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Asien

Töten als göttliche Mission

Religiös motivierte Gewalt gibt es seit Menschengedenken. Aber seit den 80er Jahren berufen sich immer mehr Terroristen auf einen göttlichen Auftrag und gefährden die globale Welt.

Das Versteck des Terrorchefs Osama bin Laden in Abbottabad, Pakistan (Foto: Balkis Press/ABACAPRESS.COM )

Das Versteck des Terrorchefs Osama bin Laden in Abbottabad, Pakistan

4. November 1995. Ein jüdischer Extremist erschießt den israelischen Premierminister Yitzhak Rabin. Dieser hatte auf dem Platz der Könige Israels an einer Friedenskundgebung teilgenommen. Gegenüber der Polizei äußerte der junge Attentäter Yigal Amir später: "Ich handelte allein und auf Befehl Gottes."

Die religiöse Begründung von Attentaten und terroristischen Anschlägen war 1995 noch etwas Ungewohntes. Bis in die 90er Jahre hatten sich die meisten Terroristen entweder als Revolutionäre oder als Nationalisten verstanden. Sie begründeten ihre Taten politisch. Die Argumente leiteten sie aus dem ideologischen Schema des Kalten Kriegs, ethnischen Unterschieden bzw. nationalen und ideologischen Überzeugungen ab.

Politische Ziele im Namen Gottes

Seit den 80er Jahren ist ein größer werdender Teil des Terrorismus eine unheilvolle Verbindung mit der Religion eingegangen. Vor allem nach der Islamischen Revolution im Iran und mit dem Ende des Kalten Krieges haben sich international operierende terroristische Organisationen vermehrt auf die Religion berufen. Das Außenministerium der USA stufte 1980 nur zwei von insgesamt 64 international operierenden terroristischen Organisationen als religiös ein, während es 2009 bereits die Hälfte von 54 waren.

Philippinische Soldaten bewachen ihr Basiscamp(Foto: AP/AJ)

Die muslimische Terrorgruppe Abu Sayyaf fordert ein eigenes Staatsgebiet

Dem Versuch, Politik und Religion als Motive für den Terrorismus voneinander abzugrenzen, steht Historiker Charles Townshend skeptisch gegenüber. Die Trennung von Staat und Religion, die in vielen westlichen Ländern selbstverständlich ist, sei zum Beispiel für viele islamische Staaten nicht nachvollziehbar. Religiöse Fanatiker sähen gerade in dieser Trennung den Frevel. Das Religiöse sei für sie politisch und das Politische religiös.

Exzessive Gewalt

Auffällig an religiös motivierten Anschlägen sind die unverhältnismäßig hohen Opferzahlen. Sie liegen fünf bis acht Mal höher als bei politisch motivierten Anschlägen, wie Studien der amerikanischen Denkfabrik RAND-Corporation zeigen.

Indische Soldaten vor dem Tempel in Gandhinagar(Foto: AP/Manish Swarup)

Indische Soldaten bewachen einen Tempel nach einem Anschlag

Den Grund für die höheren Opferzahlen sieht Bruce Hoffman, Terror-Experte der RAND-Corporation, darin, dass die Gewalt als heiliger Akt oder gottgebotene Pflicht verstanden wird, die nicht mit weltlichen Maßstäben gemessen werden kann. Politisch agierende Täter wägen die Folgen der Gewaltanwendung ab, religiös motivierte Täter sehen in derartigen Überlegungen bloß einen Mangel an Glauben. David Rapoport, ehemaliger Politikprofessor an der Universität von Californien, spricht in diesem Zusammenhang von der besonderen "Abnormität" des religiösen Terrorismus.

Religiöser Terrorismus weltweit auf Vormarsch

Der neu entstandene religiös motivierte Terrorismus beschränkt sich allerdings keineswegs auf das Judentum und den Islam. Die Apokalyptiker der AUM-Sekte, einer Mischung von Buddhismus und Shintoismus, verübten 1995 in der Tokioter U-Bahn einen Giftgasanschlag, bei dem zwölf Menschen starben und fast 3800 verletzt wurden. In den USA kamen 1995 bei einem Anschlag auf das Bundesverwaltungsgebäude in Oklahoma City 168 Menschen ums Leben. Der Täter Timothy McVeigh sympathisierte mit amerikanischen Milizen, die einer christlichen, patriotischen und rassistischen Ideologie anhängen.

Osama bin Laden (links) und seine rechte Hand Ayman al-Zawahiri (rechts)(Foto: EPA/dpa)

Osama bin Laden (links) galt lange als meist gesuchter Terrorist der Welt

Besonders deutlich wurde die neue Qualität der religiösen Rechtfertigung terroristischer Vereinigungen durch die "Erklärung der Islamischen Weltfront: Dschihad gegen Juden und Kreuzzügler". Darin forderte der getötete Anführer des Terrornetzwerks Al-Kaida Osama Bin Laden die Muslime der Welt dazu auf, die Ungläubigen zu töten und aus den heiligen Stätten des Islam zu vertreiben, weil dies die Pflicht jedes Gläubigen und der Auftrag Allahs sei. Vier weitere extremistische religiöse Anführer hatten die Erklärung unterzeichnet. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 müssen als direkte Folge dieser Agenda verstanden werden. Experten sind sich einig, dass Religion zur Legitimation von Gewalt und Terrorismus im beginnenden 21. Jahrhundert weiter zunehmen wird.

Die unheilvolle Verquickung von religiöser und politischer Gewalt zeigt sich auch bei dem jüdischen Extremisten und Rabin-Attentäter Yigal Amir, der allein im Auftrag Gottes gehandelt haben wollte. Im Laufe der Ermittlungen wurde nämlich klar, dass er sich unter anderem aufgrund der Oslo-Abkommen zur Tat entschieden hatte. Die Abkommen sollten zur Befriedung des Nahostkonflikts beitragen.

Autor: Rodion Ebbighausen
Redaktion: Gui Hao