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Deutschland

"Täter leben in einer Zweitwelt"

Der Kriminalpsychologe Adolf Gallwitz erklärt im Interview von DW-World, welche junge Menschen Gefahr laufen, zu Amokläufern zu werden - und wie Eltern oder Lehrer eine "Risikopersönlichkeit" erkennen können.

Polizeibeamte proben in einer Schule das Verhalten bei einem möglichen Amoklauf. (Foto: dpa)

Polizeibeamte proben in einer Schule das Verhalten bei einem möglichen Amoklauf

DW-WORLD.DE: Herr Gallwitz, erklären Sie uns vielleicht das Unerklärliche: Was passiert im Kopf eines Amokläufers?

Adolf Gallwitz: Es gibt vergleichbare Muster bei dieser Art von Tätern. Es gibt einen tödlichen Kreislauf, der beginnt mit sichtbaren oder unsichtbaren Auffälligkeiten einer so genannten Risikopersönlichkeit und endet mit einem sehr problematischen Bezug zu Waffen. Auch hier befanden sich Waffen im Umfeld des Täters. Dazu diese martialische Kampfkleidung, die es auch schon einmal beim Amoklauf in Emsdetten 2006 gab.

Gehen Sie davon aus, dass solche jungen Menschen, die zu Amokläufer werden, eine ganz gewisse Persönlichkeitsstruktur haben?

Das ist sehr häufig in der Vergangenheit eine gewisse Persönlichkeitsstruktur gewesen. Kränkungen tauchen in anderer Form auf und werden unterschiedlich wahrgenommen. Es ist eine Unfähigkeit vorhanden, mit diesen Kränkungen so umzugehen, dass man sie nicht ständig anstaut. Häufig bauen sich diese Menschen dann eine Art Zweitwelt auf. Über diese Zweitwelt wird dann sehr wenig kommuniziert - und deshalb ist das für Außenstehende sehr schwierig nachzuvollziehen.

Kann man solch einen Amoklauf vorausahnen?

Ja und Nein. Wir müssen in den Schulen auf die Schüler achten, die entweder stören oder unsichtbar geworden sind. Nicht weil all diese Schüler potentielle Amokläufer werden könnten, sondern weil wir hier eine besondere Aggression oder Not haben.Wir haben eine große Anzahl von Schülern und Schülerinnen, die diese Auffälligkeiten zeigen. Viele davon sind weit davon entfernt, jemals solch einen Amoklauf zu begehen, aber wir müssen bei den Schülern ansetzen, bei denen es Anzeichen dafür gibt, dass sie nicht in der unauffälligen Mitte sind.

Kann man Lehren aus solch einem Ereignis ziehen?

Ja und Nein. Wir lernen immer dazu, die Polizei und die Schulen lernen immer dazu. Man versucht sich auf derlei schreckliche Ereignisse vorzubereiten. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es aber nicht. Ich denke, wenn wir weiter an der Kultur des Hinschauens arbeiten, dann gibt es vielleicht den einen oder anderen Fall, den wir glimpflicher lösen können.

Adolf Gallwitz ist Kriminalpsychologe an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen

Das Interview führte Sandra Petersmann.

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