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Alltagsdeutsch – Podcast

Töne

Der Ton macht die Musik. Wenn der nicht stimmt, ist es mit der Harmonie meist vorbei. Um das wieder gut zu machen, muss man schon alle Register ziehen. Rund um die Musik und die Töne gibt es eine Fülle von Redewendungen.

Sprecherin:
Die Orgel in der Philharmonie in Sankt Petersburg. Gebaut wurde sie 1903 im Auftrag des Kaiserlichen Klinischen Instituts der Stadt. Knapp 70 Jahre nach seiner Entstehung musste das Instrument zum ersten Mal restauriert werden. Aber: Erscheinungsbild und Klang der Orgel veränderten sich dabei zum Nachteil. Vor einigen Jahren bekam die renommierte deutsche Orgelbauerwerkstatt Klais aus Bonn den Auftrag, das prächtige Instrument noch einmal zu restaurieren. Aus Anlass deutsch-russischer Kulturtage gab die Sankt Petersburger Philharmonie dann im Januar 2005 ein Konzert, zu dem auch Bundeskanzler Schröder und der russische Präsident Putin kamen. In alter Pracht und Klangfülle bot die restaurierte "Königin der Instrumente" den Höhepunkt des Kulturtreffens: die Fantasie D-Moll von Max Reger.

Sprecher:
Die Orgelbauerwerkstatt Klais, die vor mehr als 120 Jahren gegründet wurde, genießt weltweit einen guten Ruf. Zu ihren Auftraggebern zählen unter anderem Konzerthäuser in New York, Brisbane, Kyoto, Kuala Lumpur und Köln.

Sprecherin:
Ein guter Orgelbauer ist mehr als nur ein guter Handwerker. Er muss auch ein exzellentes musikalisches Ohr und Fachwissen haben. Wie in anderen Berufszweigen verfügen auch die Orgelbauer über einen Fachjargon. Magnus Windelen, Betriebsleiter im Bonner Traditionsunternehmen, gibt ein Beispiel dafür:

Magnus Windelen:
"Wir sprechen, wenn die einzelne Pfeife klingt, davon, dass die Pfeife spricht. Und man könnte folgern, dass, wenn sie nicht spricht, dass sie dann stumm wäre. Das ist sie in unserem Sprachgebrauch aber nicht, sondern sie ist blind. Warum das so ist, kann ich Ihnen nicht erklären."

Sprecher:
Die Fachvokabel der blinden Pfeife aus dem Sprachgebrauch der Orgelbauer erklärt sich aus der Etymologie des Wortes blind. Es ist mit dem Wort "bland" verwand, was so viel bedeutet wie gemischt, getrübt. Eine blinde Pfeife ist für den Orgelbauer allerdings eine, die noch gar keinen Ton von sich gibt. Der sogenannte Intonateur ist dann dafür zuständig, die Pfeife zum Klingen zu bringen.

Magnus Windelen:
"Die Pfeifentöne beibringen, das kann durchaus aus dem Orgelbau kommen. Denn ich muss ja, nachdem ich die Pfeife gebaut habe, erst einmal einen Ton da hineinbringen."

Sprecher:
Rund um die Musik und die Töne gibt es eine Fülle von Redewendungen. So kann man jemandem die Pfeifentöne beibringen, wenn man eine strenge Erziehungshaltung verfolgt. Geläufig ist auch die Wendung: Ich werd dir schon die Flötentöne beibringen, wenn jemand nicht hören will. Auf die Pfeife als Musikinstrument geht auch die alte Redewendung jemandem nach der Pfeife tanzen zurück. Diese Redensart basiert auf der äsopschen Fabel vom flöteblasenden Fischer:

Sprecherin:
Ein Fischer versucht, zunächst vergeblich, durch Flötenspiel die Fische an sich zu locken. Als er dann aufhört zu spielen und das Netz herauszieht, zappeln dennoch Fische am Stand. Und er spricht: "Oh ihr schlechtes Getier. Als ich flötete, wolltet ihr nicht tanzen, nun ich aber aufgehört habe, tut ihr’s."

Sprecher:
Durch das Verhalten der Fische soll eine bestimmte Lehre vermittelt werden: Was man nicht freiwillig tut, kann einen in eine Zwangslage bringen. Diese ursprüngliche Bedeutung ist inzwischen verblasst. Tanzt man heutzutage jemandem nach der Pfeife, so gehorcht man ihm.

Sprecherin:
Die Orgel gilt als die Königin der Instrumente. Von daher nimmt es kaum Wunder, dass allein ihre Gestalt die eine oder andere Redewendung hervorgebracht hat, meint Magnus Windelen.

Magnus Windelen:
"Man sagt ja, der hat Kinder wie die Pfeifen, wie die Orgelpfeifen. Die stehen dann so wie die Orgelpfeifen, von klein nach groß, das ist dann genau so die Aufstellung der Pfeifen in der Orgel, Ton für Ton, und bei jedem tieferen Ton, da wird die Pfeife etwas länger. Und dann steht man da wie die Orgelpfeifen."

Sprecher:
Das Bild einer Schar von Kindern, die dastehen wie die Orgelpfeifen, findet sich schon im 16. Jahrhundert bei dem Straßburger Satiriker Johann Fischart. Er schreibt:

Zitat:
"Da stellen sie – gemeint sind die Weiber und ihre Kinder – ihre Zucht um den Tisch staffelweise wie die Orgelpfeifen, die kann der Vatter mit der Ruten pfeifen machen."

Sprecher:
Andere Redewendungen, die sich um die Pfeife ranken, sind jüngeren Ursprungs. Sie beziehen sich auf die Pfeife als Rauchgerät. Sie galt früher als Rauchutensil der armen Leute. Bismarck hat in einer Rede die Wendung vom Pfeifchen des armen Mannes geprägt und es als verabscheuenswürdig bezeichnet, dem kleinen Mann sein Pfeifchen nehmen zu wollen. Die Pfeife galt als wertlos. Pfeift man jemandem etwas, tut man nicht, was jener will.

Sprecherin:
Eine solche undisziplinierte Haltung ist nichts für einen Orgelbauer. Er muss alle Pfeifen stimmen und richtet sich dabei nach dem Kammerton A, bei einer Raumtemperatur von 18 Grad.

Magnus Windelen:
"Wir gehen von einem Ton aus in der Orgel, von der Stimmtonhöhe, was dann Grundlage ist für die Stimmung überhaupt. Den Ton angeben, das kommt aus der Musik. Im Orchester sieht man das vor einem Konzert: da stimmt sich der erste Geiger mit dem Oboisten ab, dann gibt der Oboist den Ton weiter an seine Bläserkollegen, und der erste Geiger gibt den ersten Ton weiter an seine Streicherkollegen. Daher kommt das. Das kommt nicht speziell aus der Orgel."

Sprecher:
Die Erklärung von Magnus Windelen erscheint recht plausibel. Die Redensart den Ton angeben stammt jedoch aus einer Zeit, in der der Ton, der mittelalterlichen Kunstlehre entsprechend, die Tonart, die Sinnweise meinte. In ihrer übertragenen Bedeutung zielte die Redewendung damit auf die Vorgabe bestimmter Verhaltensweisen:

Zitat:
"Dass in einer Residenz sich alles nach dem Ton stimmt, den der Fürst angiebt...",

Sprecher:
... schreibt Freiherr von Knigge, der mit seinem Buch "Umgang mit Menschen" wesentlich zur Verbreitung der im Bürgertum üblichen Umgangsart, eben dem guten Ton, beigetragen hat. In manchen Gesellschaftsgruppen herrscht ein rauer Ton, das heißt, man geht recht rüde miteinander um.

Sprecherin:
Solche rauen Töne kennt auch jeder Orgelbauer. Der Intonateur ist derjenige, der die noch stummen Pfeifen zum Klingen bringt. Dabei wird die Pfeife mit einem speziellen Messer an einer bestimmten Stelle aufgeschnitten.

Rolf Linden:
"Sie klingt jetzt noch rau. Das kann man beheben, indem man Kernstiche macht. Jetzt ist der Ton praktisch schon veredelt. Ein ruhiger Ton. Die Aufschnitthöhe, die ist auch maßgeblich für den Charakter einer Pfeife. Je höher ich aufschneiden muss, um so weniger Obertöne bekommt der Ton. Und das sind auch Erfahrungswerte, die man dann hat, um ein Register anzulegen, um die Klangfarbe zu gestalten.

Sprecherin:
Hat das was mit einem Aufschneider zu tun?

Rolf Linden:
"Das sagen wir scherzhaft unter den Kollegen auch schon mal. Wir sind Intonateure, wir schneiden aber auch auf."

Sprecher:
Rolf Linden arbeitet bei der Firma Klais als Intonateur. Das heißt er ist dafür zuständig, die noch stummen oder, um im Sprachgebrauch der Orgelbauer zu bleiben, blinden Pfeifen zum Sprechen zu bringen. Rolf Linden schneidet dafür die Orgelpfeifen im wörtlichen Sinne auf und gibt humorvoll zu, manchmal auch im übertragenen Sinne aufzuschneiden, das heißt, zu übertreiben oder Erlebtes prahlerisch darzustellen.

Sprecherin:
Das bildlich gebrauchte Verb aufschneiden ist eine seit dem 17. Jahrhundert bezeugte Kürzung der älteren Redensart mit dem großen Messer aufschneiden, die gebraucht wurde, wenn einer allzu Unglaubhaftes berichtete. Eine schöne "Aufschneidergeschichte" erzählt Grimmelshausen von Simplicissimus in seinen "Kalendergeschichten": Simplicissimus befand sich eines Tages in einer Gesellschaft,...

Zitat:
"...welche dergestalt zusammenschnitt, dass man ihre Lügen auch hätte greifen mögen".

Sprecherin:
Als nun Simplicissimus an die Reihe kommt, erzählt er ein Abenteuer, welches ihm auf der Jagd passierte: Er gab einen Schuss auf eine Ente im Weiher ab, traf dabei aber gleich mehrere andere Tiere, darunter einen Hirschen und eine Sau. Da seine Zuhörer diese Geschichte nicht glauben wollten, gestand Simplicissimus, dass er aufgeschnitten habe.

Sprecher:
Noch bis ins 20. Jahrhundert hing in manchen Bierstuben ein großes Aufschneidemesser mit einer Glocke an der Decke befestigt, an der man läuten konnte, wenn einer eine handgreifliche Lüge erzählte.

Sprecherin:
Auch Andreas Brehm ist bei der Firma Klais als Orgelbauer dafür zuständig, die Pfeifen zum Klingen zu bringen. Heute bearbeitet er die kleinen Pfeifen mit dem Messer und ist mit seinem Ergebnis noch nicht recht zufrieden.

Andreas Brehm:
"Wie man hört, der Ton macht alles Mögliche, nur nicht, was er sollte. Der Ton macht immer noch die Musik, das ist wahr. Aber der Ton geht in die Oktav bzw. in die darüber liegende Quinte, jetzt ist er stumm."

Sprecher:
Ein oft zitiertes Sprichwort unbekannter Herkunft sagt: Der Ton macht die Musik. Es will darauf verweisen, dass die Art und Weise, wie man etwas ausdrückt, oft wichtiger ist als der Inhalt des Gesagten.

Sprecherin:
Auch bei der Orgel spielt die Atmosphäre eine wichtige Rolle. Bei der Restaurierung der Orgel in Sankt Petersburg etwa mussten die Orgelbauer den Ton der Orgel an die Gegebenheiten des Raumes anpassen, erklärt Magnus Windelen.

Magnus Windelen:
"Dann müssen wir immer, wenn wir auf die Einstimmung oder auf die Temperierung achten von den Gegebenheiten der historischen Register ausgehen: Was hat das historische Register für eine Stimmung. Und das ist dann unsere Grundlage für alle anderen Register. In einer Restaurierung müssen wir ja weitestgehend den Originalzustand herstellen, und dazu gehört auch die richtige Stimmung. Es gibt eine gute Stimmung und eine schlechte Stimmung. Eine gute Stimmung ist eine, dann hat der Orgelbauer eine gute Arbeit abgeliefert, weil die Orgel stimmt. Und wenn er das nicht macht, dann ist das eben eine schlechte Stimmung. Und dann gibt es natürlich auch Reklamationen. Kommt selten vor, aber kommt vor."

Sprecher:
Viele Wörter und Wortgruppen leiten sich aus dem Substantiv "Stimme" wie auch aus dem Verb "stimmen" her. In dem Zeitwort "stimmen" sind zwei Bildungen lautlich wie inhaltlich zusammengefallen. "Stimmen" heißt mittelhochdeutsch, "die Stimme betätigen" und althochdeutsch, "in Harmonie versetzen". Stimmt etwas, ist es stimmig, das heißt, es ist richtig und auch wahr. Menschen sind gut oder schlecht gestimmt, in guter oder schlechter Stimmung, sie befinden sich in guter oder schlechter Gemütslage. Kommt man in Stimmung oder wird in Stimmung gebracht, wird die Laune fröhlich.

Sprecherin:
Das Stimmen der Pfeifen gehört für den Intonateur zu den wichtigsten Aufgaben. Dafür werden die Pfeifen auf eine Orgellade gesteckt, um zu hören, ob sie mit den anderen harmonieren, erklärt Rolf Linden.

Rolf Linden:
"Dafür haben wir hier die Probierorgel. Da steht schon ein Register drauf, was die Tonhöhe hat, also die normale Tonhöhe 440 Hertz auf A 1, und jetzt vergleiche ich meinen Ton mit dem vorhandenen, und da hört man diese Schwebung. Das heißt, der Ton ist noch zu tief, und wenn die Schwebung verschwunden ist, dann sind die tongleich, und meine Pfeife hat die richtige Länge und die richtige Tonhöhe."

Sprecherin:
Wenn die Pfeifen dann gestimmt sind, kann der Orgelbauer richtig in die Tasten hauen und das Instrument mit allen seinen Möglichkeiten zum Klingen bringen.

Magnus Windelen:
"Alle Register ziehen heißt eben, wenn ich alle Register einschalte. Alle Pfeifen rein. Alle Register ist eine Pfeifenreihe von – in Petersburg speziell – 61 Tönen. Also, 61 Pfeifen pro Register. Also kommt man schnell auf viele 1000 Pfeifen in der Orgel, die einzeln bearbeitet werden müssen. Und wenn ich nur ein Register zieh und eine Taste drücke, dann erklingt auch nur eine Pfeife. Wenn ich aber viele Register ziehe, dann erklingt eben jede Pfeife, die ich auf der Tastatur drücke, auch in der Orgel. Da mach' ich viel Musik, dann spiel ich laut. Denn dann hab' ich, wie wir sagen, tutti gezogen, alle Register gezogen."

Sprecher:
Im übertragenen Sinne zieht man alle Register, wenn alle verfügbaren Mittel angewendet, alle vorhandenen Kräfte eingesetzt oder alle denkbaren Argumente unterbreitet werden, um ein Ziel zu erreichen.

Sprecherin:
Für heute haben die Orgelbauer der Firma Klais ihr Arbeitsziel erreicht. Ein Kollege von Rolf Linden und Andreas Brehm krempelt sich die Ärmel auf, und dann werden noch einmal alle Register gezogen.


Fragen zum Text:

Wer oder was ist ein Aufschneider?
1. jemand, der mit seinen Taten oder Fähigkeiten angibt
2. ein Chirurg
3. jemand, der Kleidung näht

Das Sprichwort Der Ton macht die Musik besagt, dass...
1. man mehrere Instrumente für ein gutes Lied benötigt.
2. die Art, wie man etwas sagt, oft wichtiger ist als der Inhalt des Gesagten.
3. Menschen mit schlechter Stimme nicht singen sollten.

Jemand, der alle Register zieht,...
1. spricht meist in einem rauen Ton.
2. ist mutlos und weiß nicht weiter.
3. verwendet alle verfügbaren Mittel um sein Ziel zu erreichen.


Arbeitsauftrag:
Welches Lied bringt Sie in Stimmung? Beschreiben Sie Ihr Lieblingslied in einem kurzen Aufsatz. Erklären Sie außerdem, warum Sie das Lied so sehr mögen und in welche Stimmung es Sie versetzt?

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