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Kultur

Tödliche Delikatessen

Was für manche eine Delikatesse ist, das wird für andere zur tödlichen Falle: Langusten und Garnelen. Hunderte Taucher kommen jährlich ums Leben oder werden gelähmt. So auch im Naturschutzgebiet Brus Laguna in Honduras.

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Miskitos an der Küste Honduras

Die Langustentaucher Mittelamerikas, vor allem in Nicaragua und dem angrenzenden Honduras, sind meist Indigene vom Stamme der Miskitos, die in ihren abgelegenen Gebieten und in den von ihnen mystisch verehrten Lagunen nach den begehrten Schalentieren suchen und als Freitaucher weltweit berühmt sind. Doch ihre Ausrüstungen sind alt, durch Überfischung schwinden die Bestände, die Taucher müssen immer tiefer hinab - mit fatalen Folgen. Das gilt auch für die Langustentaucher von Brus Laguna, eines der größten Naturschutzgebiete Mittelamerikas, das seinen indigenen Einwohnern jedoch zugleich wenig Einkommensalternativen bietet.

Das Haus von Francisco Grannuel und seiner Familie liegt ein bisschen außerhalb des kleinen Örtchens von Brus Laguna. Das Biosphärenreservat von Rio Platano in Honduras ist nicht nur für die Naturschönheit, sondern auch für die Armut der Menschen hier bekannt. Francisco Grannuel begrüßt Besucher freundlich. Allerdings schaut kaum noch jemand bei ihm vorbei. Und selbst jemanden zu besuchen, ist dem 53-Jährigen verwehrt. Bis vor wenigen Wochen noch konnte er sich überhaupt nicht ohne das metallene Gestell fortbewegen, das jetzt an der Küchenwand in seinem kleinen Häuschen lehnt. Inzwischen aber gelingen ihm wieder ein paar Schritte.

Immer tiefer

Zehn Jahre lang hat Francisco als Taucher gearbeitet, hat in der Lagune und weiter draußen im Meer nach Langusten und Schnecken gesucht, um sich und seiner Familie ein bescheidenes Einkommen zu sichern. Nur die Mutigsten unter den Männern wollten den Job überhaupt machen, erinnert sich Francisco. Schließlich gab es immer auch mal wieder große Haifische, vor denen sich die Taucher nur retten konnten, indem sie sich flach auf den Grund des Wassers legten und zu atmen versuchten. Allerdings: Die wirklichen Gefahren für die Taucher lagen im Laufe der Zeit ganz woanders, wie auch Francisco erfahren musste: "Also in den ersten drei bis vier Jahren haben wir uns um Sauerstoff keine Sorgen gemacht, ich bin ohne Ausrüstung getaucht, in eine Tiefe von drei oder vier Metern. Dann wurden die Langusten und Schnecken immer weniger."

So musste Francisco tiefer tauchen und einen Sauerstofftank benutzen. Das ging fünf, sechs Jahre so, obwohl die Taucher für den nächsten Fang immer tiefer runtergehen mussten. "Als wir dann bis zu 90 oder 100 Fuß tief tauchten, fing es mit den Lähmungen an, einige sind gestorben."

Fatale Taucherkrankheit

Besonders wenn die Taucher mit ihren oft unzulänglichen Ausrüstungen zu schnell nach oben kommen, wird es gefährlich - auf den Körper hat das ungefähr den Effekt einer zu schnell geöffneten, unter Druck stehenden Sprudelflasche. Viele Taucher sterben an der Taucherkrankheit, auch Dekompressionskrankheit genannt, weil sie den Druck aus der Tiefe nicht ausgleichen können. Francisco und seine Kameraden wussten um die Gefahren, aber sie machten weiter. Was hätten sie auch anderes arbeiten sollen, sagt der heute 53-Jährige. Denn Landwirtschaft oder andere Einkommensalternativen gab es in Brus Laguna kaum. Als Langustentaucher stand man noch vergleichsweise gut da - bis sich die Unfälle häuften. Eines Tages erwischte es auch Francisco.

"Als ich ins Boot steigen wollte, spürte ich den Schmerz, ich wollte ins Boot klettern, aber ich hatte keine Kraft. Und da habe ich gefühlt, dass sich der Druck auswirkt. Ich wollte mich bewegen, wollte die Füße bewegen, aber ich konnte nichts bewegen." Sie haben ihn zur Sauerstoffstation auf die Insel Roatán gebracht und ihm dort eine Sauerstoffkabine gebaut, um den gleichen Druck wie unter Wasser zu erzeugen. Etwa ein Monat verging, ein Arzt untersuchte ihn, dann wurde er ins Krankenhaus gebracht. "Ich konnte nicht gehen, nicht aufstehen, mich nicht entleeren. Drei Monate lang konnte ich nicht urinieren.", erinnert sich Francisco. "Dann war ich drei Monate in Therapie, das half mir, aufzustehen und mich erst einmal hinzusetzen. Dann lernte ich mit den Übungen mich zu stellen, und dann fing ich an zu laufen. Aber alles sehr langsam, Stück für Stück."

Familien-Schicksale

Tatsächlich war es auch für Franciscos Ehefrau Maricela Alvarez eine schwere Zeit. 24 Jahre ist sie mit ihrem Mann verheiratet, seit er anfing zu tauchen, so sagt sie heute, habe sie immer Angst um ihn gehabt. Doch habe es für die Familie keine Alternative gegeben. Schließlich sollte mit dem Einkommen des Vaters auch Maida, der inzwischen 21-jährigen Tochter, ein Studium ermöglicht werden. Dann kam der Tag des Unfalls, und Maricela sah alle ihre Zukunftshoffnungen für sich, ihren Mann und ihre Kinder schwinden.

Immer noch weiß die Familie nicht so recht, wovon sie jetzt leben soll. Immerhin: Maricela verkauft selbstgebackenes Brot, der Eigentümer des Unglücksbootes gibt Geld für Medikamente, Tochter Maida studiert weiter und will eines Tages die Eltern versorgen. Eine Versicherung oder staatliche Rentenleistung gibt es für Francisco nicht.

Dennoch hat die Familie im Vergleich zu anderen noch Glück gehabt. Mehrere seiner Kameraden blieben für immer gelähmt, fünf von ihnen hat er sogar selbst sterben sehen. Diese Männer lassen Frauen und oft mehrere Kinder zurück - eine schreckliche Situation für die Witwen der Langustentaucher, die dann plötzlich völlig ohne Absicherung da stehen.

Wie etwa Anna Maria, 49 Jahre alt. Sie hat neun Kinder, ihr Mann starb bei einem Tauchgang vor fünf Jahren. Der Bootseigentümer zahlte, anders als bei Francisco, bisher nichts. Ana Marias Freundin geht es ähnlich. Die 50 Jahre alte Adriana Sabala hat sechs Kinder. Genauso wie Ana Maria versucht sie sich mit Wäsche waschen über Wasser zu halten. Doch das Geld reicht kaum. Wieder heiraten wollen beide Frauen nicht - aus Angst vor Aids, das auch in Honduras abgelegenen Regionen immer mehr um sich greift.

Bleibt nur die Warnung

Stattdessen kämpft Adriana um staatliche Unterstützung. Bei einem Treffen mit Umweltministerin Mayra Mejia, die zu einem "Internationalen Biodiversitätstag" nach Brus Laguna kam, brachte sie ihr Anliegen vor.

"Wir haben davon gesprochen, ob es Stipendien für die Kinder geben könnte. Denn manchmal brauchen wir Geld für Essen oder für die Schuluniformen. Deshalb suchen wir die Hilfe der Regierung. Sie hat uns gesagt, dass sie das Problem in der Hauptstadt, in Tegucigalpa zur Sprache bringen wird und dass sie uns dann vielleicht etwas schicken. Aber ich habe da so meine Zweifel. Aber vielleicht, mit dem Willen Gottes, helfen sie uns doch."

Bis dahin, so sagen die Frauen, bleibt nur, die junge Generation vor dem gefährlichen Taucher-Job zu warnen. Besser sei es, eine andere Arbeit auszuüben - irgendwie. Dieser Meinung ist inzwischen auch Francisco. "Den Jungen gebe ich den Rat: Schaut uns an, schaut die Taucher an, die nur noch im Bett liegen können. Ich sage ihnen: Lasst das bleiben mit dem Tauchen. Das ist mein Rat."