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Fokus Osteuropa

Türkische Geschichtsschreibung in der Kritik

Die Türkei wehrt sich gegen den Vorwurf des Völkermords an den Armeniern vor fast 90 Jahren. Diese starre Haltung beschäftigt inzwischen auch die deutsche Politik. Der Druck auf die Regierung in Ankara wächst.

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Die Türkei soll sich ihrer Geschichte stellen


Die Streichung der Passagen im Zusammenhang mit dem Völkermord an Armeniern aus den Lehrplänen der Mittelstufen im Bundesland Brandenburg hatte zu heißen Debatten geführt - schließlich wurde die Streichung als das Ergebnis diplomatischen Drucks von Seiten der Türkei angesehen. Am Ende wurde eine Lösung erreicht und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck erklärte, dass die Passagen im Zusammenhang mit der Geschichte Anatoliens wieder in die Schulbücher aufgenommen werden. Platzeck erklärte weiter, dass ab nächstem Schuljahr das Thema im Einklang mit den wissenschaftlichen und historischen Realitäten und unter Hinweis auf vergleichbare andere Ereignisse behandelt wird.

Armenier: Türken leugnen ihre Geschichte

Nach dieser Entscheidung als Folge der Interventionen der armenischen Gemeinde in Deutschland forderte diese die offizielle Anerkennung der Ereignisse von 1915/16 durch den Bundestag als „Völkermord an Armeniern“. Die religiösen Vertreter der armenischen Gemeinde in Deutschland vertraten die Auffassung, dass der 90. Jahrestag die Möglichkeit gebe, „eine politische Antwort auf eine politische Leugnung“ zu geben. Vartkes Alyanak von der armenischen Gemeinde in Deutschland beschuldigte die Türkei, ihre eigene Geschichte zu leugnen und sie zu fälschen. Mit dieser Haltung werde die Türkei ihren Platz in der Wertegemeinschaft der Europäischen Union nicht einnehmen können.

Geschichte der Türkei ist nicht nur Geschichte der Türken

Derweil stieß eine Initiative der türkischen Intellektuellen mit dem Ziel, die osmanische Geschichte mit allen ihren Realitäten ans Tageslicht zu fördern, auf großes Interesse. Eine Fotoausstellung unter dem Titel „Mein lieber Bruder“, die das Leben der Armenier in Istanbul zu Beginn des 20. Jahrhunderts reflektiert, verzeichnete in den ersten zehn Tagen rund 6000 Besucher. Der Organisator der Ausstellung, Osman Köker, sagt, häufig werde versucht, die Geschichte der Türkei ausschließlich als Geschichte der Türken darzustellen. In den Schulen werde die armenische Gemeinde nicht als Teil der Gesellschaft, sondern als ein Problem dargestellt. Mit der Verankerung der Existenz der Armenier in der öffentlichen Meinung werde eine objektive Bewertung der 1915 begonnenen Ereignisse ermöglicht, sagte Öker, der sich sehr zufrieden zeigte, dass in der Türkei die Historiker damit angefangen haben, Interesse an diesem Thema zu zeigen.

Ankara: Keine Anerkennung, dafür Forschung

Armenien fordert von der Türkei die offizielle Anerkennung des Völkermordes mit der systematischen Tötung von 1,5 Armeniern in Anatolien. Die Regierung in Ankara lehnt den Vorwurf des systematischen Völkermordes ab. Sie sei aber dazu bereit, die Vorgeschichte und die Gründe für die Ereignisse im Verlauf der Deportationen von Armeniern aus ihren Siedlungsgebieten zusammen mit Historikern erforschen zu lassen. Die Anpassungskommission des türkischen Parlaments an die EU erklärte, sie werde mit den Vertretern der armenischen Minderheit und mit Historikern zusammentreffen.

Ahmet Günaltay

DW-RADIO/Türkisch, 9.2.2005, Fokus Ost-Südost

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