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Deutschland

Türken in Deutschland: Gelebte Integration

Zwei Bonner mit türkischen Wurzeln sprachen mit der DW über ihr Leben mit zwei Identitäten und darüber, wie sehr sie die Aussagen von einigen Muslimen zum Thema Religion und Gesetze überraschten.

Emine Emel Yildiz lacht viel, sie ist gleich auf den ersten Blick sympathisch. Die gebürtige Frankfurterin arbeitet im Vertrieb bei der Telekom in Bonn, hat also ein gesichertes Einkommen - und stieß bei der Wohnungssuche trotzdem auf Probleme.

"Der Makler sagte mir 'Ich muss Ihnen leider mitteilen, die Besitzer wollen keine Türken.' Ich hab da kein großes Tam Tam drum gemacht", erzählt Yildiz, die Schatzmeisterin bei der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn ist. Ein anderes Mal bekam sie gar nicht erst einen Termin, um sich eine Eigentumswohnung anzuschauen. Erst nach einigem Nachfragen am Telefon fand sie heraus, dass der Makler mit anderen Interessenten bereits Besichtigungen ausgemacht hatte. Yildiz vermutet, dass sie wegen ihres Namens aussortiert wurde: "Da habe ich mich schon beschwert."

Aus diesen und anderen Gründen überrascht es sie nicht, dass eine

Umfrage unter Menschen mit türkischen Wurzeln

ergab: 54 Prozent der Teilnehmer fühlen sich nicht als Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt.

"Wenn die Menschen in der Gesellschaft einen persönlich kennen, ist die Anerkennung größer", sagt sie. "Wenn nicht, überwiegen die Vorurteile."

"Gesetze gelten für alle"

Das Meinungsforschungsinstitut Emnid befragte rund 1200 türkische Einwanderer und ihre Nachkommen in Deutschland. Die Umfrage fand im Rahmen der Studie "Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland" der Uni Münster statt.

Ein schockierendes Ergebnis der Umfrage: Fast die Hälfte der Befragten, 47 Prozent, stimmten der Aussage zu "Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist für mich wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe".

Atilla Türk und Emine Emel Yildiz von der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn. (Foto: DW/C. Bleiker)

Die Deutsch-Türkische Gesellschaft Bonn, in der sich Türk und Yildiz engagieren, ist die zweitälteste ihrer Art in Deutschland

Dazu muss Atilla Türk, Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn, unbedingt gleich zu Beginn des Gesprächs in einem Bonner Café etwas loswerden.

"Das wundert mich!" sagt Türk mit Nachdruck. Die Türkei habe schließlich vor fast 100 Jahren die Scharia abgeschafft. Der selbstständige Unternehmer, der 1964 in Istanbul geboren wurde, steht voll hinter der Türkei und betont, dass dort eine strenge Trennung von Kirche und Staat herrsche. Dass fast die Hälfte der Befragten religiöse Gebote über das Gesetz stellen, kann er nicht nachvollziehen. "Das A und O ist doch: "Gesetze gelten für alle."

Nicht nur einer Gesellschaft verbunden

Im Laufe der Unterhaltung wird deutlich, wie stolz Türk auf sein Geburtsland ist, das sich in den letzten Jahren wirtschaftlich sehr gut entwickelt habe. Wenn er nach seiner Herkunft gefragt wird, "dann ist meine erste Antwort: 'Ich bin Türke.'"

Die türkischen Feiertage spielen in seiner Familie eine große Rolle, aber er besitzt nur einen deutschen Pass, und die beiden Söhne haben er und seine Frau sowohl in türkischer als auch in deutscher Sprache erzogen.

"Es ist nicht so, dass man sich nur einer Gesellschaft verbunden fühlen kann", sagt Türk. "Das ist doch Blödsinn."

Auch Yildiz sagt, dass Integration nicht bedeute, eine Seite der Persönlichkeit zu Gunsten der anderen aufzugeben.

"Man trägt beides in sich", so Yildiz. Wenn sie gefragt werde, sage sie, sie komme aus Frankfurt. "Viele wissen den Namen einzuordnen", fügt sie dann aber noch mit einem Grinsen hinzu.

Der Islam passt zu Deutschland

Die Umfrage für die Studie der Uni Münster ergab auch, dass zwei Drittel der in Deutschland lebenden Menschen mit türkischem Hintergrund finden, der Islam passe in die westliche Welt. So sehen das auch Türk, der sich als "mittel-religiös" bezeichnet und Yildiz (nach ihrer Aussage "nicht besonders religiös").

"Der Islam ist ja nicht Vollverschleierung oder vier Frauen zu haben", sagt Türk. "Aber das ist in einigen deutschen Köpfen so verankert."

Während des Gesprächs erwähnt er mehrfach, dass in der Türkei beispielsweise Polygamie seit fast einem Jahrhundert ganz klar verboten sei, während der deutsche Justizminister Heiko Maas erst kürzlich erklärte, in Deutschland dürfte diesbezüglich kein Auge zugedrückt werden.

Starke Frauen

Emine Emel Yildiz von der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn. (Foto: DW/C. Bleiker)

Yildiz: Ich sehe mich als Deutsche und Türkin

Yildiz bestellt während der Unterhaltung einen Kaffee Latte. Sie fastet im Ramadan nicht.

Die Familie von Emine Emel Yildiz ist auch in einem anderen Lebensbereich liberal eingestellt. Als ihre Mutter 1965 nach Deutschland kam, um bei dem Süsswarenhersteller Sarotti zu arbeiten, trug sie noch Kopftuch.

"Aber dann hat sie bemerkt, wie die Menschen auf sie reagieren, sie hat eine negative Energie gespürt", erzählt Yildiz. Ihre Mutter war damals bereits verheiratet, aber ihr Ehemann, Yildiz' Vater, war noch in der Türkei. Also schrieb ihre Mutter einen Brief in die alte Heimat - aber nicht etwa, mit einer Bitte um Erlaubnis, das Kopftuch ablegen zu dürfen.

"Sie schrieb 'Ich werde das nicht mehr tragen, weil das hier nicht so gut ankommt'", sagt Yildiz. Damit war die Angelegenheit vom Tisch. Das OK des Ehemanns war keine patriarchalische Erlaubnis, sondern die Zustimmung eines gleichberechtigten Ehepartners. Gelebte Integration.

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