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Europa

Türkei und Russland: Hauptsache, der Rubel rollt

Ankara hofft auf neue Impulse für die russisch-türkischen Beziehungen, wenn Putin am Montag anreist. Beide Seiten wollen trotz politischer Gegensätze die Handelsbeziehungen absichern. Von Thomas Seibert aus Istanbul.

Erdogan (l.) und Putin bei einem Treffen in Sankt Petersburg im Jahr 2013 (Foto: Reuters)

Erdogan (l.) und Putin bei einem Treffen in Sankt Petersburg (2013)

Der russische Präsident Wladimir Putin reist zu einer Sitzung in die Türkei, die einer gemeinsamen Kabinettssitzung beider Länder gleichkommt. Es tagt der Rat für Zusammenarbeit auf hoher Ebene. Doch der russische Präsident dürfte im Gespräch mit seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan keineswegs nur Gemeinsamkeiten abhaken. Als wichtige Mächte im Schwarzmeer-Raum und im Nahen Osten begegnen sich Russland und die Türkei in den regionalen Krisenherden recht häufig - und verfolgen meistens gegensätzliche politische Ziele.

In der Syrien-Krise etwa fordert Erdogan die Entmachtung von Baschar al-Assad, während Putin zu den wichtigsten internationalen Verbündeten des syrischen Staatsschefs zählt. In der Ukraine-Krise kritisierte die Türkei die Annexion der Halbinsel Krim, die gerade einmal eine Flugstunde von Istanbul entfernt liegt und auf der auch das mit den Türken verwandte Volk der Krimtataren lebt. Im Kaukasus steht die Türkei im Konflikt um Berg-Karabach - die seit Jahrzehnten umkämpfte armenische Enklave in Aserbaidschan - fest auf der Seite der Aserbaidschaner, während Russland aus türkischer Sicht nicht genug tut, um Druck auf Armenien auszuüben.

Sind scharfe Worte zu erwarten?

Überreste eines zerstörten Gebäudes in der syrischen Stadt Aleppo (Foto: AFP)

Zerstörungen in Aleppo: In der Syrien-Krise vertreten die Türkei und Russland unterschiedliche Positionen

Bei keinem der Brennpunkte dürfte es während Putins Besuch Bewegung geben, sagt der Russland-Experte Kamer Kasim. "Die Positionen der beiden Seiten sind unverändert", meint der Vize-Chef der Denkfabrik USAK in Ankara im Gespräch mit der DW. Selbst im bilateralen Handel gebe es Probleme. Während die Türken in Russland vor allem Erdgas kaufen und ihren Bedarf zu 65 Prozent mit russischem Gas decken, sinken die türkischen Ausfuhren nach Russland immer weiter, zuletzt von 5,1 Milliarden US-Dollar in den ersten neun Monaten im Jahr 2013 auf 4,5 Milliarden im selben Zeitraum dieses Jahres. Die Schere zwischen sinkenden Exporten nach Russland und steigenden Importen öffne sich für die Türkei immer weiter, sagte Kasim.

Von so streitbaren Politikern wie Erdogan und Putin könnte man annehmen, dass sie diese Gegensätze auch öffentlich in scharfen Worten thematisieren. Doch dem ist nicht so. "Trotz aller Probleme bemühen sich beide Seiten um einen unaufgeregten Tonfall", sagte Kasim.

Auch wenn es in vielen Bereichen keine Einigung gebe, seien beide Staaten entschlossen, die Streitpunkte auszuklammern und die Zusammenarbeit dort voranzutreiben, wo es möglich sei. Das russische Staatsunternehmen Rosatom baut in Akkuyu am Mittelmeer das erste türkische Atomkraftwerk, das im kommenden Jahrzehnt den Betrieb aufnehmen soll. Knapp 4,3 Millionen russische Touristen pro Jahr bescheren der türkischen Fremdenverkehrsindustrie Milliardeneinnahmen.

Türkei beteiligt sich nicht an Sanktionen gegen Russland

Ein Ausflugsschiff vor der türkischen Stadt Izmir (Foto: AFP)

Die Türkei ist ein beliebtes Urlaubsland für viele russische Touristen

Zudem sehe die Türkei zumindest eine theoretische Chance, die durch die Unruhen im Nahen Osten verursachten Exporteinbußen durch verstärkte Ausfuhren nach Russland auszugleichen, sagt Orkhan Gafarli vom Zentrum für Strategische Studien der Neuen Türkei in Ankara. Dabei geht Ankara auch ungewöhnliche Wege. Im Gespräch mit der Deutschen Welle verwies Gafarli darauf, dass sich die Türkei nicht an den westlichen Sanktionen gegen Russland wegen der Ukraine-Krise beteilige. Aus türkischen Regierungskreisen verlautete dazu, Ankara sei nicht der Ansicht, dass sich bei Russland mit Sanktionen etwas erreichen lasse. Gleichzeitig wird darüber nachgedacht, im bilateralen Handel den US-Dollar als Zahlungsmittel abzuschaffen und durch Rubel und Lira zu ersetzen.

Aufmerksam verfolge Moskau außerdem die teilweise scharfen anti-westlichen Äußerungen Erdogans, sagte Russland-Experte Gafarli. Der russischen Führung sei zwar klar, dass die Türkei als NATO-Mitglied und EU-Bewerberin zum Westen gehöre, sie versuche dennoch, die Türken "so weit wie möglich auf ihre Seite zu ziehen".

In diesem Zusammenhang könnte auch die Debatte über einen Beitritt der Türkei zu der Organisation Shanghai Five - zu der bislang China, Russland, Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan gehören - wieder auf die Tagesordnung kommen. Erdogan hatte in der Vergangenheit laut über eine Abkehr von der EU und eine Zuwendung zu den Shanghai Five nachgedacht. Seit dem Jahr 2012 ist die Türkei offizieller Dialogpartner der Organisation.

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