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Kultur

Tödliche Familienehre

Frauen werden von der Familie gesteinigt - in den vergangenen Jahren gab es im Südosten der Türkei immer mehr solcher "Ehrenmorde". Aktivistinnen wehren sich. Ein Fall hat sogar das türkische Parlament beschäftigt.

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Frauen sterben für Tradition und Familienehre

In einem Dorf in Südost-Anatolien wird Semsiye Allak, eine mit 35 Jahren verstorbene Kurdin, zu Grabe getragen. Sie und ihr ungeborenes Kind wurden zu Tode gesteinigt, nachdem ihre Familie sie des Ehebruchs beschuldigt hatte. Dabei wurde die unverheiratete Frau von ihrem Nachbarn vergewaltigt. Acht Monate hatte sie im Koma gelegen. Aktivistinnen der Frauengruppe Ka-mer wachten an ihrem Bett, um zu verhindern, dass Familienmitglieder sie noch auf dem Krankenbett umbringen würden.

Keine Flucht vor Traditionen möglich

Am Ende erlag sie ihren schweren Verletzungen. Für ihren Tod werden mehrere Mitglieder ihrer Familie verantwortlich gemacht. Bei der Beerdigung lässt sich von keiner von ihnen blicken, auch niemand aus ihrem Heimatdorf. Vor ihrem Grab trauern nur Aktivistinnen der örtlichen Gruppe Ka-mer. Unter ihnen Gul Nur: "Ihr Kopf war vollkommen zertrümmert von den Steinen, weil man ihr Ehebruch vorgeworfen hatte. Das ist das, was Frauen hier ertragen müssen, in diesem Teil des Landes. Es gibt keinen Weg, um den Fängen dieser strengen Traditionen zu entkommen, die den Familien das Recht geben, Frauen wie Semsiye zu Tode zu steinigen."

Semisiye Allak ist nur eines von vielen Opfern. Oft reicht schon das Beschmutzen der Familienehre, beispielsweise wenn Frauen das Haus ohne Begleitung verlassen, für ein Todesurteil durch die Familie.

Aktivistinnen wehren sich

Im Ka-mer Zentrum haben Aktivistinnen eine Telefonhotline für gefährdete Frauen eingerichtet. Nur wenige Frauen rufen an. Özlem Öztürk, eine der Gründungsmitglieder von Ka-mer, erklärt, für die meisten sei es zu gefährlich am Telefon zu sprechen, sie kämen lieber persönlich vorbei. "Es melden sich ungefähr zehn Frauen pro Woche. Manchen Frauen können wir helfen von hier zu fliehen. Wir haben Häuser, in denen sie sicher sind und wo sie zunächst bleiben können. Langfristig sorgen wir dafür, dass sie die Region verlassen. Zusammen mit den Behörden verschaffen wir ihnen dann eine neue Identität und ein neues Leben."

Manchmal kommt die Hilfe auch zu spät. "Einmal hat eine Frau unsere Hotline angerufen und gesagt, dass ihre Familie sie umbringen will. Wir haben versprochen ihr zu helfen und gefragt wie wir sie erreichen können. Sie antwortete, dass sie zurückrufen werde. Später haben wir erfahren, dass sie getötet wurde."

Hilfe zur Selbsthilfe

Laut Oztürk hat Ka-mer in diesem Jahr bereits 19 Frauen das Leben gerettet. Darüber hinaus hilft Ka-mer Frauen ein eigenes Geschäft aufzumachen - und sie hat zahlreiche Diskussionsgruppen für die Frauen am Ort eingerichtet. Aus ganz Europa kommt finanzielle Hilfe. So hat Anna Lindh, schwedische Außenministerin, die vor drei Monaten selbst einem Mordattentat zum Opfer fiel, die Gruppe unterstützt und zu Beginn des Jahres besucht. Diese Anerkennung hat den Frauen geholfen, Druck auf das türkische Parlament auszuüben, um die Gesetze so zu ändern, dass weitere Morde verhindert werden.

Türkisches Parlament hat reagiert

Das türkische Parlament hat inzwischen die gesetzlichen Strafminderungen für "Ehrenmorde" abgeschafft. Bisher kamen "Ehrenmörder" oftmals mit geringeren Gefängnisstrafen davon. Nach dem Tod von Semsiye Allak habe sich etwas ändern müssen, betont Parlamentarier Emin Sirin. "Die meisten Gesetze stammen noch aus den frühen Tagen der Republik und standen unter dem Einfluss der Traditionen. Vor allem in den kleinen Dörfern im Südosten des Landes haben Traditionen denselben Stellenwert wie Gesetze. Es ist jetzt an der Zeit, das zu ändern. Man kann nicht einen Mord mit Traditionen und mit Ehre entschuldigen. Ein Mord ist ein Mord."

Seit dem Tod von Semsiye Allak gibt es in der Türkei ein stärkeres Bewusstsein für das Thema. Im Vergleich zu früheren Opfern, für die sich kaum jemand interessierte, hat ihr Fall landesweit für Entrüstung gesorgt. Sogar die Politik hat reagiert. Allerdings glaubt kaum jemand, dass Semsiye Allak das letzte Opfer war.

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