Türkei meldet Gebietsgewinne in Nordsyrien | Aktuell Nahost | DW | 28.01.2018
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Syrien

Türkei meldet Gebietsgewinne in Nordsyrien

Die türkische Armee hat nach Angaben der Staatsagentur Anadolu den wichtigen Berg Barsaja eingenommen. Er war von kurdischen Milizen gehalten worden. Die Angriffe in der Region würden fortgesetzt, hieß es.

Der Berg Barsaja sei unter Kontrolle der türkischen Armee und der mit ihr verbündeten Freien Syrischen Armee (FSA), meldete die staatliche Agentur Anadolu unter Berufung auf die türkischen Streitkräfte. Eine Bestätigung der kurdischen Miliz YPG gibt es bis jetzt nicht. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien dementierte die Meldung und erklärte, die türkische Armee und FSA-Kämpfer hätten lediglich einen Teil des Berges unter ihrer Kontrolle.

Die türkische Armee hatte schon am vergangenen Montag die Einnahme des Hügels gemeldet. Nach heftigen Kämpfen mit den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) fiel der strategisch wichtige Hügel nahe der Grenzstadt Asas jedoch wenige Stunden später wieder an YPG-Einheiten zurück.

Erdogans "Dampfwalze" in Nordsyrien

Der Berg gilt als wichtig, weil man von dort aus die Stadt Asas, die sich unter Kontrolle von pro-türkischen Rebellen befindet, überblicken kann. Nach Angaben der Beobachtungsstelle hatten das türkische Militär und die FSA am frühen Sonntagmorgen eine massive Offensive gestartet. Türkische Medien meldeten, Luftschläge und Artilleriebeschuss in der Region gingen weiter.

Die Türkei hatte am vergangenen Wochenende ihre Militäraktion "Olivenzweig" gestartet und war mit der FSA zunächst in die syrische Kurdenenklave Afrin im Nordwesten Syriens eingerückt. Ende dieser Woche hatte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan angekündigt, den Militäreinsatz auf ganz Nordsyrien bis zur irakischen Grenze im Osten auszuweiten. Seine Regierung sei entschlossen, alles "wie eine Dampfwalze zu zermalmen", was eine Bedrohung für die Türkei darstellen könnte, hatte Erdogan am Samstag verkündet. 

Türkischer Einmarsch belastet Verhältnis mit den USA

Das türkische Militär bekämpft in Syrien die kurdischen Volksschutzeinheiten YPG, die mit den USA im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) verbündet sind. Ankara will eine langfristige kurdische Kontrolle der Grenzgebiete verhindern und sieht die YPG als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit als Terrororganisation an.

Wegen des Einmarschs in Nordsyrien ist das Verhältnis zwischen Ankara und den USA derzeit stark angespannt. Besonders brisant wäre ein Vorrücken der Türkei in Richtung Manbidsch, denn dort hat die USA Ausbilder stationiert. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu hat Washington bereits zum sofortigen Abzug seiner Soldaten aus Manbidsch aufgefordert.

YPG Syrien Kurdische Soldaten mit Tarn-Lastwagen (DW/M. Aqil)

Soldaten der kurdischen YPG-Einheiten (Archivbild)

Unterschiedliche Opferzahlen

Nach Angaben der Beobachtungsstelle gab es seit Beginn der Offensive 46 zivile Todesopfer, davon 13 Kinder. Nach Angaben von Erdogan wurden bislang sieben türkische Soldaten und 13 FSA-Kämpfer getötet. Die Menschenrechtsbeobachter sprachen von mehr als 60 getöteten FSA-Mitgliedern.

Die türkischen Streitkräfte meldeten, 484 gegnerische Kämpfer seien bislang «neutralisiert» worden. Mit "neutralisiert" ist in der Regel getötet gemeint, der Begriff kann aber auch verletzt oder gefangen genommen bedeuten. Die kurdischen Milizen bestätigten das zunächst nicht.

Syrien-Friedensgespräche in Sotschi ohne Kurden

Die türkische Militäroffensive belastet auch die geplanten Syrien-Friedensgespräche im russischen Sotschi. Nach dem größten syrischen Oppositionsbündnis sagten auch die Behörden der selbsterklärten halbautonomen kurdischen Region in Nordsyrien eine Teilnahme ab. Der türkische Militäreinsatz "Olivenzweig" widerspreche dem "Prinzip des politischen Dialogs", sagte die Regionalverantwortliche des Kurdengebiets, Fawsa al-Jussef. Die beiden Mitveranstalter der zweitägigen Sotschi-Konferenz, die Türkei und Russland, hätten sich über Afrin auf Kosten der Kurden verständigt. Das schließe eine Teilnahme an den Gesprächen in Sotschi aus. Am Donnerstag hatten die syrischen Kurden in der Enklave Afrin das Regime in Damaskus um Beistand gegen die Militäroffensive der Türkei gebeten. 

Wer kommt noch nach Sotschi?

Die Gegner des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad hatten bereits am Samstag bei den Wiener Friedensgesprächen unter Schirmherrschaft der UN ihre Nicht-Teilnahme an der Konferenz in Sotschi angekündigt. Das Regime in Damaskus setze auf eine "militärische Lösung", es zeige keinen ernsthaften Verhandlungswillen, sagte Nasr Hariri vom Syrischen Verhandlungskomitee (SNC), das die wichtigsten Oppositionsgruppen vertritt.

Die Friedensgespräche in der Schwarzmeerstadt werden von Russland, der Türkei und dem Iran veranstaltet. In den vergangenen Wochen gab es aber Streit über die Teilnehmerliste, insbesondere hinsichtlich der Einladung der Kurden. Russland unterhält gute Beziehungen zur YPG, hat sich aber der türkischen Offensive in Afrin nicht widersetzt. Ankara erklärte, es stimme sein Vorgehen in der syrischen Region eng mit Moskau ab.

cw/WW (dpa, afp)

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