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Deutschland

Türkische Polizisten für Deutschland?

Die Polizeigewerkschaft will in Nordrhein-Westfalen Polizisten aus der Türkei auf Streife schicken. Das Ziel: Höhere Akzeptanz für die deutschen Beamten. Die Idee ist umstritten.

Polizeipatrouille in Ankara (Archivfoto von 2007: dpa)

Polizeipatrouille in Ankara

Vor einem Geschäft für Brautkleider sitzen eine Frau und ein Mann auf zwei Holzstühlen und trinken schwarzen Tee aus kleinen Gläsern - eine Szene wie in einer türkischen Kleinstadt. Hatice Köks Geschäft befindet sich aber im Duisburger Stadtteil Marxloh. Die 32-Jährige verkauft hier seit Jahren Hochzeitskleider. Als sie von der Idee hört, in Nordrhein-Westfalen Polizisten aus der Türkei einzusetzen, ist sie empört. Es sei für sie "die größte Beleidigung, wenn Polizisten aus der Türkei hier auf Streife gingen". Das würde die ganze Integration zunichte machen, sagt Hatice Kök.

Türkische Jugendliche bei einer vorbereitenden Polizeiausbildung in Berlin (Archivfoto von 2005: dpa)

Türkische Jugendliche bei einer vorbereitenden Polizeiausbildung in Berlin

Das Brautkleidergeschäft ist nur eines von vielen Geschäften in der Weseler Straße, die von türkischstämmigen Einwanderern betrieben werden. Restaurants, Apotheken, Supermärkte, Boutiquen - alle Geschäfte haben türkische Namen. Besucher aus der Türkei könnten sich hier wie zuhause fühlen. Auch die Bewohner fühlen sich in ihrer Umgebung wohl. Aber türkische Polizisten auf Streife? Die Idee stößt auch im türkischen Frisiersalon auf Ablehnung. "Ich würde doch lachen, wenn ich hier einen Polizisten in türkischer Uniform sehen würde", sagt ein junger Mann, der sich die Haare schneiden lässt. Wenn jemand keinen Respekt vor der deutschen Polizei habe, würde er auch einen türkischen Polizisten nicht ernst nehmen, sagt er.

Fehlender Respekt

Doch genau darauf hofft der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft in Nordrhein-Westfalen: Erich Rettinghaus will türkische Polizisten mit ihren deutschen Kollegen auf Streife schicken. Er erhofft sich dadurch, herauszufinden, warum türkischstämmige Jugendliche häufig keinen Respekt vor der Polizei hätten und ob sie auf türkische Polizisten anders reagieren würden. Die türkischen Beamten sollen nach dem Willen von Rettinghaus in Stadtteilen wie Duisburg-Marxloh oder Köln-Ehrenfeld - sprachlich unterstützt von Polizisten türkischer Herkunft oder Dolmetschern - aktiv werden. Das Projekt soll wissenschaftlich von der Höheren Landespolizeischule ausgewertet werden.

Rettinghaus sieht darin keine Hilflosigkeit oder gar eine Bankrotterklärung. Es gehe vielmehr um einen Erfahrungsaustausch wie beispielsweise im Grenzgebiet zu Holland mit der niederländischen Polizei. "Deutsche Polizisten gehen in der Urlaubszeit dahin, wo auch viele deutsche Touristen Urlaub machen. Sie sind in deutscher Uniform mit im Einsatz und schlichten zum Beispiel in Renesse Schlägereien in Diskotheken und in Kneipen", sagt Rettinghaus.

Polizisten in Duisburg (Archivfoto von 2007: dpa)

Polizisten in Duisburg

Bei der Bevölkerung in Duisburg-Marxloh oder Köln-Ehrenfeld - beides Stadtteile mit hohem Ausländeranteil - handelt es sich jedoch nicht um Touristen. Vielmehr sind die Menschen größtenteils hier geboren und Teil der deutschen Gesellschaft. Die fehlende Akzeptanz der deutschen Ordnungskräfte gegenüber beruhe auf Gegenseitigkeit, erzählen Jugendliche vor einer Spielhalle. Die Jungs fühlen sich oft schlecht behandelt. "Bei Schlägereien zwischen Migranten zum Beispiel kommen die deutschen Polizisten erst dann, wenn alles vorbei ist", klagt ein 19-Jähriger. Ein anderer sagt: "Wenn ein Deutscher hier auf dem Fahrradweg in zweiter Spur steht, sagt der Polizist einfach nur: 'Weiterfahren!'" Ein Türke aber würde ohne Vorwarnung sofort einen Strafzettel bekommen.

"Gast-Polizisten" ohne Befugnisse

Diesen Schilderungen setzt Rettinghaus Erfahrungen seiner Kollegen aus dem Polizeialltag entgegen: Häufig versuchten Jugendliche, eine Festnahme zu verhindern, indem sie "den Streifenwagen belagern und die Gefangenen befreien wollen. Das Ganze eskaliert oft in großen Schlägereien." In solchen Situationen könnten die türkischen "Gast-Polizisten" schlichtend eingreifen, hofft Rettinghaus. Die türkischen Polizisten würden keine rechtlichen Befugnisse haben und keine Dienstwaffen tragen.

Obwohl viele türkischstämmige Bürger in Marxloh der Idee skeptisch gegenüber stehen, gibt es auch einige, die meinen, der Einsatz türkischer Polizisten könne helfen, den Mentalitätsunterschied zu überbrücken. In einem Supermarkt findet der Vorschlag von Rettinghaus großen Zuspruch: Ein älteres Ehepaar sagt, allein die türkischen Uniformen würden großen Eindruck auf die Jugendlichen machen.

In einer der vielen traditionellen Teestuben spielen Männer Karten und Backgammon. Ein 32-Jähriger findet die Idee mit den türkischen Polizisten absurd. Der Staat solle lieber junge Einwanderer für den Polizeidienst ausbilden. Er selbst sei bereit, dafür seinen sehr gut bezahlten Job aufzugeben. Doch er hat nur einen Realschulabschluss, Voraussetzung ist aber das Abitur. Anstatt Polizisten aus der Türkei zu holen, die weder Land noch Sprache kennen, solle der Staat auf Leute wie ihn zugehen und sie für den Polizeiberuf gewinnen, empört sich der Mann.

Derzeit stammt nur jeder siebte Auszubildende der Polizei in Nordrhein-Westfalen aus einer Einwandererfamilie. Der Polizeigewerkschafter Rettinghaus sähe gerne mehr Polizisten mit Migrationshintergrund. In der Kooperation mit türkischen Polizisten sieht er keine Alternative, sondern nur eine ergänzende Maßnahme. Bislang finden jedoch noch keine Gespräche mit den türkischen Behörden statt. Ob seine Idee überhaupt realisiert werden kann, sei völlig offen, gesteht Rettinghaus ein. Die Reaktion im NRW-Innenministerium sei "bislang verhalten". Aber die Regierung sei ja noch neu. Und der Innenminister habe "im Moment viele Themen abzudecken". Rettinghaus hofft, dass sein Vorschlag bald auch an die Reihe kommt.

Autor: Kemal Hür

Redaktion: Dеnnis Stutе

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