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Global Ideas

Tödliche Mikroben und ihr Einfluss auf die biologische Vielfalt

Den Großteil des Lebens auf der Welt kann man mit bloßem Auge nicht sehen. Beim Entstehungsprozess von Pflanzen und Tieren haben diese Mikroorganismen trotzdem eine maßgebliche Rolle. Selbst das tödliche Ebola-Virus.

Ebola Virus Aufnahme mit Elektronenmikroskop (Photo: REUTERS/National Institute of Allergy and Infectious Diseases)

Eine mit Ebola infizierte Zelle, durch ein Elektronenmikroskop gesehen.

Das Ebola-Virus gehört sehr wahrscheinlich nicht zu den Dingen, denen jemand freiwillig begegnen möchte. Trotzdem drängen täglich mehr Menschen in den Amsterdamer Plantage-Bezirk, um genau das zu tun. Und sie zahlen sogar Geld dafür, bis zu 14 Euro pro Person. Denn abgeriegelt, in der zweiten von acht Glasvitrinen, im Erdgeschoss eines großen, schwarzen Gebäudes, befindet sich das Virus, für jeden sichtbar. Als ein mächtiges, mit großer Sorgfalt von Hand hergestelltes Glasmodell. Das Virus, in dieser ungefährlichen Form, ist eine der Hauptattraktionen von Micropia, des weltweit ersten “Zoos für Mikroorganismen”, der im Frühherbst 2014 seine Türen geöffnet hat.

Ebola-Modell EINSCHRÄNKUNG (Photo: Luke Jerram)

Ein großes Glasmodell des Ebola-Virus ist eine der Hauptattraktionen bei Micropia.

Der aktuelle Ausbruch von Ebola in Westafrika und der damit einher gehende Medienhype hat natürlich das Interesse der Öffentlichkeit an der Amsterdamer Ausstellung befeuert. Doch das Ziel von Micropia ist, die Wahrnehmung der Öffentlichkeit auf das zu lenken, was Mikroben wirklich sind: nicht nur ein sprichwörtlich mikroskopisch kleiner Rand der Biodiversität, sondern der größte Teil davon.

Mikroben leben auf und in jedem von uns. Und sehr oft profitieren beide Seiten. Im menschlichen Verdauungstrakt etwa arbeitet eine Unzahl Mikroorganismen daran, Nährstoffe aus den Lebensmitteln, die wir zu uns nehmen, zu lösen. Tausende verschiedene Arten von Mikroben leben glücklich und zufrieden in unseren Därmen, Mündern und selbst zwischen unseren Zehen. Ebola gehört nicht dazu.

Tödliche Vielfalt

Der Virus wird Menschen vor allem gefährlich, weil wir uns genetisch nicht schnell genug an ihn anpassen können, erklärt Jasper Buikx. Er ist der leitende Mikrobiologe bei Micropia. Auch wenn sie aus wenig mehr als DNA-Strängen in einer Proteinhülle bestehen, haben es Viren doch geschafft, sich über den Zeitraum der Evolution zusammen mit ihren Wirtsorganismen zu entwickeln. Von diesen sind sie für ihr Überleben und ihre Vermehrung abhängig.

"Wenn ein Virus in einer Tierpopulation über Tausende von Jahren vorhanden ist, werden sich die Tiere anpassen”, sagt Buikx. “Das funktioniert aber nur, wenn die Population genetisch vielfältig genug ist. Problematisch wird es, wenn sich die Gruppe von Tieren oder Pflanzen genetisch zu ähnlich ist. Eine mutierte Variante des Virus würde sie womöglich einfach auslöschen, weil der Population Individuen fehlen, die genetisch so anders ausgestattet sind, um gegen das Virus resistent zu sein.”

So gesehen sind Viren keine Feinde der Artenvielfalt, sondern treiben sie an. Wenn auch über ein knallhartes zerstörerisches Auswahlverfahren. Diese “Co-Evolution” von Wirt und Krankheitserreger, wie Biologen es nennen, ist der Grund dafür, das Menschen nicht an Husten und Schnupfen auslösenden Erregern sterben. Und auch, warum viele Arten von Fledermäusen nicht an Ebola zugrunde gehen. Wieso aber konnte Ebola ein Problem für Menschen werden?

Globalisierung hat den Spieß umgedreht

Flughund in der Luft (Photo: imago/ARCO IMAGES)

Fledermäuse sind Hauptwirt für hunderte Viren, die potentiell gefährlich für den Menschen sein können.

Das Ebola-Virus existiert in Teilen Afrikas schon sehr lange, allerdings in Gebieten fern von menschlichen Siedlungen. Jeder, der sich in dünn besiedelten Regionen bei einem Tier mit dem Virus infiziert hätte, würde es nicht weiter verbreiten können. Der Infizierte hätte nicht lang genug gelebt, um andere Menschen zu treffen. Die Globalisierung hat das allerdings geändert, sagt Marcel Tanner, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut.

“Irgendwann Ende 2013 hat sich vermutlich eine einzelne Person bei einem Tier infiziert”, sagt er. “Durch die fortschreitende Urbanisierung und größere Mobilität der Menschen in der Region, konnte die Person das Virus an viele andere Menschen weitergeben und das in der relativ kurzen Zeit, die sie möglicherweise nur noch gelebt hat. Zieht man noch die unzureichenden Gesundheitssysteme vor Ort in Betracht, lässt sich sehr gut nachvollziehen, warum sich die Seuche so schnell ausbreiten konnte.”

Symbolbild Abholzung der Regenwälder (ANTONIO SCORZA/AFP/Getty Images)

Abholzung bringt Menschen immer mehr in direkten Kontakt mit potentiell tödlichen Viren.

Populationen von Fledermäusen in Waldgebieten gelten als wichtige Wirtstiere für das Virus. Neben Ebola tragen sie auch Hunderte weiterer Krankheitserreger in sich - harmlos für die Fledermäuse, aber möglichweise tödlich für den Menschen, so Tanner.

“Fledermäuse sind genetisch gesehen sehr alte Lebewesen”, sagt er weiter. “Im Laufe der Evolution hatten sie sehr viel Zeit, sich an eine große Zahl von Viren in der Region anzupassen. Es ist durchaus möglich, dass irgendwann in der Zukunft auch Menschen sich an Ebola anpassen könnten.”

Abholzung und zerstörte Lebensräume schaffen Platz für Viren

Doch gegenwärtig enden viele Begegnungen zwischen Mensch und Ebola immer noch tödlich. Und zum Großteil sind wir selbst dafür verantwortlich. Selbst wenn die menschgemachte Globalisierung ein zu diffuser Grund sein mag, es gibt andere, die eindeutiger sind. Einer ist davon ist die Axt, die wir Menschen an die biologische Vielfalt unseres Planeten legen.

“Abholzung und der Verlust von Lebensräumen haben Menschen und Tiere mancherorts enger zusammengebracht als jemals zuvor. Und damit erhöht sich das Risiko, das Krankheitserreger auftauchen, mit denen Menschen nicht fertig werden”, sagt Jane Smart, Chefin des Global Species Programs der Weltnaturschutzunion (IUCN). Der Trend setzt sich fort, solange das kommerzielle Bedürfnis nach Waldprodukten wächst - darunter Wildfleisch, Holz oder Medizinpflanzen.

Ein sinnvoller Weg, das Auftreten tödlicher, viraler Krankheiten wie Ebola zu vermeiden, sei es deshalb, die Wälder zu schützen, so Smart. Das bedeutet auch, kommerzielle Interessen zu deckeln, und alternative Einnahmequellen für die lokale Bevölkerung zu finden.

Die Eindämmung von Krankheitserregern und andere Vorteile, die damit einhergehen würden, also nachhaltiger Zugang zu Erzeugnissen des Waldes oder neue Erlösmodelle, werden von der Weltgemeinschaft erst langsam als lebensnotwenig erkannt. So hat die norwegische Regierung in einem bisher beispiellosen Schritt ein 150 Millionen Euro schweres Entwicklungshilfe-Paket für Liberia an die Bedingung geknüpft, dass in dem westafrikanischen Land die Wälder geschützt werden. Liberia ist übrigens eines der Länder, die am stärksten von der Ebola-Krise betroffen sind.

Auf lange Sicht könnte der menschliche Einfluss auf die Biodiversität das Verschwinden der Arten durch Krankheiten sogar noch beschleunigen, sagt Jasper Buikx von Micropia.

“Die Lebensräume der Tiere werden immer kleiner und zerstückelt - das könnte dazu führen, dass die genetische Vielfalt einzelner Populationen sinkt. Und damit werden sie anfälliger für Krankheiten, ausgelöst von Viren, Bakterien und ähnlichem”, erklärt er.

Ebola hat in der Vergangenheit bereits die Zahl der Affen in Afrika dezimiert. Für isoliert lebende Gruppen, die womöglich schon an der Schwelle zum Aussterben stehen, kann ein Virus wie Ebola den letzten Impuls bedeuten, um endgültig von der Bildfläche zu verschwinden.

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