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Politik

Türkische Gymnasien in Deutschland?

Der Vorschlag des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, in Deutschland türkische Gymnasien zu gründen, stößt auf heftige Kritik. Erdogan begründete seine Anregung mit den Sprachproblemen vieler junger Türken.

Frau mit Kopftuch (Foto: ap)

Gelungene Integration?

Erneut hat der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit einer Stellungnahme zur Integration der in Deutschland lebenden Türken die politische Welt vor den Kopf gestoßen. Erdogan hatte in der Wochenzeitung "Die Zeit" die Sprachprobleme vieler junger Türken in Deutschland kritisiert und angeregt, türkische Gymnasien in Deutschland zu eröffnen. "Hier hat Deutschland noch nicht die Zeichen der Zeit erkannt", so Erdogan. "Man muss zunächst die eigene Sprache beherrschen, also Türkisch, und das ist leider selten der Fall."

Gegen Integration

Erdogan (Foto: ap)

Umstrittene Äußerungen: Der türkische Ministerpräsident Erdogan

Mit seinem Vorschlag stößt Erdogan auf heftige Ablehnung. Die Integration werde durch türkische Gymnasien eher verhindert als gefördert, erklärten führende Politiker aller Parteien. Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach sagte: "Ich glaube nicht, dass es die Integration fördern würde, wenn wir türkische Gymnasien einrichten, in denen der Unterricht in türkischer Sprache abgehalten wird."

Der hessische Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn nannte Erdogans Vorschlag "das falsche Signal". "Integration statt Ausgrenzung ist unser Ziel", sagte er. Ziel müsse es sein, türkischstämmige Migranten rasch in die deutsche Gesellschaft einzugliedern. Durch Schulunterricht in Türkisch würden sie dagegen abgeschottet.

"Unerträglicher Nationalismus"

Der bayrische Innenminister kritisierte Erdogans Äußerungen scharf, sie seien eine Provokation für die deutsche Bevölkerung. "Er demonstriert immer mehr einen neuen türkischen Imperialismus und Nationalismus, der für uns Deutsche unerträglich ist."

Auch die Grünen sehen Erdogans Idee kritisch: "Mir gefällt der nationale Ton überhaupt nicht", sagte der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele. Wenn die Türkei in die Europäische Union wolle, müsse sie umdenken: "Besser seien deutsch-türkische Schulen, an denen beide Sprachen gleichwertig nebeneinander gelehrt würden."

Pilotprojekte dieser Art gibt es in Deutschland bereits, beispielsweise im Ruhrgebiet. Dort erhalten die türkischstämmigen Schüler an wenigen Gymnasien auch muttersprachlichen Türkischunterricht als Ergänzung zum Deutschunterricht.

Kritik auch von türkischer Seite

Auch bei Türken stieß Erdogans Vorschlag auf Ablehnung. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, kritisierte: "Wenn Erdogan damit sagen will, dass der Unterricht in solchen Gymnasien komplett auf Türkisch stattfinden soll, halten wir das für einen großen Fehler." Erdogans Annahme, dass Türken zunächst ihre Muttersprache lernen müssten, um Deutsch überhaupt beherrschen zu können, sei völlig falsch.

Deutsch als Karriere-Voraussetzung

Türkisch-Unterricht (Foto: dpa)

Türkisch-Unterricht gibt es an einigen deutschen Gymnasien bereits

Nur wer die deutsche Sprache gut beherrsche, könne im deutschen Berufsleben auch erfolgreich sein, erklärten zudem einige bildungspolitische Sprecher. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Krauss, betonte die prinzipielle Offenheit deutscher Gymnasien gegenüber Türkisch als Fremdsprache. Der Lehrerverband habe nichts dagegen, wenn Türkisch als zweite oder dritte Fremdsprache gelehrt würde. Aber bei aller Rücksicht auf kulturelle Herkunft müsse von den in Deutschland dauerhaft lebenden Türken nicht nur Integration, sondern auch Assimilation verlangt werden. Krauss forderte die Bundeskanzlerin auf, sich eine türkische Einmischung in innerdeutsche Angelegenheiten zu verbitten.

Türkei-Reise in der kommenden Woche

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird in der kommenden Woche in die Türkei reisen. Dort will sie mit Erdogan über den EU-Beitritt verhandeln – die Fronten sind bei diesem Thema verhärtet, da die schwarz-gelbe Bundesregierung einen EU-Beitritt der Türkei nach wie vor ablehnt. Merkel setzt auf eine "privilegierte Partnerschaft" der Türkei, Erdogan besteht auf eine Vollmitgliedschaft. Auf ihrer Reise nach Ankara und Istanbul wird Merkel von der deutschen Integrationsbeauftragten Maria Böhmer sowie zahlreichen Wirtschaftsvertretern begleitet.

Autorin: Anna Kuhn-Osius (dpa, ap, afp)

Redaktion: Herbert Peckmann