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Europa

Türkei und der Westen uneins im Kampf gegen den IS

Auch nach der Freilassung der türkischen Geiseln aus der Gewalt der Dschihadisten-Miliz "Islamischer Staat" (IS) zögert Ankara, sich aktiv an der geplanten internationalen Allianz gegen die Extremisten zu beteiligen.

Recep Tayyip Erdogan sprach von einem Triumph seines Landes. Bei einem Treffen mit den

freigelassenen IS-Geiseln

in Ankara sagte der türkische Staatspräsident am vergangenen Wochenende, die Türkei habe einen "diplomatischen Sieg" errungen. "Politische und diplomatische" Verhandlungen zwischen dem türkischen Geheimdienst MIT und dem IS brachten demnach den Durchbruch. Erdogan deutete an, dass es einen Tauschhandel gab: Das Leben der Geiseln sei ihm sogar das wert gewesen, sagte er. Der regierungsnahen Zeitung Yeni Safak zufolge wurden einige in der Türkei inhaftierte ausländische IS-Kämpfer an die Extremisten überstellt, die im Gegenzug die türkischen Geiseln frei ließen.

Willkommenszeremonie türkische Geiseln am 20.09.2014 in Ankara (Foto: REUTERS/Stringer)

"Ein diplomatischer Sieg" - türkische Geiseln zurück im Land

Diese Art von Verhandlungen zwischen der Türkei und dem IS verstärken bei Kritikern Erdogans im In- und Ausland den Verdacht, dass Ankara die sunnitischen Dschihadisten unterstützt. Ankara weist das zurück. "Wenn man sagt, die Türkei kooperiere mit dem IS, ist das so, als würde man sagen, die US-Regierung kooperiere mit Drogenkartellen an der Grenze zu Mexiko", sagte ein türkischer Regierungsvertreter.

"Koalition - wofür?"

Dennoch sind die Differenzen zwischen der Türkei und ihren Partnern in der Frage des IS unübersehbar. Bei einem kürzlichen Treffen von US-Außenminister John Kerry mit Vertretern muslimischer Länder im saudischen Jeddah war die Türkei das einzige Teilnehmerland, dass die

Abschlusserklärung mit der Verpflichtung zur Bekämpfung des IS nicht unterzeichnete

. In Jeddah sei nicht klar gewesen, was eigentlich zur Debatte gestanden habe, sagte der türkische Regierungsvertreter: "Eine Koalition, wofür?"

John Kerry und Recep Tayyip Erdogan (Foto: EPA/KAYHAN OZER / HANDOUT / TURKISH PRESIDENTAL PRESS OFFICE)

Erhebliche Differenzen - John Kerry bei Recep Tayyip Erdogan in Ankara

Die Türkei will den Blick der Partner vor allem auf die Zeit nach einem militärischen Sieg über die IS-Extremisten richten. Wie soll es in Syrien weitergehen? Wie sieht es im Irak aus, wo die Benachteiligung der sunnitischen Minderheit unter der Regierungszeit des abgelösten Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki zumindest zum Teil den Nährboden für die Entstehung des IS darstellte? Es gehe der Türkei darum, die tiefer liegenden Gründe für den Erfolg der Extremisten aus der Welt zu schaffen, ließen türkische Regierungsvertreter in der Presse verlauten.

Grundlegender Unterschied

Hinter dieser Haltung verbirgt sich ein grundlegender Unterschied zwischen der Türkei und dem Westen mit Blick auf den IS. Während die USA und Europa derzeit ganz auf die Dschihadisten konzentriert sind und den IS als wichtigste Bedrohung sehen, betrachtet die Türkei weiterhin den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad als größtes Problem. "Ankara behauptet, in der Region gebe es gefährlichere Gruppen als den IS, allen voran das Assad-Regime", schrieb der Politologe Sedat Laciner in einem Beitrag für das Online-Portal Internethaber. "Es ist leicht zu erkennen, wie die Türkei da außen vorbleibt, wenn die USA und Europa zusammen mit einem Bündnis aus Iran, Syrien und den irakischen Schiiten [gegen den IS, Anm. d. Red.] vorgehen."

Ein westlicher Diplomat in Ankara sagte der Deutschen Welle, die Türkei habe zudem lange auf eine "muslimische Verbundenheit" gesetzt und darauf gehofft, dass Gruppen wie der IS den Sturz des Assad-Regimes schaffen könnten. Aus Sicht einiger US-Regierungsvertreter sei die Türkei deshalb zu einem "unsicheren Kantonisten" geworden. Das "Wall Street Journal" nannte die Türkei einen "Nicht-Partner".

Schwierige Gespräche Erdogans in New York

Massenflucht aus Syrien in die Türkei (Foto: EPA/ULAS YUNUS TOSUN +++(c) dpa - Bildfunk)

Terror der IS löst in Syrien Massenflucht in die Türkei aus

Erdogan will am Rande der UN-Vollversammlung in New York in den kommenden Tagen mit US-Präsident Barack Obama, anderen Politikern sowie Beobachtern und Journalisten sprechen. Dabei werde Erdogan einen schweren Stand haben, sagte Asli Aydintasbas, Kolumnistin der Zeitung Milliyet, voraus. Der Präsident werde in New York bekräftigen, dass die Türkei nicht gegen den IS kämpfen werde, weshalb das "Image-Problem" Ankaras wohl weiter bestehen bleibe.

Dabei ist die Türkei sehr wichtig für den Westen. Das Land sei der einzige Akteur, "der im Nahen Osten etwas bewegen kann", sagte der Politologe Serdar Erdurmaz von der Hasan-Kalyoncu-Universität in Gaziantep der Deutschen Welle. Eine Annäherung zwischen den türkischen und westlichen Standpunkten ist jedoch nicht in Sicht. Als Kenner der Weltregion habe die Türkei ihre Partner schon vor Jahren vor den Gefahren des Extremismus gewarnt, sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu kürzlich: "Ohne eine Ablösung des Assad-Regimes können Chaos und Unruhe in der Region nicht beendet werden."

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