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Kultur

Tödlicher Streit um fruchtbares Land in Nigeria

Afrikas größter Ölförderer vernachlässigt die Probleme auf dem Land. Während es Jahr für Jahr weniger regnet, eskaliert der Konflikt zwischen Bauern und Nomaden.

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In der Trockenzeit liegen die Äcker im Norden Nigerias traditionell brach

Der heiße Wind wirbelt immer wieder Sand auf. Die Lehmhäuser des Dorfes Yadai scheinen sich zu ducken. Menschen sind nur wenige zu sehen, aber das ist jetzt in der Trockenzeit ganz normal. Auf den Äckern gibt es ohnehin nichts zu tun. Doch auch wenn der Regen kommt, wachsen Hirse, Bohnen und Erdnüsse hier längst nicht mehr so gut wie früher. Der Sand hat alles mit einer feinen Schicht überzogen. Dabei ist die Wüste noch weit weg; hier, nicht einmal 100 Kilometer nördlich der Millionenstadt Kano, ist die Savanne eigentlich noch fruchtbar. "Das mit dem Sand hat vor etwa 20 Jahren angefangen", erzählt Dorfvorsteher Sabo Kabo Kadayade, "seitdem trägt der Boden jedes Jahr weniger Früchte und wir müssen zwei bis drei Mal im Jahr chemischen Dünger streuen." Besorgt blickt er auf die flache Düne, die sich etwa 200 Meter entfernt erhebt.

Überall im Norden Nigerias bilden sich inzwischen solche Wüsteninseln, die ganze Dörfer in ihrer Existenz bedrohen. Aus Yadai sei schon fast jeder zehnte der etwa 3800 Einwohner weggezogen, weil der Sand ihre Äcker verschluckt hat, klagt Kadayade.

Grüne Inseln statt Wanderdünen

Nigeria Maßnahmen gegen die Wüstenbildung

Bäume und ein Brunnen sollen in Yadai helfen, die Sanddüne zu befestigen

Doch seit kurzem schöpfen die Einwohner von Yadai wieder Hoffnung. Die Düne ist eingezäunt, aus dem Sand sprießen Setzlinge. In einigen Jahren sollen hier Eukalyptus-, Obst- und die medizinisch wertvollen Niembäume wachsen und die Düne am Wandern hindern. Neun Dorfbewohner haben in diesem von der Landesregierung des Staates Kano finanzierten Projekt Arbeit gefunden. Sie gießen die Pflänzchen, kontrollieren die Zäune und verjagen die Ziegen, die es immer wieder schaffen, die Barrieren zu überwinden. Am Rande der Düne hat die Regierung einen Brunnen bauen lassen. "Jetzt müssen wir endlich nicht mehr stundenlang bis zum Fluss laufen, um Wasser zu holen", freut sich der Dorfvorsteher. Und er ist überzeugt: "Unser Leben wird besser."

Aufforstungsprojekte wie das in Yadai sind bisher die Ausnahme im Norden Nigerias. Das Schicksal der ländlichen Regionen an der Grenze zum Niger liegt den meisten Politikern des Landes nur in Sonntagsreden am Herzen. In der Stadt Kano gibt es zwar eine Behörde, die sich vielversprechend "Koordinationseinheit der Bundesregierung für Aufforstung" nennt, doch zu koordinieren hat sie nicht viel. "Einige Bundesstaaten tun mehr, andere weniger", berichtet ein frustrierter Mitarbeiter. Und er fügt an, dass immer noch mehr Wald verloren gehe, als aufgeforstet werde.

Kühe und Ziegen gegen Baumwolle und Zuckerrohr

Nigeria Maßnahmen gegen die Wüstenbildung

Die Jungbäume haben es schwer: Sonne und Haustiere setzen ihnen zu

Ein ganz anderes Bild als im sandigen Yadai bietet sich zwei Autostunden südlich von Kano. Die Flussufer in Rogo säumen sogar in der Trockenzeit üppige Gärten mit Tomaten oder Reis. Doch der Schein trügt, denn auch hier macht sich die Wüste bemerkbar – bisher vor allem indirekt. Zwar klagen einzelne Bauern über schlechtere Ernten, weil die Regenfälle jedes Jahr dürftiger ausfallen. Doch ihr größtes Problem sind die Nomaden mit ihren Rinderherden. "Es werden immer mehr, und sie kommen immer früher", klagt Alhaji Magaji na Rimi. Magaji ist ein wohlhabender Bauer, der sich auch in der Trockenzeit den Diesel für eine Wasserpumpe leisten kann. Auf seinem Acker wächst saftig grünes Zuckerrohr. Die Nomaden, meist aus dem Volk der Fulani, kämen von immer weiter her. Gleichzeitig kultivieren die zu den Haussa gehörenden Bauern immer mehr Land. "Wir würden gern noch mehr Baumwolle anpflanzen", erklärt Magaji, "doch die braucht länger bis zur Ernte und dann gäbe es noch mehr Konflikte." Dieses Jahr starb sogar ein Viehzüchter während eines Streites mit Bauern. Der örtliche Vertreter des Emirs von Kano tut, was er kann, um zu schlichten, doch auf die von weither durchziehenden Nomaden hat er kaum Einfluss.

Der Ortsverband der Viehzüchter sieht ebenfalls die fremden Nomaden als das größte Problem an, bestätigt dessen Vorsitzender Alhaji Ibrahim na Kwalya. Doch er beklagt auch, dass die Bauern immer mehr Weide- zu Ackerland machten und selbst die einst geschützten Durchzugswege bebauten. Wenn solche Streitereien auf weitere, oft tief liegende Konflikte stoßen, können sie schnell zur Katastrophe eskalieren. In Nigeria zeugen davon zahlreiche zerstörte Dörfer und Kleinstädte.

Lippenbekenntnisse und schöne Pläne sollen abwiegeln

Die Bundesregierung in der neuen und schicken Hauptstadt Abuja hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe wohlklingender Broschüren und Berichte veröffentlicht, in denen sie ihre Politik zur Bekämpfung von Wüstenausbreitung und Bodenverschlechterung beschreibt. Da ist von einem Grüngürtel die Rede, von Modelldörfern mit Solarpumpen und –kochern, Biogasanlagen und Trockentoiletten, von eingezäunten Weidegebieten zur Ansiedlung von Nomaden und von einem nationalen Dürre-Warnsystem. Doch in Wirklichkeit ist kaum eines der Projekte über die Planungs- oder Pilotphase hinausgekommen.

Nigeria Maßnahmen gegen die Wüstenbildung

Mit jedem Windstoß fliegt mehr Sand auf Felder und Dorf

Experten wie der Dekan der umweltwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Jos, Professor Abudu Adepetu, können da nur den Kopf schütteln. "Wir müssen und wir können unsere Landwirtschaft an die Veränderungen anpassen. Wir müssen sie modernisieren und für die Landbevölkerung Perspektiven in anderen Wirtschaftszweigen schaffen. Dann reicht der fruchtbare Boden auch, um das ganze Land zu ernähren", fordert der erfahrene Wissenschaftler. Doch an einer umfassenden Modernisierung der Wirtschaft war Nigerias Elite bisher nicht interessiert. Sie lebte ganz gut von den Öleinnahmen - während der Rest des Landes verelendete.

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