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Welt

Türkei blickt gespannt auf US-Wahl

Die türkische Regierung verfolgt die US-Wahlen mit großem Interesse. Ankara erhofft sich von einer zweiten Amtsperiode von Barack Obama ein stärkeres Engagement gegenüber dem syrischen Regime.

Die türkische Regierung unter Premierminister Recep Tayyip Erdogan war während der letzten vier Jahre einer der wichtigsten Partner der Obama-Regierung. Als sich die Syrienkrise zuspitzte, entwickelten sich zwar Differenzen zwischen Ankara und Washington, jedoch bevorzugt die türkische politische Elite nach wie vor Obama als US-Präsidentschaftskandidaten.

"Die türkische Regierung verfolgt eine zunehmend scharfe Politik mit der Zielsetzung, Assad loszuwerden, sowie Flugverbote oder Pufferzonen in Syrien zu schaffen", sagte Serkan Demirtas, Außenpolitikexperte der Tageszeitung Hurriyet. "Aber die Obama-Regierung ist nicht wirklich gewillt, eine Eskalation der Spannungen in diesen Tagen zu erleben - denn das würde offensichtlich ein militärisches Eingreifen der US-Streitkräfte erfordern. Dieses Syrienszenario ist für die derzeitige amerikanische Regierung alles andere als wünschenswert, insbesondere so kurz vor den Präsidentschaftswahlen im November", sagte er.

Meinungsverschiedenheiten zwischen Erdogan und Obama über Syrien traten besonders deutlich zutage, nachdem Erdogan letzten Monat in einem Interview mit CNN Obama für seine "fehlende Initiative in Syrien" offen kritisiert hatte.

Eine nicht gerade einfache Freundschaft

Eine spezielle Freundschaft verbindet Erdogan und Obama seit 2009 verbunden, nachdem Obama einen seiner ersten Antrittsbesuche der Türkei abgestattet hatte, was die besondere Bedeutung dieses Partners für die USA wirkungsvoll unterstrich. Seitdem verfolgten beide Regierungen stets eine gut miteinander abgesprochene Außenpolitik. Letztes Jahr trafen sich Erdogan und Obama mehrmals persönlich und telefonierten häufig, um ihre Politik in Bezug auf die Arabische Revolution, den Nahen Osten und Iran zu koordinieren.

Seit Anfang dieses Jahres trüben jedoch einige schwerwiegende Probleme das gute Verhältnis. Jedenfalls haben die türkischen Medien den scheinbaren Mangel an Kommunikation zwischen ihnen als Zeichen zunehmender Differenzen interpretiert.

Ankara ist bemüht, die Bedeutung dieser Meinungsverschiedenheiten zwischen Erdogan und Obama herunterzuspielen. Türkische Regierungsvertreter betonen, dass Washingtons Zurückhaltung im Nahen Osten vor allem auf Obamas Konzentration auf innenpolitische Themen im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen zurückzuführen ist.

"In Ankara bestehen keine Zweifel daran, dass Obama, falls er wiedergewählt wird, im Syrienkonflikt eine viel engere Zusammenarbeit mit der Türkei anstreben wird", sagte Außenpolitikexperte Demirtas. "Die türkische Regierung würde eine Wiederwahl Obamas begrüßen."

Obama ist in der Türkei sehr beliebt

Doch nicht nur die politische Elite des Landes, sondern auch die allgemeine türkische Gesellschaft würde Obama gerne wieder im Weißen Haus sehen.

Laut einer kürzlichen Umfrage erhofft sich eine Mehrheit der Türken einen Wahlsieg Obamas. Bei der Befragung durch die Marktforschungsgesellschaft Barem gaben 94 Prozent der Befragten an, sie würden für Obama wählen.

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan und US Aussenministerin Hillary Clinton REUTERS/Prime Minister's Press Office/Yasin Bulbul/Handout

Trotz gewisser Anspannungen ist das Verhältnis zwischen den USA und der Türkei gut.

Viele Beobachter zeigen sich über diese starke Unterstützung keinesfalls erstaunt. Schließlich wird Obama als ein Politiker gesehen, der die als kontrovers wahrgenommene Politik des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush konfrontiert hat, insbesondere, was den Krieg im Irak anbelangt. 2004 sagten 82 Prozent der Türken, sie seien gegen eine Wiederwahl von Bush, da dies ihrer Meinung nach negative Konsequenzen für Frieden und Sicherheit nach sich ziehen würde.

"Die Beziehungen zwischen den USA und der Türkei sind während der Bush-Ära traumatisiert worden", sagte Cagri Erhan, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Ankara der DW. "Im Laufe von Obamas Amtszeit haben die USA und die Türkei dieses Trauma überwunden, sehr enge Beziehungen unterhalten und weiter ausgebaut", sagte er.

Laut Erhan würde ein Wahlsieg des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney eine Fortsetzung dieser positiven Entwicklung der amerikanisch-türkischen Beziehungen sehr schwierig machen.

Romney ängstigt die Türken

Türkische Militärposten an der syrischen Grenze(Foto:AP/dapd)

Die Türkei ist besorgt, über Romney's angestrebten außenpolitischen Kurs in der Region.

Mitt Romneys starke Unterstützung für Israel und dessen "harter Linie" gegenüber Iran hat bei der türkischen politischen Elite bereits Besorgnis hervorgerufen.

"Zwischen der türkischen Politik im Nahen Osten und Romneys außenpolitischen Vorstellungen bestehen tiefe Differenzen," sagte Erhan. "Seit dem Mavi Marmara Vorfall (israelischer Überfall auf eine von der türkischen Fähre Mavi Marmara angeführte Hilfsgüter-Flotte unterwegs nach Gaza. Beim Entern des Schiffes wurden neun Menschen getötet - die Red.) haben sich die türkisch-israelischen Beziehungen deutlich verschlechtert - und nicht wieder verbessert. Falls Romney gewählt werden sollte, würde seine eindeutig pro-israelische Linie die amerikanisch-türkischen Beziehungen zusätzlich belasten", sagte er.

Nach Meinung des Kolumnisten Serkan Demirtas werden nach den Wahlen im November der Syrien-Konflikt sowie die Besorgnis über Irans nukleare Ambitionen die beiden Hauptthemen in den amerikanisch-türkischen Beziehungen sein. Ankara erwartet von einer neuen US-Regierung ein stärkeres Engagement in Syrien, stellt sich aber gegen einen möglichen Militärschlag gegen Irans Atomprogramm.

"Die Türkei befürchtet eine mögliche militärische Konfrontation zwischen Israel und Iran, die ihrer Meinung nach die gesamte Region nachhaltig zerstören würde", sagte Demirtas. "Bislang konnten Romneys Aussagen zu diesem Thema Ankara nicht beruhigen, sondern haben diese Ängste auch noch zusätzlich geschürt", fügte er hinzu. "Aus dieser regionalen Perspektive heraus glauben türkische Regierungskreise, dass eine zweite Amtsperiode von Obama geradezu unabdingbar sei."

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