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Welt

Türkei: Die schwindelfreien Derwische

Istanbul war in ihrer langen Geschichte sowohl Zentrum des Christentums als auch des Islam. Auch heute noch können Besucher eine Mischung beider Religionen erleben - bei den Aufführungen der "tanzenden Derwische".

Derwische aus Konya bei einem Auftritt in Sarajevo, Quelle: AP

Derwische praktizieren ein faszinierendes Ritual des Herumwirbelns

Die Derwische gehören einer alten islamischen Sekte namens Mevlevi an, deren religiöse Philosophie auf der Liebe zu Menschheit und Natur basiert und die durch Tanz und Musik zelebriert wird.

Das Jahrhunderte alte Haus der Mevlevi ist ein friedlicher Hafen fernab der Stadt - auf einem Hügel gelegen, in Istanbuls altem Galatta-Viertel. Wenn man das Haus betritt, vergisst man sofort den Lärm und den Stress, der in der Stadt mit 12 Millionen Einwohnern herrscht. Die beruhigenden Töne der Flöte nehmen die Besucher mit in eine vergangene Zeit.

Tanz mit dem Schicksal

Derwische bei einer Vorführung im Türkischen Parlament in Ankara, Quelle: AP

Die Kunst ist so zu tanzen, dass einem nicht schwindelig wird

Unter den Einheimischen und den Touristen, die auf der Zuschauertribüne des achteckigen Andachtszimmers sitzen, macht sich gespannte Erwartung breit. Drei Männer betreten langsam den Raum. Sie tragen weiße, fließende Gewänder und beigefarbene, kegelförmige Hüte. Einer der Männer legt einen kleinen roten Teppich auf den Boden, der das Schicksal symbolisieren soll. Er verbeugt sich davor, dann stellt er sich mit den beiden anderen Männern in einer Reihe auf. Einer nach dem anderen beginnt, sich langsam im Kreis zu bewegen. Immer im Takt der Musik.

Und dann, allmählich, fangen sie an, sich um die eigene Achse zu drehen, die Arme vor dem Oberkörper verschränkt. Die Arme jetzt über die Köpfe gehalten, drehen sie sich in perfekter Harmonie mit der Musik. Immer schneller drehen sie sich, es scheint, als würden sie in mystische Trance verfallen. Die weißen Gewänder schwingen glockenförmig um die Tänzer herum. Sie wirbeln in atemberaubendem Tempo um die eigene Achse.

Vereinigung mit der Natur - und mit dem Zuschauer

Karte Terra Incognita Istanbul Türkei

Auf der Tribüne sitzt auch Attila Osman Baran, der Vorsitzende des Rumi Mevlevi Ensembles. Er erklärt die jahrhundertealte Musik- und Tanz-Zeremonie, die "Sema": "Die Tanzbewegungen und ihre Bedeutung sollen die Menschen mit der Natur vereinen. Die Planeten und die Moleküle drehen sich, Rotation ist wichtig in der Natur. Und wir zelebrieren das mit unserem Tanz um die eigene Achse."

Durch die Drehungen würden die Tänzer sich selbst und Gott besser kennenlernen. "Aber es wird auch eine Verbindung hergestellt zwischen Gott und denen, die bloß zuschauen. Wenn die Derwische es schaffen, ihren Zuschauern Zugang zu ihrer Spiritualität zu geben, dann haben sie Erfolg!"

Suche nach Gemeinsamkeit durch Menschenliebe

Tanzender Derwisch in Ägypten, Quelle: AP

Ein Derwisch in Ägypten

Nach der Zeremonie ist Tänzer Bülent Sefermendi außer Atem und erschöpft. Seit 20 Jahren schon führt er den Sema-Tanz auf. Lange habe er gebraucht, bis er ihn beherrscht hat: "Ich war sechs Monate lang in einer Spezialschule. Das schwierigste ist, das Schwindelgefühl zu überwinden, dass durch die Drehungen kommt." Dafür nutzt Bülent eine besondere Atemtechnik.

"Außerdem kann man den Tanz nur aufführen, wenn man die Philosophie dahinter begreift: den Ruf nach Brüderlichkeit, Liebe und Gemeinsamkeit aller Menschen. Eine Suche nach Gemeinsamkeit durch Menschenliebe. Das ist die wahre Philosophie des Islam, die im Westen nicht verstanden wird. Man muss das Level erreichen, wo man Liebe in allen Menschen sieht - egal, was sie glauben, denn in jedem steckt ein Stück von Gott."

Mischung von Christentum, Schamanentum und Islam

Eine Gruppe von Derwischen mit Musikern, Quelle: dpa

Derwische vom Orden Mevlana

Die Mevlevi-Sekte wurde von Mevlana Celaleddin Rumi vor über 700 Jahren in Konya gegründet. Die zentralanatolische Stadt war für über tausend Jahre ein Schmelztiegel verschiedener Religionen. Nach westlicher Zeitrechnung wäre Mevlana Celaleddin Rumi in diesem Jahr 800 Jahre alt geworden, die UNESCO hat das Jahr 2007 daher zum Mevlana-Jahr erklärt.

Tanz und Musik der Derwische haben sich im Laufe der Jahrhunderte aus vielen Glaubensrichtungen und Zivilisationen entwickelt. "Die Derwische haben ihre Wurzeln in den islamischen Propheten des 8. Jahrhunderts, auch bei den Schamanen in Zentralasien. Der Tanz selbst und die erhobenen Arme kommen von den alten Griechen", sagt Attila Osman Baran. "Es ist wirklich eine Mischung von drei wichtigen Kulturen und Religionen: Christentum, Schamanentum und Islam."

Botschaft über die Türkei hinaus

Tanzende Derwische, Quelle: Dorian Jones

Im Derwisch vereinigen sich viele Kulturkreise

Die Mischung verschiedener Glaubensrichtungen könnte der Grund dafür sein, dass die tanzenden Derwische bis heute Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen in ihren Bann ziehen. Eine Spanierin im Publikum sieht trotz aller Exotik auch Parallelen zur eigenen Kultur: "Im Flamenco gibt es Ähnlichkeiten. Dort wird auch mit der Stimme des Herzens gesprochen. Ich finde es sehr schön, sehr gefühlsbetont. Ich habe so etwas noch nie gesehen, aber ich finde es toll."

In einer Zeit, in der oft über Kulturkämpfe gesprochen wird, hoffen die Derwische, dass ihre Philosophie von Liebe, Verständnis und Toleranz eine andere Perspektive zum Thema Islam bietet. In der Türkei und über die Landesgrenzen hinaus.

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