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Europa

Tödliche Abkürzung zur Strandparty

Es sollte der schnellste Weg zu einer Beachparty sein, doch für zwölf Jugendliche war es ein Weg in den Tod. Im nordostspanischen Bahnhof Castelldefels raste ein Schnellzug in eine Gruppe junger Menschen.

Detailaufnahme von Rettungskräften am Unglücksort (Foto: dpa)

Die Opfer waren auf dem Weg zu einer Sonnenwendfeier zum Johannestag

Ihr Ziel war ein Fest, doch sie nahmen eine tödliche Abkürzung über die Gleise: Bei einem verheerenden Bahnunglück nahe Barcelona sind zwölf Jugendliche ums Leben gekommen. 14 weitere wurden schwer verletzt, drei von ihnen schweben in Lebensgefahr, wie die Notdienste am Donnerstag (24.06.2010) mitteilten.

Blick auf den Triebkopf eines Zuges der spanischen Staatsbahn Renfe (Foto: dpa)

Angeblich ist der Zug nicht zu schnell in den Bahnhof eingefahren

Gegen 23.30 Uhr geriet der fröhliche Ausflug an die Costa Dorada zum Alptraum. Viele angereiste Jugendliche nahmen den heranrasenden Euromed-Schnellzug "Alaris" beim Überqueren der Gleise nicht wahr und wurden buchstäblich in Stücke gerissen.

Einige Überlebende kritisieren anschließend die Bahn: "Es gab kein Licht, und dass ein Zug kam, hat uns niemand gesagt", erzählte eine Augenzeugin in einem Fernseh-Interview. "Bei so vielen Menschen auf den Gleisen hätte uns dieser doch sehen müssen." Außerdem sei die Unterführung für die Menschenmassen viel zu eng und somit überfüllt gewesen. Abhilfe hätte die ebenfalls vorhandene Fußgängerbrücke leisten können. Doch diese war wegen Bauarbeiten gesperrt, wie der Bürgermeister einräumte. Das ließ Spekulationen aufkommen: Wurden die Menschen dadurch etwa in die Irre geleitet und glaubten, es gebe keinen anderen Weg als über die Gleise? Der Bürgermeister schließt das aus. Schilder wiesen nach seinen Angaben den Weg zur Unterführung.

Lokführer hat Unglück nicht verhindern können

Nach dem schweren Zugunglück wies die Staatsbahn jede Schuld an dem Unfall von sich. Man habe alle Sicherheitsvorkehrungen eingehalten, sagte ein Sprecher des Unternehmens. Die katalanische Regionalregierung erklärte, die Jugendlichen hätten sich falsch verhalten, weil sie die Gleise überquerten anstatt die vorhandene Unterführung zu nutzen.
Experten bestätigten die Aussagen der Bahn. Der Lokführer habe das Unglück nicht verhindern können: Der tonnenschwere und bis zu 200 Stundenkilometer schnelle Triebwagen brauche auch bei einer Notbremsung eine lange Strecke, bis er zum Stehen komme, hieß es.

Blick aus der Vogelperspektive auf den Bahnhof (Foto: AP)

Die Sicherheitskräfte arbeiteten fieberhaft, um möglichst viele Menschen zu retten

Am Unglücksort selbt bot sich den Rettungskräften ein Bild des Grauens. Die Toten seien laut Medienberichten so entstellt, dass sie zunächst nicht identifiziert werden konnten. Unter ihnen sollen mehrere Einwanderer aus Lateinamerika sein. "Es war brutal. Es hörte sich an, als würde jemand Steine zermalmen, dabei waren es Menschen", erzählte der Besitzer eines Ladens an der Unglücksstelle bestürzt. "Alles war voller Blut und Leichenteile", sagte ein Anwohner.
Noch in der Nacht trafen auch erste Angehörige der Opfer ein. Der Zivilschutz brachte sie in eine Stadthalle der 62 000 Einwohner zählenden Gemeinde. Dort wurden sie von Psychologen betreut.
Der unter Schock stehende Lokführer musste sich einem Alkoholtest unterziehen - er war nüchtern, wie der Rundfunk berichtete.

Flaggen auf Halbmast

Der Bürgermeister von Castelldefels, Joan Sau, kommentierte das Unglück mit Bestürzung: "Wenn die Unterführung benutzt worden wäre, würden wir wahrscheinlich jetzt nicht über diese Tragödie sprechen." Das Fest am Strand gehörte zu den Feiern der "Noche de San Juan", einer Sonnenwendfeier zum Johannestag. Der katalonische Regionalpräsident Jose Montilla rief bei einem Besuch des Unglücksbahnhofs einen Tag der Trauer aus. Die Fahnen wurden vor dem Rathaus von Castelldefels auf Halbmast gesetzt. Es war der schwerste Zugunfall in Spanien seit sieben Jahren: 2003 kamen 19 Menschen beim Zusammenstoß eines Personenzugs mit einem Güterzug ums Leben.

Autor: Marcus Bölz (afp,rtr,dpa)
Redaktion: Hajo Felten