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Kultur

Türenknallen zum Abschied

Skandalträchtige Inszenierungen zuhauf, despektierliche Interviews im Dutzend: Gerard Mortier, der ehemalige Leiter der Salzburger Festspiele, hat sich keineswegs mit einem "leisen Servus" von der Salzach verabschiedet.

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Gerard Mortier

So wie viele empörte Zuschauer, denen die szenischen Provokationen über die Hutschnur gingen, türenschlagend die diversen Spielstätten verlassen hatten – so verließ auch Mortier im letzten Jahr (2001) Salzburg. Die österreichischen Hausgötter - Wolfgang Amadeus Mozart, Richard Strauss und "Walzerkönig" Johann Strauß - hatte Mortier zuvor entweiht: Die Wiener Presse weinte dem agilen Belgier keine Träne nach. Mittlerweile baut Mortier im Ruhrgebiet ein neues Festival auf.

Macbeth wird zum Skandal

Zunächst hatte die letzte Saison recht versöhnlich mit Leos Janaceks "Jenufa" in einer ziemlich realistischen Inszenierung des US-Filmregisseurs Bob Swaim begonnen. Das noble Publikum der Eröffnungspremiere, darunter Österreichs Bundespräsident Thomas Klestil mit Gefolge, zeigte sich angetan, die Zeitungen ebenso: "Wie fein, man erkennt sogar das Stück", lobte die konservative Wiener "Presse". Dann aber war es knüppeldick gekommen. Vor allem die radikale Macbeth-Inszenierung des jungen katalanischen Regisseurs Calixto Bieito hatte tagelang die Gemüter erregt. Auch bei Christoph Marthalers "Figaro" und der neuen "Ariadne" von Jossi Wieler und Sergio Morabito hagelte es Proteste.

Dieser Unmut aber war ein laues Lüftchen, verglichen mit dem Sturm der Empörung, welcher die Hinrichtung der "Fledermaus" durch den berüchtigten "Stückekiller" Hans Neuenfels begleitete. Der Regisseur brach - vom kollektiven Koksrausch der Festgesellschaft des Prinzen Orlofsky bis zu päderastischen Neigungen der Hauptfigur Gabriel von Eisenstein - beinahe jedes Tabu und sparte auch nicht mit Anspielungen auf angebliche faschistische Tendenzen im heutigen Österreich. Die Massakrierung der eingängigen Strauß-Operette werde als "größter Skandal der bisherigen Festspielgeschichte" in die Annalen eingehen, tobte die "Presse" und auch der liberale Wiener "Standard" fand diese "Fledermaus" schlicht "zum Kotzen".

Mortiers Abgang

Mortiers letzte Schlacht war geschlagen und der neue "Feldherr", der Hamburger Musikmanager und Komponist Peter Ruzicka, stand schon in den Startlöchern. Skandal um des Skandals willen, so ließ der neue Mann in einem Interview vernehmen, werde es mit ihm nicht geben. Vorsorglich wehrte sich Ruzicka aber schon einmal gegen "Beifall von der falschen Seite": "Die Erwartung, dass es nun reaktionär weitergeht, muss ich dämpfen: Das wird nicht der Fall sein".

Am 1. Oktober 2001 war offizielle Stabübergabe.

Mortier zog eine negative Bilanz seiner zehnjährigen Arbeit und bedauerte, dass es ihm nicht gelungen sei, das Festival zu modernisieren und ein neues Publikum zu erobern. Das Durchschnittsalter der Gäste hatte sich unter seiner Leitung gerade mal von 65 auf 57 gesenkt. Salzburg – in Mortiers Augen eine Stadt, in der ein reaktionäres Klima herrsche, erklärte er zum Abschied zu einer Art Disneyland, wo man keine wirklichen Experimente durchführen könne. (fro)