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Türkei

Türkische Lira im freien Fall

Die türkische Lira hat in den vergangenen Tagen dramatisch an Wert verloren. Investoren befürchten eine Währungskrise, Unternehmer leiden schon jetzt unter Vertrauensverlust und Unsicherheit.

Allein in den wenigen Tagen des neuen Jahres ist der Kurs der Lira bereits um neun Prozent gefallen. Erinnerungen an die Finanzkrisen, die das Land in den Jahren um die Jahrtausendwende erlebte, werden wach. Damals folgte auf einen steilen Wechselkurseinbruch eine mehrjährige Krise, bis die Wirtschaft durch straffe geldpolitische Maßnahmen wieder Fuß fasste.

Nun haben die jüngsten politischen Turbulenzen in der Türkei und das nachlassende Wachstum das Vertrauen erneut erschüttert. Türkische Unternehmer äußern gegenüber der Deutschen Welle die Befürchtung, bei anhaltenden Verlusten der Lira stünden Investititionen und Wachstum auf dem Spiel. Im dritten Quartal 2016 schrumpfte die türkische Volkswirtschaft erstmals seit dem Krisenjahr 2009.

Die Zentralbank greift ein

Eine erwartete Zinserhöhung in den USA und ein Bericht der Ratingagentur Moody's über die Schwächen des türkischen Bankensektors hatten den Kurs der Lira am 9. Januar auf das bisherige Allzeittief von 3,77 gegenüber dem Dollar gedrückt. Am Mittwochmorgen setzten sich die Kursverluste gegenüber der US-Währung fort und erreichte 3,89 50. Auch gegenüber dem Euro gab die Lira deutlich nach, sie notierte am Mittwochfrüh mit 4,07. Im Sommer musste man noch kaum mehr als drei Lira für einen Euro hinblättern.

Die türkische Währung steht wegen verschiedener Faktoren unter Druck. Da sind die wachsenden regionalen Spannungen, außerdem die politische Unsicherheit in der Türkei selbst, die sich seit dem Vorgehen der Regierung nach dem gescheiterten Putsch vom 15. Juli breitmacht. Außerdem spielt der steigende Dollarkurs nach dem Wahlsieg von Donald Trump eine Rolle. Die türkische Lira hat auch im Vergleich zu den Währungen anderer Schwellenländer in diesem Jahr mit am stärksten verloren.

Türkei Währung (picture-alliance/AP Photo/P. Giannakouris)

Türkische Verbraucher müssen sich auf steigende Inflationsraten einstellen

Am Dienstag intervenierte die Zentralbank und lockerte ihre Vorgaben zur Höhe der Währungsreserven. Sie erlaubt damit türkischen Banken, weniger Dollarbestände als Sicherheit zu halten und mehr Dollars zu verkaufen. Das spülte 1,5 Milliarden Dollar ins Finanzsystem. Die Maßnahme blieb jedoch wirkungslos. Die Bank hat mögliche weitere Schritte angekündigt, ohne dass sich die Situation beruhigt hätte.

Leitzinserhöhung erwartet

Zur Stützung der Lira hatte die Zentralbank im November zum ersten Mal seit fast drei Jahren den Leitzins erhöht. Doch das hatte die Währungsschwäche nicht beendet, sondern nur den Druck einer strafferen Geldpolitik weiter erhöht. Präsident Recep Tayyip Erdogan, der sich früher als "Feind der Zinsen" bezeichnet hatte und das Wachstum mit niedrigen Zinsen ankurbeln will, hatte die Erhöhung heftig kritisiert und die Zentralbank unter Druck gesetzt.

Der Volkswirt Sakir Turan von der Odeabank sagte der Deutschen Welle, der Kursverlust der Lira sei auf die Leitzinsanhebung zurückzuführen. Würde man aber auf Stützungsmaßnahmen verzichten, glaubt er, würde das zu zweistelligen Inflationsraten führen und das Wachstum in den kommenden Quartalen abwürgen.

Die Regierung vermutet eine Verschwörung

Die Regierung glaubt unterdessen offenbar an eine Manipulation von außen. Der stellvertretende Ministerpräsident Nurettin Canikli kommentierte den Moody's-Bericht über den türkischen Bankensektor mit den Worten: "Er hat keine rationalen Grundlagen. Und wenn er nicht rational ist, ist er subjektiv. Es war ein Angriff."

Moody's hatte am 9. November von einer "allgemeinen Verschlechterung" des Investitionsklimas im Land gesprochen und prognostiziert, die Gewinne der Banken würden dieses Jahr durch schwache Kredite stark schrumpfen.

Cemil Ertem, ein Berater von Präsident Erdogan, hatte der Nachrichtenagentur Anatolia gesagt: "Die Nachfrage nach Devisen ist schwach, spekulativ und kommt aus dem Ausland. Hier ist eine Operation im Gange, die die Lira schwächen soll."

Türkei Präsident Recep Tayyip Erdogan (picture-alliance/dpa/Y. Bulbul)

Präsident Erdogans hartes Vorgehen nach dem Putschversuch wird für den Lira-Verfall mitverantwortlich gemacht

Krisenstimmung

Der türkische Privatsektor macht sich Sorgen wegen der Lira-Schwäche und hält sie für das größte Investitionshindernis. Hikmet Tanriverdi, Präsident des Istanbuler Verbands der Textil- und Bekleidungsexporteure, sagte der DW, türkische Unternehmen mit Schulden in Auslandswährung hätten unter starken Verlusten zu leiden. "Die Devisenkursschwankungen in der Türkei führen zum Eindruck einer Krise in Gesellschaft und Unternehmertum. Daher werden neue Investitionen aufgeschoben, und der Konsum wird zurückgehen. Ohne Klarheit will niemand etwas tun", klagt Tanriverdi und fügt hinzu, dass Unternehmen, die ihre Auslandsschulden nicht zurückzahlen könnten, natürlich schlechtere Bonitätsnoten bekämen, was ihre Finanzierungsmöglichkeiten noch weiter verschlechtere.

Staatliche Eingriffe

Türkische Unternehmer stehen auch wegen wachsender politischer Unsicherheiten seit dem Putschversuch vom Juli unter Druck. Ali Kibar ist Vorsitzender der Firma Kibar Holding, seit mehr als 20 Jahren das türkische Partnerunternehmen des Autobauers Hyundai mit Einnahmen im Jahr 2016 von sieben Milliarden Dollar. Kibar sagte der Deutschen Welle, das Vorgehen der Regierung nach dem Putschversuch spiele für den Niedergang der Lira möglicherweise auch eine Rolle, weil es sich auch auf Unternehmen auswirke.

Die türkische Regierung hatte nach dem Putschversuch auch Unternehmer festgenommen und ihr Vermögen beschlagnahmt, nachdem Präsident Erdogan angekündigt hatte, er werde gegen Betriebe vorgehen, die eine Verbindung zum in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen hätten. Erdogan wirft Gülen vor, dieser stehe hinter dem Putschversuch, Gülen bestreitet das.

"Selbst wenn der Ausnahmezustand aufgehoben ist, wird die Unsicherheit darüber, wie es mit den Beschlagnahmungen und den staatlich eingesetzten Firmenleitern weitergeht, bestehen bleiben. Das ist ein Problem für diese Unternehmen. Eine weitere wichtige Frage sind die Verfassungsänderungen, die gerade im Parlament diskutiert werden. Wir brauchen sofort eine Atmosphäre des Vertrauens", so Kibar.

Das türkische Parlament beschloss am Dienstag, die Debatte über eine Verfassungsreform fortzusetzen, die die Macht Erdogans ausweiten und ein Präsidialsystem einführen würde, das aber Erdogans Gegner für ein autoritäres System halten. Mehr als 100.000 Menschen sind seit dem gescheiterten Putsch entlassen oder suspendiert worden, rund 40.000 Personen sitzen im Gefängnis und warten auf ihren Prozess.  

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