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Fokus Südosteuropa

Türkinnen kämpfen für Recht auf Abtreibung

In der Türkei sollen Schwangerschaftsabbrüche künftig nur noch bis zur vierten Woche erlaubt sein. Frauenrechtlerinnen wehren sich gegen die Pläne.

"Erdogan, nimm deine Hände weg von meinem Körper" - mit wütenden Slogans auf Spruchbändern brachten Anfang Juni Frauen ihre Empörung über die Pläne des Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan zum Ausdruck. Die Demonstration in Istanbul war die bislang größte Protestkundgebung von Frauenorganisationen in der Türkei.

Der Leiter des Amts für Religiöse Angelegenheiten, Mehmet Görmez, kommentierte den Aufstand kurz mit: "nicht haltbar". Genau wie Premierminister Erdogan erklärte der höchste Religionsvertreter in dem säkularen Staat, Abtreibungen ohne medizinisch nachvollziehbare Gründe seien "Mord". Die Abtreibungsentscheidung betreffe ungeborenes Leben und liege deshalb nicht nur in der Entscheidungsfreiheit der Frauen. Diese Äußerungen von Görmez heizten die kontroversen Debatten in der Öffentlichkeit weiter an - und verschärften die Polarisierung.

Frauenorganisationen vereinigen sich

Um ihren Protest gegen die Verschärfung der Abtreibungsgesetze zu vereinheitlichen, gründeten fast 150 Frauenorganisationen die Initiative "Kürtaj Yasaklanamaz" ("Abtreibung kann nicht verboten werden"). Der Zusammenschluss sammelt auf seiner Internetseite Unterschriften für die Freilassung der während der Protestkundgebung in Gewahrsam genommenen Frauen. In wenigen Tagen kamen hier mehr als 30.000 Unterschriften zusammen - täglich kommen Tausende hinzu. Ein weiteres Ziel der Initiative ist es, die aktuellen Entwicklungen im Abtreibungsstreit auf internationale Plattformen zu tragen.

Das unabhängige Informationsnetz bianet.org ruft Frauen und Männer zur Teilnahme an einer Foto-Aktion auf. Die Leiterin der Initiative, Cicek Tahaoglu, sagte im DW-Interview: "Mit Aufschriften auf ihren Körpern oder Plakaten wie 'Mein Körper, meine Entscheidung' oder 'Der Körper meiner Frau, ihre Entscheidung' sollen Aktivisten der Kampagne ein Gesicht verleihen."

Die Organisationen rücken den Körper der Frau ins Blickfeld der Öffentlichkeit, gerade weil Frauen in der Türkei sonst eher in den privaten Raum eingeordnet würden. Damit gingen wiederum bestimmte Geschlechterrollen und Einschränkungen der freien Entfaltung der Frau einher, kritisiert Cicek Tahaoglu. "In einem Land wie der Türkei, in dem sexuelle Gewalt, Vergewaltigung und Frauenmorde alltäglich sind, kann eine Verschärfung des Abtreibungsgesetzes diese Phänomene nur noch legalisieren."

Auch Männer rufen zu Protesten auf

Türkischer Premierminister Recep Tayyip Erdogan (Foto: dapd)

Bezeichnet Abtreibung als "Mord": Premier Erdogan

Die Frauen widersprechen somit den Aussagen des Gesundheitsministers Recep Akdag, der sich ausdrücklich gegen Abtreibung ausgesprochen hat - sogar dann, wenn die Frau durch eine Vergewaltigung schwanger geworden ist. Auf die Frage von Journalisten, welche Maßnahmen der Staat bezüglich der nach Vergewaltigungen geborenen Kinder ergreifen werde, sagte Akdag: "Notfalls wird sich der Staat um diese Kinder kümmern."

Während Frauenorganisationen ihre Stimme gegen Erdogan erheben, melden sich inzwischen auch immer mehr Männer zu Wort: Die Initiative "Rahatsiz Erkekler" (Unzufriedene Männer) hat über einen Blog alle Männer zu einer Protestaktion in Istanbul aufgerufen. Sie werden ermuntert, eine klare Position gegen die "patriarchale Staatspolitik" zu beziehen.

Als einziges weibliches Mitglied des Kabinetts Erdogan zog Familienministerin Fatma Sahin den Zorn der protestierenden Frauen auf sich, weil auch sie die geplante Verschärfung der Abtreibungsgesetze befürwortet. Sahin vertritt die Auffassung, Abtreibungen und Kaiserschnitte seien zu legalisierten Methoden der Familienplanung geworden und dürften nicht mehr erlaubt sein. Damit unterstützt die Ministerin die Aussagen Erdogans, der auch den Kaiserschnitt als eine Methode zur Begrenzung des von ihm erwünschten Bevölkerungswachstums bezeichnet hatte.

Niedrigere Müttersterblichkeit durch Legalisierung der Abtreibung

Das Ideal des türkischen Premierministers ist die Familie mit mindestens drei Kindern. Dieses Ziel kann aber durch Kaiserschnitt erschwert werden, weil eine Frau nach dem chirurgischen Eingriff bei der Geburt in der Regel nur noch ein Kind zur Welt bringen kann. Die Familienministerin betonte in der laufenden Debatte zudem, der neue Gesetzesentwurf werde die Kriterien der Wissenschaft und Vernunft berücksichtigen. Gegen Sahins Aussage argumentieren die Frauenorganisationen mit dem Hinweis auf nationale und internationale Statistiken: Diese zeigen einen direkten Zusammenhang zwischen dem Verbot der Abtreibung und dem Anstieg der Müttersterblichkeit auf.

Laut Ärztekammer und Gynäkologenverband ist die Müttersterblichkeit seit der Legalisierung der Abtreibung in der Türkei im Jahre 1983 zurückgegangen. Während 1970 rund 250 Frauen bei 100.000 Geburten starben, ging diese Zahl auf 28 im Jahr 2000 zurück. Ein weiteres Argument der Frauen richtet sich gegen Aussagen von Regierungsvertretern. Demnach soll die Legalisierung der Abtreibung die Zahlen in die Höhe getrieben haben. Doch Statistiken belegen, dass die Abtreibungsquote 1993 bei 18 Prozent, 2008 aber nur noch bei etwa 10 Prozent lag.