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Fußball

Syrischer Fußballer träumt von besseren Zeiten

Die meisten Topfußballer Syriens haben das Bürgerkriegsland verlassen, die heimische Liga dümpelt dahin. Doch der in Aleppo geborene und aufgewachsene Tareq Hindawi glaubt an die Zukunft des syrischen Fußballs.

Privat wirkt Tareq Hindawi wie auf dem Fußballplatz: wie ein entschlossener junger Mann. "Es gibt Spieler, die weigern sich, vorerst für die Nationalmannschaft zu spielen, weil sie denken, dass sie damit eine bestimmte Seite unterstützen", sagt Hindawi. "Ich bin anderer Meinung. Wir vertreten unsere Nationalflagge, unsere Treue gilt unserem Land. Wir spielen, um ein Lächeln auf die Lippen jedes syrischen Fans zu zaubern." Der 19 Jahre alte Hindawi ist stolz darauf, Syrer zu sein. Als Kapitän führt er die U20-Mannschaft seines Landes. Die meiste Zeit seiner noch jungen Karriere hat er für Al Ittihad gespielt, einen der größten Vereine Syriens, in Aleppo, einer der gefährlichsten Städte des Landes. Tareq stieß mit neun Jahren zu dem Club und durchlief alle Jugendteams - bis er schließlich den Sprung in die erste Mannschaft schaffte. In der Saison 2010/2011 gab er als Teenager sein Erstliga-Debüt. Sein Auftritt im defensiven Mittelfeld war so überzeugend, dass Hindawi in die U15-Mannschaft Syriens berufen wurde. "Ich war damals einfach nur glücklich", erinnert sich Tareq wehmütig. Er erkämpfte sich einen Stammplatz und wurde mit Al Ittihad am Saisonende Fünfter, vier Punkte hinter Meister Al Shorts.

Spiele vor leeren Rängen

Der 9. März 2011 änderte alles. In der Stadt Daraa schmierte eine Gruppe von Schülern Parolen gegen die seit Jahrzehnten regierende Assad-Familie an Häuserwände. Die Regierung reagierte nicht gerade nachsichtig und nahm die 15 Jugendlichen fest. Die Bevölkerung Daraas war empört. Gut eine Woche später, nach dem Freitagsgebet in der Al-Omari-Moschee, begannen die Proteste, angeführt vom Imam der Stadt, Scheich Ahmad Siyasna. Viele sehen darin den Startschuss der syrischen Revolution. Dreieinhalb Jahre später dauert der Bürgerkrieg zwischen den Regierungstruppen und bewaffneten Einheiten der Opposition immer noch an. Die Vereinten Nationen schätzen die Zahl der Toten auf inzwischen fast 200.000, mehrere hunderttausend Syrer sind auf der Flucht.

Tareq Hinwari bei einem Junioren-Länderspiel. (Foto: Hindawi/ privat)

Tareq Hindawi (r.) bei einem Spiel der syrischen Junioren-Nationalmannschaft

Der Konflikt erfasste alle Bereiche der syrischen Gesellschaft, auch den Fußball. Viele Profis verließen das Land, zur eigenen Sicherheit oder auch als Zeichen des Protests. Firas Al-Khatib, einer der besten syrischen Fußballer aller Zeiten, weigerte sich, weiter für die syrische Nationalmannschaft zu spielen. Er verdient sein Geld inzwischen in Katar, beim Club Al Arabi SC.

Spiele der syrischen Liga werden derzeit oft vor leeren Rängen ausgetragen. Kein Wunder, befindet sich das Land doch weiter in Aufruhr. Die Menschen haben andere Sorgen, als sich um Fußball zu kümmern. Die früher erfolgreichen Vereine und auch der Syrische Fußballverband stecken in Geldnot, die Schäden an der Infrastruktur sind riesig. Mehr als 200 Spieler hätten das Land verlassen, die meisten Richtung Irak, sagt der syrische Fußball-Experte Mohammed Nasser. Deshalb sei es schwierig, Trainingslager der Nationalmannschaft zu organisieren. "Im ersten Jahr der Revolution hat es den Sport inmitten der Zerstörung mit heruntergerissen", erinnert sich Nasser."Doch im zweiten Jahr haben wir Syrer uns auf die aktuellen Ereignisse und Umstände eingestellt." 2012 habe die syrische Nationalmannschaft noch die Westasiatische Fußball-Meisterschaft gewonnen. Seitdem seien die Bedingungen für Spieler und Fans jedoch deutlich schlechter geworden. "Es sind sogar einige Spieler während Fußball-Partien getötet worden", sagt Nasser. "Trotzdem sind die Liga-Spiele wieder aufgenommen worden. Wir versuchen, so viele Fans wie möglich in die Stadien zu bringen, weil Sport wirklich das einzige ist, das uns Syrern in der Krise das Herz leichter macht."

Wechsel nach Damaskus

Franz Beckenbauer 2001 in Syrien. (Foto: dpa-pa)

Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Franz Beckenbauer 2001 in Damaskus

Kaum ein Team hat es schlimmer erwischt als Al Ittihad in Aleppo. Meistens laufen bei den Erstliga-Partien des Clubs Spieler der dritten Mannschaft auf und versuchen mitzuhalten. "Al Ittihad hat eigentlich etwa 75.000 Fans, aber wegen des Bürgerkries kommen jetzt gerade mal eine Handvoll zu den Spielen", sagt Tareq Hindawi. "Es war ein fast schon verstörendes Gefühl, früher in einem so großen Stadion wie dem Aleppo International zu spielen, vor einer riesigen Menge Fans, die uns zujubelten. Wenn ich die Videos von damals ansehe, werde ich ganz wehmütig."

Wegen der verfahrenen Lage in Aleppo hat Tareq Hindawi einen Vertrag auf Leihbasis bei Al Majd unterschrieben, dem Verein, gegen den er einst bei seinem Liga-Debüt gespielt hatte. "Tareq ist ein starker und intelligenter defensiver Mittelfeldspieler", sagt Teamkollege Rafa Raja über den 19-Jährigen. "Er hat eine große Zukunft vor sich. Ich bin froh, dass er in unserer Mannschaft spielt." Al Majd ist einer der Erstliga-Clubs in Damaskus, weit weg von den Kämpfen des Bürgerkriegs. Seit fünf Monaten war Tareq nicht mehr bei seiner Familie in Aleppo. Dennoch hat er die Menschen und sein früheres Team in der Heimatstadt nicht vergessen. "Al Ittihad ist ein großer Verein, der krank ist, aber niemals sterben wird. Und so Gott will, wird der Club eines Tages wieder zu dem, was er einmal war", sagt Tareq. "Ich wünsche mir, dass mein geliebtes Land endlich wieder sicher wird. Und trotz allem, was wir durchgemacht haben, habe ich große Hoffnungen für den syrischen Fußball."