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Fokus Osteuropa

Türkische Einmarschpläne in den Nordirak sind „gewaltiges Säbelrasseln“

Die Türkei droht damit, in den Nordirak einzumarschieren, um dort gegen PKK-Aktivisten vorzugehen. Heinz Kramer, Türkei-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, warnt Ankara vor einem solchen Schritt.

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Premier Erdogan: Drohungen in Sachen Nordirak

DW-RADIO/Türkisch: Herr Dr. Kramer, die Türkei beschuldigt die USA, im Norden Iraks nichts gegen die PKK zu unternehmen. Jetzt droht Ankara damit, notfalls in den Norden Iraks einzumarschieren, um dort gegen die PKK vorzugehen. Was halten Sie davon?

Dr. Kramer: Das ist natürlich ein gewaltiges Säbelrasseln gegen die Amerikaner, die in der Tat bisher wenig getan haben, um die PKK entschieden zu bekämpfen. Obwohl die USA die PKK eindeutig zu einer terroristischen Organisation erklärt haben. Andererseits dürfte es der Türkei außerordentlich schwer fallen, diese Ankündigung tatsächlich in die Tat umzusetzen, also wirklich mit einer größeren Militäroperation in den Nordirak hineinzugehen. Das würde nicht nur die USA zutiefst verärgern, sondern würde natürlich auch sowohl die irakische Regierung, vor allem aber die Regierung in der nordirakischen Kurdenregion aufs äußerste empören. Es dürfte zu erheblichen politischen Problemen zwischen Ankara und Washington, Ankara und Bagdad aber auch zwischen Ankara und Kirkuk führen.

Sollte die Türkei tatsächlich in den Nordirak einmarschieren - wie würde denn die EU auf einen solchen Schritt reagieren?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde ein solcher Schritt zu einem Stillstand im Beitrittsprozess führen - es sei denn der Anlass wäre unzweifelhaft, also ein Attentat vergleichbar der Größenordnung Madrid oder London in Istanbul, mit einem eindeutigen Nachweis, dass es die PKK wäre. Alles andere würde in Europa einfach auf Unverständnis stoßen. Ich gehe davon aus, dass die Europäer in so einem Moment auf die Bremse steigen würden und den Beitrittsprozess erst einmal aussetzen würden.

Wie beurteilen Sie denn die Argumentation der Türkei, wonach es sich nur um Notwehr handeln würde, sie also sozusagen prophylaktisch in den Nordirak einmarschieren würde, um die Gefahr von weiteren Attentaten zu bannen? Nach türkischen Angaben gibt es ja angeblich noch siebzig potenzielle Selbstmordattentäter in der Türkei.

Ich halte dieses Argument nicht für sehr stark. Denn dann müsste man ja nachweisen, dass die Selbstmordattentäter – die ja in der Türkei sind und nicht im Nordirak - nicht mehr aktiv werden, wenn man in den Nordirak einmarschiert. Wir haben es ja bei den Terroranschlägen in Kusadasi und Cesme mit Aktivitäten der so genannten Freiheitsfalken Kurdistans ganz offensichtlich mit Terrororganisationen zu tun, die in der Türkei organisiert sind, die möglicherweise sogar in der Türkei entstanden sind. Die Logik dieser Argumentation kann ich nicht nachvollziehen.

Das Gespräch führte Baha Güngör

DW-RADIO/Türkisch, 20.7.2005, Fokus Ost-Südost

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