Türkei: Diskussion über westlichen Lebensstil | Europa | DW | 25.12.2017
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Europa

Türkei: Diskussion über westlichen Lebensstil

Die kurze Hose der Frauen, die Bildung von Mädchen - die Türkei diskutiert über den westlichen Lebensstil. Vor allem Frauen fühlen sich in ihrer Privatsphäre gestört.

Türkei Istanbul traditioneller vs moderner Lebensstil (Getty Images/AFP/G. Ozturk)

Traditioneller und westlicher Lebensstil vereint in Istanbul - hier bei einer Demonstration von Schwulen und Lesben

Für junge, liberale Frauen in einer großen, modernen Stadt wie Istanbul sind Freiheit und Gleichberechtigung nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Obwohl die AKP-Regierung immer wieder behauptet, dass eine Einmischung in den Lebensstil des Individuums nicht geduldet wird, fühlen sich viele Frauen aufgefordert, sich einem zunehmend konservativen Lebensstil anzupassen.

Zum Beispiel Pinar, die ihren Nachnamen nicht nennen will. Sie arbeitet in einer privaten Firma in Istanbul. Immer wieder wurde sie verbal und auch körperlich attackiert, erzählt die junge Frau. Das belaste sie: "Wenn ich zum Beispiel abends ausgehe und öffentliche Verkehrsmittel benutze, mache ich den Lippenstift erst drauf, wenn ich dann dort auf der Toilette bin", so Pinar. Ihr selbst sei aufgefallen, dass sie weniger Lippenstift als früher benutze. Und im Sommer nehme sie immer eine dünne Strickjacke mit, "um sie mir überzuwerfen".

Auch Buse, die in Istanbul studiert, denkt, dass das Leben besonders für Frauen von Tag zu Tag strenger wird. Jeder habe das Recht, sich so anzuziehen, wie er möchte. Nur weil Frauen von diesem Recht Gebrauch machten, dürfe man keine Gewalt gegen sie anwenden.

Aus den verbalen Attacken werden körperliche Attacken

Doch Aussagen gegen einen freizügigen Lebensstil von Frauen häufen sich. Jüngst behauptet der Theologe İhsan Şenocak, es sei eine Sünde, dass Frauen Hosen tragen, sich ihre Augenbrauen zupfen und zur Universität gehen. Kurz nach dieser Stellungnahme wurde Şenocak, der in der Stadt Samsun als Prediger für die Behörde der religiösen Angelegenheiten arbeitet, entlassen. Ob seine Entlassung in direktem Zusammenhang mit seinen Aussagen steht, ist unklar.

Auch brachte der Mufti der Stadt Gölcük, Mehmet Yazıcı, in Bezug auf nicht verschleierte Frauen den zweideutigen Vergleich: "In den Läden wird die Ware in der Auslage, bei der die Verpackung aufgerissen ist, zum halben Preis verkauft".

Türkei junges Pärchen in Istanbul (imago/F. Abraham)

Junges Pärchen im Nachtleben Istanbuls

Aus den verbalen Attacken werden manchmal auch körperliche Angriffe. So wurde im letzten Sommer die Studentin Melisa Sağlam aus Istanbul unter dem Vorwand, sie habe im Minibus eine kurze Hose getragen, Opfer eines Angriffs durch einen Mann. Im vergangenen Jahr wurde Ayşegül Terzi, eine junge Krankenschwester, ebenfalls mit dem Vorwurf, eine kurze  Hose zu tragen, von einem Mann mit Tritten in einem Bus mitten in Istanbul attackiert.

"Männer sollten Bart wachsen lassen"

Nicht nur der Lebensstil der Frauen, sondern auch der der Männer, wird infrage gestellt. Vergangene Woche kam es in der Sendung "Versteckte Wahrheiten" des konservativen Fernsehsenders FM TV zu einer Diskussion, um die Einmischung in den Lebensstil. Einer der Moderatoren forderte, dass sich Männer wieder deutlicher von Frauen unterscheiden sollten. Ein Bart wäre das richtige Mittel dafür. Weiter sagte er: "Unsere Frauen und unsere Männer kleiden sich gleich. Männer haben lange Haare und keinen Bart. Aus der Entfernung sehen sie aus wie Frauen. Gott beschütze einen vor den Ideen, auf die man dann kommt."

Soziologin: Regierung bleibt still

Die Soziologin Selda Tuncer von der Universität Van, macht darauf aufmerksam, dass Aussagen dieser Art ein Versuch seien, das öffentliche Leben und die Geschlechterrollen zu organisieren. 

"Staaten machen das nicht immer mit Gesetzen", so Tuncer. Der Prozess laufe dabei subtiler ab. "Man sieht es irgendwann als Recht an, seinen Lebensstil anderen aufzuoktroyieren." Strafen für so ein Verhalten gebe es aber nicht. "Dass die Regierung nichts dagegen tut, bedeutet, dass sie es eigentlich erst ermöglicht", so die Soziologin.

Als Reaktion auf die Angriffe wurden in verschiedenen Städten der Türkei unter dem Motto "Misch dich nicht in meine Kleidung ein" verschiedene Aktionen in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf der Straße organisiert. Außerdem haben Frauen eine Twitter-Kampagne unter dem Hashtag #ŞortunuGiySokağaÇık gestartet. Das heißt übersetzt: Zieh Deine Shorts an und geh auf die Straße. Die Debatte um den Lebensstil in der Türkei hat gerade erst begonnen.

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