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Wissen & Umwelt

Türkische Forscher fehlen bei großer Wissenschaftskonferenz

So viele Sprachen und Akzente wie beim Euroscience Open Forum in Manchester hört man selten bei einer Konferenz: 82 Nationen tauschen sich hier über ihre Forschung aus. Ein Land aber kann nicht dabei sein.

Die junge Frau vom Registrierungsdesk schaut auf den Zettel mit den beiden Namen und schüttelt den Kopf. "Tut mir leid, aber diese Forscherin hat letzte Woche angerufen und für sich und ihre Kollegin abgesagt." Ein türkischer Professor wiederum schreibt per E-Mail: "Aufgrund der gegenwärtigen Situation ist es mir leider nicht möglich, an ESOF teilzunehmen."

Drei Forscher aus der Türkei waren fürs Euroscience Open Forum, kurz ESOF, im nordenglischen Manchester angemeldet. Hier wollten sie sich mit Forscherkollegen aus aller Welt austauschen. Alle zwei Jahre richtet die europäische Wissenschaftlerorganisation Euroscience die Konferenz aus, immer in einer anderen europäischen Stadt.

Doch die Veranstaltung in Manchester findet ohne die türkischen Kollegen statt. Offensichtlich hat diese das Ausreiseverbot für Wissenschaftler getroffen, das der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan vor einer Woche Berichten zufolge nach dem missglückten Putschversuch verhängt haben soll.

Teilnehmer der ESOF Konferenz in Manchester (Foto: Wilkinson Photography)

Die Abwesenheit der türkischen Kolleginnen und Kollegen fällt auf der Konferenz kaum auf.

Brexit, nicht Türkei im Mittelpunkt

Den meisten Konferenzteilnehmern allerdings scheint nicht aufzufallen, dass die Türkei bei ESOF nicht vertreten ist. Das liegt vermutlich daran, dass von vorne herein nur drei türkische Wissenschaftler angemeldet waren - nicht sonderlich viele also. Wären alle angekündigten US-Teilnehmer oder deutschen Forscher plötzlich nicht aufgetaucht, hätte das mit Sicherheit für Aufruhr gesorgt.

Der Präsident von Euroscience, Lauritz Holm-Nielsen, spricht bei seiner Eröffnungsrede die Situation in der Türkei kurz mit einem Satz an, danach aber beherrschen andere politische Ereignisse die öffentliche Debatte. "Die Türkei ist hier bei uns kein Thema gewesen", heißt es bei mehreren Ständen von Forschungsförderverbänden und anderen Organisationen auf der begleitenden ESOF-Ausstellung. "Wir haben zu viel mit dem Brexit zu tun."

Wie es bei Forschungsfinanzierungen und -kollaborationen weitergeht, wenn das Vereinigte Königreich in Zukunft kein EU-Mitglied mehr ist - dieser Frage ist sogar eine eigene Session auf der Konferenz gewidmet. Die Türkei scheint im Vergleich dazu nebensächlich. Zu Unrecht, sagt Peter Tindemans, Generalsekretär von Euroscience. "Wissenschaft braucht Reisefreiheit und den Austausch von Ideen und Leuten - und genau das steht in der Türkei jetzt auf dem Spiel, nicht aber im Vereinigten Königreich."

Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle

Euroscience sei "ernsthaft besorgt" über das, was derzeit in der Türkei passiert, sagt Peter Tindemans. Im persönlichen Austausch mit Wissenschaftlern in der Türkei habe er Erschreckendes gehört: "Sie haben Angst, ihre Meinung zu sagen. Einige haben vorsichtshalber alle Inhalte auf ihren Smartphones gelöscht."

Vorkommnisse dieser Art seien in der Türkei nicht unbedingt neu, fügt Tindemans hinzu. Vor fünf Jahren, im Oktober 2011, habe Erdogan, damals Ministerpräsident, versucht, die Akademie der Wissenschaften der Türkei (Tüba) in Ankara nach Staatswillen umzukrempeln. "Kontrolle über das Land übernehmen zu wollen, scheint in Erdogans Geist fest verwurzelt zu sein", sagt Tindemans.

Jede Menge Briefe

Euroscience hat einen öffentlichen Brief an Erdogan geschrieben, in dem die Organisation "die türkischen Behörden auffordert, die Grundrechte von Wissenschaftlern zu respektieren." Eine Antwort darauf gab es bisher nicht, die erwartet Euroscience auch nicht.

Auch andere Forschungs- und Hochschulorganisationen haben Briefe und Statements dieser Art veröffentlicht, darunter die Hochschulrektorenkonferenz und die Max-Planck-Gesellschaft. "Wir alle sind uns einig, was die derzeitige Situation in der Türkei angeht", sagt ein Mitarbeiter der Max-Planck-Gesellschaft, der nicht namentlich genannt werden möchte. "Es gibt keine Wissenschaftsorganisation, die nicht dafür ist, sich offen gegen die Einschränkungen der türkischen Wissenschaftler auszusprechen."

Die größte US-Wissenschaftlervereinigung American Association for the Advancement of Science (AAAS) zieht nun nach. Man habe einen Brief an Erdogan verfasst, sagt AAAS-Generaldirektor Rush Holt, "und auch andere US-Wissenschaftsorganisationen gebeten, mit zu unterzeichnen."

ESOF Konferenz in Manchester (Foto: Enna Bartlett)

Wissenschaft braucht Freiheit - darin sind sich die Teilnehmer der Konferenz einig.

Hände gebunden

Pläne übers Briefeschreiben hinaus gibt er derzeit aber offensichtlich keine. "Mehr können wir zumindest kurzfristig nicht tun", gibt Tindemans von Euroscience zu. Selbst die Politiker weltweit hielten sich stark zurück, niemand wolle sich wirklich mit Erdogan anlegen. "Die Welt braucht die Türkei", erklärt Tindemans - sei es als Helfer beim Management der Flüchtlinge oder als stabile Insel der Region. "Es wäre verheerend, wenn die Türkei ein zweiter Iran werden würde." Als Wissenschaftsorganisation "können wir nicht mehr tun, als fest zu unseren Prinzipien zu stehen."

Rush Holt von der AAAS versucht nach amerikanischer Art optimistischer zu erscheinen - aber auch er hat keine konkreten Pläne. "Es hängt davon ab, was tatsächlich in der Türkei passiert", sagt er. Die AAAS habe derzeit Probleme, aus den vielen Gerüchten die Fakten herauszufiltrieren. "Wir haben beispielsweise bisher nicht mal herausgefunden, wie viele Wissenschaftler an türkischen Hochschulen wirklich suspendiert worden sind."

Gemeinsames Vorgehen fraglich

Dass sich die wissenschaftliche Gemeinschaft weltweit in den nächsten Wochen zusammenschließt und einen Plan ausarbeitet, wie sie gegen Einschränkungen von Forschern in der Türkei vorgehen will - das scheint höchst utopisch.

Das liegt zum einen daran, dass die Uhren im Wissenschaftssystem recht langsam ticken - Spontanität ist selten. "Die wissenschaftliche Gemeinschaft an sich ist sehr viel konservativer als jede andere Organisation auf diesem Planeten", sagte Peter Gluckman, wissenschaftlicher Berater des neuseeländischen Premierministers, in anderem Zusammenhang auf der ESOF.

Peter Tindemans von Euroscience weist auf ein weiteres Problem hin: "Europa hat sehr viel mehr Verbindungen zur Türkei als beispielsweise die USA oder Japan. Wir zögern daher, die AAAS oder die Japaner zu bitten, mit uns ein gemeinsames Statement zu unterzeichnen."

Zeit zum Diskutieren und Verfassen von Statements werden die Wissenschaftsorganisationen noch lange haben - jedenfalls, wenn Tindemans recht behält: Die derzeitige Krise in der Türkei "wird garantiert nicht in zwei Jahren vorbei sein", glaubt er. 2018 findet übrigens die nächste ESOF statt - dann im französischen Toulouse. Ob die Türkei dabei sein wird?

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