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Nahost

Syrische Soldaten sagen Nein zu Assad

Offiziere, ein Jetpilot, einfache Soldaten: Syriens Armee zeigt Auflösungserscheinungen. Seit Beginn der Proteste sind Tausende Soldaten desertiert. Doch noch scheint Präsident Assad fest im Sattel zu sitzen.

Syrische Deserteure (Foto: dapd)

Syrien Armee Deserteure

Hassan Hammadeh hatte genug. Der Oberst der syrischen Luftwaffe wollte nicht mehr mitmachen bei der Bombardierung der eigenen Bevölkerung. Hammadeh desertierte. Sein Kampfflugzeug, eine russische MiG-21, nahm er gleich mit.

Im Tiefflug überquerte Hammadeh die syrisch-jordanische Grenze. Nachdem der Oberst auf einem jordanischen Militärflugplatz gelandet war, kniete er sich noch auf der Landebahn nieder zum Gebet. Jordanien gewährte Hammadeh Asyl.

Die syrische Regierung bezeichnete den Piloten als "Verräter". Der oppositionelle syrische Nationalrat begrüßte den Vorfall vom vergangenen Donnerstag und rief weitere Piloten zur Flucht auf. Hammadeh habe sich "für sein Volk und seine Revolution entschieden". Es war das erste Mal seit Beginn der Revolte gegen Assad, dass ein Kampfpilot desertierte. Die syrische Luftwaffe gilt als besonders loyal zum Regime.

Eine russische MiG-21(Foto: Fotolia)

MiG-21: Russland ist einer der wichtigsten Waffenlieferanten des syrischen Regimes

Am Freitag sollen sich erneut mehrere ranghohe Offiziere der syrischen Streitkräfte abgesetzt haben. Auf einem von der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte veröffentlichten Video sollen zwei Brigadegeneräle und zwei Oberste zu sehen sein. Sie erklären, sie seien desertiert.

Auch Mustafa el-Scheich, Chef der oppositionellen Freien Syrischen Armee, war früher in der regulären syrischen Armee. El-Scheich war sogar Mitglied des Generalstabs. Er ist der ranghöchste Überläufer in den Reihen der Opposition.

Bisher aber sind vor allem einfache Soldaten desertiert. Sie konnten es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, auf die eigene Bevölkerung zu schießen. Viele schlossen sich der Freien Syrischen Armee an. Es ist die Rede von Tausenden Deserteuren. Genaue Zahlen gibt es nicht. Sowohl die Regierung als auch die Opposition versuchen, Informationen in ihrem Sinne zu steuern.

Zwischen Loyalität und Repression

Trotz der offenbar steigenden Zahl von Deserteuren sitzt das Regime noch immer relativ fest im Sattel. Der Grund ist eine Mischung aus Loyalität und Angst. Loyalität genießt Assad vor allem bei den Mitgliedern seiner eigenen Religionsgemeinschaft, den Alawiten. Die Minderheit stellt nur zehn Prozent der Bevölkerung, besetzt aber viele Schlüsselpositionen in Militär und Politik. Die Alawiten fürchten den Verlust ihrer Privilegien und die Rache der sunnitisch arabischen Bevölkerungsmehrheit für ihre jahrzehntelange Diskriminierung.

Zur Freien Syrischen Armee übergelaufene Soldaten (Foto: Reuters)

Zur Freien Syrischen Armee übergelaufene Soldaten in einem Vorort von Damaskus

Gleichzeitig hat das Assad-Regime im Laufe der Jahre ein sehr effizientes Überwachungssystem aufgebaut. Die diversen Geheim- und Sicherheitsdienste und ihr Netzwerk von Spitzeln kontrollieren sich gegenseitig. So wird verhindert, dass sich eine kritische Masse von Offizieren bildet, die die Macht des Assad-Clans gefährden kann.

Allerdings könne man erkennen, sagt Heiko Wimmen, Syrien-Experte der Stiftung Wissenschaft Politik, "dass es im Militär und im Machtapparat an allen Ecken und Enden knirscht". Es sei eine "langsame Erosion des gesamten Staatsapparates" zu beobachten. Am Ende dieses Prozesses könne ein Zerfall des Staates stehen, mit von unterschiedlichen Warlords beherrschten Landesteilen.

Machtverzicht keine Option

Dass das Assad-Regime freiwillig abtritt, hält Wimmen für unwahrscheinlich. Assad selbst biete sich im Falle eines Machtverzichtes keine Perspektive. Kaum ein Staat der Welt, ausgenommen Iran, würde ihn aufnehmen. Im eigenen Land drohe Assad ein Prozess oder schlimmeres. Ähnliches gelte für die Mitglieder seines Clans. "Die Perspektiven für einen verhandelten Übergang", sagt Wimmen, "sind mittlerweile sehr schlecht".

Auch dem jüngsten Vorschlag des UN-Syrien-Sondergesandten Kofi Annan räumt Wimmen deswegen nur geringe Chancen ein. Annan hatte die Bildung einer Kontaktgruppe einflussreicher Staaten vorgeschlagen, die mit Damaskus über eine Lösung des Konflikts verhandeln soll. Zu der Gruppe könnten neben Russland, China und den USA auch Regionalmächte wie Saudi-Arabien und der Iran gehören. Nach Angaben der Arabischen Liga will sich die Gruppe am 30. Juni das erste Mal treffen. Allerdings lehnen die USA eine Beteiligung des Iran, Syriens wichtigstem Verbündeten in der Region, ab.

Die Gewalt in Syrien wird also vorerst weitergehen, die Zivilbevölkerung weiter leiden. Nach jüngsten Angaben der Vereinten Nationen sind wegen der zunehmenden Gewalt inzwischen rund 1,5 Millionen Menschen von humanitärer Hilfe abgeschnitten.

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