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Europa

Türkei: Weihnachtsbräuche an deutscher Schule in Gefahr?

Droht an einem deutschen Gymnasium in Istanbul eine Art Weihnachtsverbot? Die Elite-Schule dementiert dies inzwischen, spricht aber von Entwicklungen, "die nicht im Lehrplan vorgesehen " seien.

Fakt ist: Das "Istanbul Lisesi" ist ein traditionsreiches Gymnasium. Seine Ursprünge reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Ebenfalls lange Tradition ist, dass deutsche Lehrer die Eliteschüler dort unterrichten. Nach Angaben des Gymnasiums gibt es die Kooperation bereits seit mehr als 100 Jahren - nun könnte sie allerdings Risse bekommen. Es geht dabei um ein urdeutsches Thema: Weihnachten.

Auch wenn ausschließlich türkische Kinder und Jugendliche dort unterrichtet werden, ist die Schule ganz offiziell eine "Deutsche Auslandsschule". Die derzeit 35 deutschen Lehrer werden von der Bundesrepublik entsandt und aus Steuermitteln bezahlt, was auf eine jährliche finanzielle Förderung in Millionenhöhe hinausläuft. Auch die deutsche Wirtschaft fördert das "Istanbul Lisesi", wie Volker Schult, der Leiter der deutschen Abteilung, auf der Internetseite des Gymnasiums schreibt.

"Liebes Kollegium"

Umso erstaunlicher ist eine aktuelle Entwicklung an der Schule: Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) haben türkischen Behörden Weihnachten als Thema aus dem Unterricht verbannt. Eine entsprechende E-Mail habe am vergangenen Dienstag die Leitung der deutschen Abteilung an das "liebe Kollegium" verschickt. Diese liegt der dpa vor. Danach gelte, "dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird." Auch die Teilnahme des Schulchors am traditionellen Weihnachtskonzert im deutschen Generalkonsulat ist nach dpa-Informationen von der türkischen Leitung kurzfristig unterbunden worden.

Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür bislang nicht. Das deutsch-türkische Elite-Gymnasium Istanbul Lisesi dementierte inzwischen, dass die türkische Schulleitung ein Weihnachts-Verbot erlassen habe. Das entspreche nicht der Wahrheit, hieß es in einer Mitteilung. Allerdings hätten die deutschen Lehrer im Unterricht "vor allem in den letzten Wochen Texte über Weihnachten und das Christentum auf eine Weise behandelt, die nicht im Lehrplan vorgesehen ist". 

Die Bundesregierung hatte kurz nach Bekanntwerden der Berichte über das Istanbuler Gymnasium reagiert: "Wir verstehen die überraschende Entscheidung der Leitung des Istanbul Lisesi nicht", heißt es aus dem Auswärtigen Amt in Berlin. "Es ist sehr schade, dass die gute Tradition des vorweihnachtlichen interkulturellen Austausches an einer Schule mit langer deutsch-türkischer Tradition in diesem Jahr ausgesetzt wurde." Das Auswärtige Amt will deshalb in dieser Sache mit seinen türkischen Partnern sprechen.

Internetseite der deutschen Auslandsschule Istanbul Lisesi (istanbullisesi.net)

Internetseite der deutschen Auslandsschule "Istanbul Lisesi"

Die Türkei genießt eine Sonderrolle im deutschen Auslandsschulwesen. Zwar werden die deutschen Lehrer von Deutschland entsandt und auch bezahlt. Das Sagen hat an diesen Schulen dennoch die türkische Schulleitung - beziehungsweise das Bildungsministerium in Ankara.

Verstoß gegen Kulturabkommen

Sollte es wirklich ein Weihnachtsverbot am "Istanbul Lisesi" geben, wäre dies ein Verstoß gegen das Kulturabkommen, das der Türkei deutsche Fachkräfte für ihre Elite-Schulen liefert. In Artikel 12 der Vereinbarung heißt es: "Die Vertragsparteien werden bemüht sein, sich gegenseitig dabei zu unterstützen, ihren Völkern die Kenntnis der Kulturgüter des anderen Landes zu vermitteln." So steht es laut dpa auch in den Leitlinien, die die Schule sich selber gegeben hat.

Eine erste Reaktion auf die Meldung aus Istanbul kommt von den Grünen in Berlin: "Ein Verbot des Themas Weihnachten an Schulen ist nicht hinnehmbar, erst recht, wenn sie von Deutschland mitfinanziert werden", sagte der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Omid Nouripour, der Deutschen Presse-Agentur. "Die Bundesregierung muss dies Ankara gegenüber eindeutig klarmachen. Wenn die türkische Regierung darauf nicht eingeht, dann muss die Finanzierung für die Schule eingestellt werden."

Ähnlich äußerte sich CDU-Innenstaatssekretär Günter Krings. Man "muss man sich fragen, welchen Sinn eine solche deutsch-türkische Schule dann noch hat."  CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sprach von einem Verstoß gegen die Religionsfreiheit. Das Vorgehen sei "ein erneuter Beweis, dass die Erdogan-Türkei alle Brücken nach Europa abreißt", sagte er der Funke Mediengruppe.

Kritik kam auch von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). "Die Kenntnis religiöser und kultureller Traditionen gehört zum Bildungsbasiswissen", sagte die Auslandsbischöfin der EKD, Petra Bosse-Huber, ebenfalls den Funke-Medien. "Warum hier ausgerechnet jetzt ein Riegel vorgeschoben werden soll, ist nicht nachvollziehbar."

 

AR/haz/fab (dpa/afp/rtr/istanbullisesi.net)

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