Solche Fälle gibt es oft in der Türkei, wir haben da sehr witzige Sachen erlebt. Ich halte auch diesen Prozess für sehr witzig. 2011 habe ich zum Beispiel eine Satirezeitschrift herausgegeben, sie hieß "Harakiri". Das war eine Anspielung auf die Satirezeitschrift "Harakiri" in Frankreich. Diese wurde ja wegen eines Titels über den Tod von Charles de Gaulle verboten. Wir erlebten fast dasselbe Schicksal.

Für einige Geschichten in der Zeitschrift haben wir Geldstrafen bekommen. In der Begründung hieß es, dass wir das türkische Volk aufrufen, "faul und abenteuerlich zu sein". Das war für uns sehr spaßig. Am Ende mussten wir leider die Zeitschrift schließen, weil die Strafe zu hoch war. Was gerade in Deutschland passiert ist auch witzig, und die Reaktionen sind noch unterhaltsamer. In den nächsten Tagen wird alles sicherlich noch amüsanter.

Tuncay Akgün: Einerseits ist das sehr schockierend, aber wir haben uns hier daran gewöhnt. Es ist schon eine Satire, dass man sich wegen einer Satire in einem anderen Land einmischt, und dass sich das Ganze dann zu einer diplomatischen Krise entwickelt. Unglaublich, dass der Druck auf die Medien, den es in der Türkei gibt, dadurch auf Deutschland übertragen wird. Wir sehen jetzt, dass dieser Druck aus der Türkei tatsächlich zu konkreten Resultaten führt. Gegen Böhmermann wird ermittelt und seine Sendung wurde aus dem Netz entfernt. Ich glaube, er hat das absichtlich gemacht. Er wollte diese Empfindlichkeit, die sich schon im Fall von der Satire-Sendung "Extra 3" beim NDR gezeigt hat, noch stärker provozieren und die Ironie des Ganzen ironisieren.

Das Gedicht ist auch in Deutschland auf Kritik gestoßen. Gibt es ihrer Meinung nach eine Grenze zwischen Satire und Beleidigung? Und wenn ja: Wo beginnt sie genau?

Die Zeichnung aus der Zeitschrift Leman: Zu sehen ist ein AKP-Politiker mit einem Messer in der Hand. Sprechblase: Mit welchem Finger hast du dich in Twitter eingeloggt?!(Foto: Penguen)

Karikatur aus der Satire-Zeitschrift Leman: "Mit welchem Finger hast du dich in Twitter eingeloggt?!"

M.K.Perker: Ja, es gibt sie. Nämlich dann, wenn sie keine kreative Meinung enthält, wenn es keine Anspielung gibt, wenn es keinen Witz und keine Kreativität gibt, sondern nur geschimpft wird, dann ist es Beleidigung. Es ist aber ein Unterschied, ob Sie einen normalen Bürger kritisieren oder einen Politiker. Man sollte die Politiker eher kritisieren dürfen, weil die Kritik nichts Persönliches ist. Da wird vielmehr das Amt kritisiert, nicht die Person selbst. Das hängt natürlich davon ab, wie Politiker ihre Macht ausüben. Wenn sie ihre Macht missbrauchen, dann werden sie öfter kritisiert. Das ist normal.

Tuncay Akgün: Natürlich kann man das in Frage stellen. Seit den Anschlägen auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" gibt es zahlreiche Diskussionen zu dem Thema. Aber die Politiker sind viel zu empfindlich und fühlen sich schnell verletzt. Das zeigt, wie wirksam die Satire ist. Für Satiriker selbst ist die Flexibilität der Grenzen, etwa wenn es um sexuelle Anspielungen geht, kein großes Thema.

Fühlen Sie sich wegen der zahlreichen Verfahren aufgrund der Präsidentenbeleidigungen in der Türkei unter Druck gesetzt?

M.K.Perker: Ich denke, diese Verfahren entstehen aus einem Reflex. Wenn die Politiker eine Zeit lang an der Macht sind, denken die meisten, dass sie unantastbar sind. Sie halten sich für große Paschas oder Sultans wie in der osmanischen Zeit und dadurch entsteht eine irreale Unantastbarkeit. Das heißt, sie tolerieren keine Kritik mehr, sie denken sogar: "Was heißt hier Kritik?"

Tuncay Akgün Chefredakteur der Zeitschrift Leman. (Foto: Kürsat Akyol)

Tuncay Akgün, Chefredakteur der Satirenzeitschrift Leman lässt sich nicht einschüchtern

Tuncay Akgün: Natürlich fühlen wir uns unter Druck gesetzt. Die Türkei wird seit Jahren von konservativen Regierungen geführt. Unter der gegenwärtigen politischen Führung fühlen wir diesen Druck besonders. Aber wir geben unsere radikale Satire-Linie nicht auf, machen trotzdem weiter.

Wenn die deutsche Regierung die Ermächtigung erteilt, dann könnte es tatsächlich zu einem Prozess kommen. Wie sollte die Deutsche Regierung vorgehen?

M.K.Perker: Sie sollte nicht so falsche Entscheidungen treffen wie bei der Flüchtlingsfrage.

Tuncay Akgün: Die Entscheidung der Regierung ist symbolisch sehr wichtig und stellt ein Zeichen für die Zukunft dar. Ich weiß, dass deutsche Politiker und Frau Merkel auch sehr hart kritisiert werden. Deswegen glaube ich, dass es auch für die deutsche Regierung eine Prüfung sein wird. Wenn Böhmermann tatsächlich verurteilt wird, wird das ein wichtiges Signal in Bezug auf die Grenzen der Freiheit und der Demokratie sein.

Das Interview führte Basak Özay

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