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Nahost

Türkisch-israelische Beziehungen vor dem Aus?

Israel und die Türkei sind historische Verbündete, doch nicht erst seit dem Angriff auf die Gaza-Flotille kriselt es zwischen beiden: Kritiker fürchten, die Türkei könne sich dem arabisch-islamischen Lager zuwenden.

Symbolbild Türkei, Israel und die arabische Welt (Fotomontage: DW)

Werden aus Verbündeten Feinde?

Der neue internationale Flughafen von Teheran "Imam Khomeini Airport" hätte eigentlich Anfang 2004, am Jahrestag der Islamischen Revolution, eröffnet werden sollen. Es wurde einige Monate später, denn plötzlich rührte sich Widerstand iranischer Kreise, dass der Flughafen von Ausländern gemanagt werden sollte – einem türkischen Konsortium, das maßgeblich an seinem Bau beteiligt gewesen war. Die Türken mussten den Flughafen verlassen. Wenig später verlor der türkische Mobilfunk-Gigant "Turkcell" einen lukrativen Vertrag zum Aufbau eines (damals) zweiten Mobilfunknetzes im Iran an einen südafrikanischen Konkurrenten, obwohl er die Ausschreibung dazu bereits gewonnen hatte. Iranische Kreise waren zufrieden: Türkisches Engagement im Mobilfunk und im internationalen Flugverkehr des Iran hätte ihrer Meinung nach eine empfindliche Sicherheitslücke aufgetan, denn die engen und sehr guten Beziehungen Ankaras zu Jerusalem hätten Irans Erzfeind Israel Zugang zu wichtigen strategischen Daten verschafft.

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan (Foto: AP)

Wohin steuert Erdogan?

Sechs Jahre später wären solche Verdächtigungen in Teheran nicht mehr zu hören: Die Türkei hat sich zu einem wichtigen Partner entwickelt und scheint – so vermuten Iraner, Israelis und Amerikaner in seltener Übereinstimmung – die Fronten zu wechseln: Von einem Partner des Westens (unter anderem durch seine NATO-Mitgliedschaft) und Israels zu einer aufsteigenden nahöstlichen Regionalmacht, die sich – nicht nur im Fall der Seeblockade des Gazastreifens - offen gegen Israel stellt und dieses kritisiert.


Der türkische Spagat

Diese Entwicklung steht am bisherigen Ende eines langen Weges: Die Türkei war der erste muslimisch geprägte Staat, der Israel kurz nach dessen Gründung anerkannte und die Türkei hielt unbeirrt an guten Beziehungen zu Israel fest, obwohl ihr das nicht gerade Vertrauen und Freundschaft in der Region einbrachte. Besonders eng war die Zusammenarbeit zwischen türkischem und israelischem Militär und Ankara gestattete Jerusalem immer wieder, über türkischem Territorium Luftübungen abzuhalten. Vermutlich drangen im Herbst 2007 israelische Kampfbomber auch von dort in syrisches Gebiet ein, um bei Dair Alzour den Rohbau eines syrischen Atomreaktors zu bombardieren.

Israelischer Angriff auf die Gaza-Flotille am 31. Mai 2010 (Foto: AP)

Das Ende der Freundschaft? Die Türkei ergreift Partei für Gaza

Was Ankara freilich auch nicht daran hinderte, sich Israel und Syrien Monate später als ehrlicher Makler bei indirekten Friedensverhandlungen anzudienen: Diese Verhandlungen wurden in der Türkei geführt, scheiterten schließlich aber, als Israel (noch unter Premier Ehud Olmert) Anfang 2009 den Gazakrieg eröffnete. Damaskus brach die Kontakte ab und Ankara schäumte vor Wut, weil Olmert die Türken zuvor bei einem Besuch irregeführt und jede Angriffsabsicht dementiert hatte.


Türkei strebt nach Macht

Seitdem geht es rapide bergab mit den einst so guten Beziehungen zwischen Ankara und Jerusalem. Es ist müßig, die Gründe hierfür in erster Linie darin zu suchen, dass der türkische Premier Erdogan einen zunehmend islamistischen Kurs verfolgt, denn das hatte ihn zuvor nicht daran gehindert, die alten, guten Beziehungen zu Israel fortzusetzen. Erdogan, unter dessen Führung die Türkei sich zu einer regionalen Wirtschaftsmacht entwickelte, möchte offenbar auch die politische Bedeutung der Türkei in der Region ausbauen und – bewusst oder unbewusst – anknüpfen an ihre große Vergangenheit als Regionalmacht.

Ankara demonstrierte dabei immer wieder seinen festen Willen, sich weder von den USA noch von Israel vereinnahmen zu lassen. So verwehrte das NATO-Land am Bosporus Washington bereits zu Beginn des Irakkrieges wichtige Transitrechte und setzte sich auch bei seinem wiederholten Vorgehen gegen bewaffnete Kurden im Nordirak über Bedenken und Einwände der Amerikaner hinweg. Die Türkei unternimmt gleichzeitig aber auch wichtige Schritte, historische Probleme aus dem Weg zu räumen: So wurden den Kurden in der Türkei Minderheitenrechte eingeräumt, von denen diese zuvor nicht geträumt hätten und sogar gegenüber Armenien und den Armeniern wird ein versöhnlicher Ton angeschlagen.


Enttäuscht von Europa

Zyniker sehen hinter diesen Schritten den Versuch Ankaras, sich gegenüber der EU lieb Kind zu machen, um seine Beitrittschancen trotz aller Widrigkeiten doch noch zu verbessern. Andere vermuten hinter dem zunehmend unabhängigen Kurs Erdogans die enttäuschte Abkehr vom Westen und Selbstbesinnung auf die alte regionale Rolle der Türkei. Wahrscheinlich ist es von allem etwas: Die Großaufträge im Iran waren trotz ihres Scheiterns ebenso ein Beispiel für die Bedeutung der Region wie die Tatsache, dass arabische Märkte immer mehr von türkischen Produkten beherrscht werden, die – zum Beispiel bei Textilien - längst eine anerkannte Position zwischen teurer Importware aus dem Westen und billigem Ramsch aus Fernost etabliert haben.

Irans Außenminister Manouchehr Mottaki (m.) Brasiliens Außenminister Celso Amorim (l.) und sein türkischer Amtskollege Ahmet Davutoglu (r.) am 17. Mai 2010 (Foto: AP)

Sorgte für israelische Verärgerung: Die Türkei engagiert sich für den Dialog mit Iran

Auf jeden Fall ist die Türkei längst dabei, nicht nur die Märkte der Region zu erobern, sondern auch auf diplomatischem Parkett mitzumischen: Die Vermittlung zwischen Syrien und Israel war ein Beispiel. Unvergleichbar wichtiger war – zumindest im Ansatz – der Versuch, zusammen mit Brasilien den Atomstreit mit dem Iran zu lösen: Die Türkei bot sich als Depot für leicht angereichertes iranisches Uran an, bevor dieses in Russland und Frankreich weiter bearbeitet und zu Brennstäben für einen iranischen Forschungsreaktor gemacht würde. Der Westen tat dieses Abkommen als türkische Großmannssucht ab und stimmte – gegen das Votum der Türkei und Brasiliens – für neue Sanktionen gegen den Iran. Auch in Israel lehnte man die türkische Vermittlung ab und wertete sie als billige Unterstützung für Irans Präsident Ahmadineschad.

Ebenso betrachtete man dort auch die türkische Initiative gegen die Seeblockade von Gaza als unbotmäßige Parteinahme Ankaras für Hamas, und damit als feindlichen Akt. Das Unheil nahm seinen Lauf: Die Stürmung des größten türkischen Schiffes und die Tötung von neun türkischen Aktivisten durch israelische Soldaten hat der alten Freundschaft zwischen Israel und der Türkei möglicherweise den Todesstoß versetzt. Einer Freundschaft, die ihresgleichen suchte, die nun aber durch nichts zu ersetzen sein dürfte. Aus Ankara zumindest war bereits zu hören, nichts werde wieder sein wie bisher.

Autor: Peter Philipp

Redaktion: Ina Rottscheidt







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