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Nahost

Syrische Flüchtlinge im jordanischen Niemandsland

Mit dem Ausbruch des Bürgerkrieges retteten sich viele Familien aus dem syrischen Daraa in das jordanische Grenzdorf Ramtha. Heute leben sie in einem Flüchtlingslager – in Sichtweite ihrer alten Heimat.

Syrische Flüchtlinge unmittelbar nach der Grenzüberquerung nach Jordanien, in der Nähe des Ortes Ramtha (Foto: dpa/Bildfunk)

Syrische Flüchtlinge unmittelbar nach der Grenzüberquerung nach Jordanien, in der Nähe des Ortes Ramtha

Es sollte eigentlich ein Park werden, der den Namen des jordanischen Königs Abdullah trägt. Hier in Ramtha, einer Grenzstadt zu Syrien, gibt es kaum Grünflächen. Ein Areal am Stadtrand wurde ausgesucht, ein Eingangstor aus gelbem Sandstein errichtet und ein Verwaltungshäuschen gebaut. Doch bevor Pflanzen auf dem staubigen Gelände gepflanzt werden konnten, brach im Nachbarland der Bürgerkrieg aus - und statt Blumen kamen Flüchtlinge.

In Daraa, wo sie mehrheitlich herkommen, hatte Ende März 2011 alles angefangen. Damals sprühten Kinder regimekritische Graffitis an die Wände der Stadt. Dafür wurden sie kurzerhand inhaftiert. Tausende gingen daraufhin auf die Straße und verlangten die Freilassung der Kinder. Bald danach wurden Forderungen nach mehr Freiheit laut, nach weniger Korruption und einer besseren Verwaltung. Dass diese Proteste sich zu einem verheerenden Bürgerkrieg entwickeln würden, mit bis zu 100.000 Todesopfern, ahnte damals noch niemand.

Eine Familie im Visier des Regimes

Zwei Kinder vor einem Container des UNHCR im Flüchtlingslager von Ramtha (Foto: Birgit Svensson/DW)

Alltag im staubigen Niemandsland: Zwei Kinder im Flüchtlingslager von Ramtha

"Meine Söhne haben Steine geworfen und ich habe demonstriert", sagt Mohammed, der mit seiner Familie seit elf Monaten im König-Abdullah-Park lebt, der heute König-Abdullah-Lager heißt. Wir stehen auf der schwarzen Liste." Einer der beiden ältesten Söhne sei bereits im Gefängnis gelandet. Mohammeds kleine Tochter wurde am Bein verletzt, als die syrische Armee ihr Heimatdorf angriff. Das Haus der Familie wurde zerbombt. Immer wieder rückten Panzer und Artillerie der Regierungstruppen an und attackierten das Dorf und seine Bewohner.

Bashar al-Assad habe Daraa den Schwarzen Peter zugeschoben, meinen die Lagernachbarn, die sich schnell um den Besuch aus Deutschland scharen. Dabei hätten die Demonstranten dort nicht einmal für den Sturz des Regimes demonstriert. Diese Forderung sei viel später erst erhoben worden, an anderen Orten in Syrien. Trotzdem müssten die Einwohner der Provinz nun für alles büßen.

Jordanien will keinen Streit

Im Lager ankommende Flüchtlinge berichten davon, dass etwa 8000 Kämpfer der Hisbollah aus dem Libanon und dem Iran nach Daraa und an die jordanische Grenze vorgerückt seien. Es heißt, dass der Flüchtlingsstrom deshalb nochmals massiv angeschwollen sei.

Mit 560.000 registrierten Syrern hat das Königreich bislang die meisten Bürgerkriegsflüchtlinge aufgenommen. Die tatsächliche Zahl dürfte noch weit darüber liegen, denn nicht alle Flüchtlinge lassen sich registrieren. Teilweise haben sie Angst, nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren zu können, wenn ihr Name auf den Listen steht - das Regime, sollte es überleben, könnte sie als Verräter ansehen und verfolgen.

Jordanien: Mehr Flüchtlinge als Einheimische

Ein Mädchen im Flüchtlingslager von Ramtha, Jordanien (Foto: Birgit Svensson/DW)

Bildung im Flüchtlingslager: Die UN organisiert Unterricht für die Kinder vom "König-Abdullah-Park".

Für das kleine Jordanien mit rund sechs Millionen Einwohnern sind die Flüchtlingsströme eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Denn die Syrer sind nicht die einzigen, die in dem Land "Jenseits des Jordan", wie die Region in der Bibel heißt, Aufnahme gefunden haben. 1948 und 1967 kamen die Palästinenser, die inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Ab 2003 waren es dann die Iraker, die vor dem Terror nach dem US-Einmarsch flohen. Von ihnen leben bis zu 600.000 im kleinen Jordanien. Und nun kommen die Syrer.

"Wir haben nichts mehr"

Mohammed ist froh, dass er nicht im größten Lager Zaatari leben muss, wo 120.000 Flüchtlinge in Zelten wohnen. In Ramtha sind es nur 850, und das Lager hat bereits Dorfcharakter. Gerade bringen Handwerker ein Dach über dem Sportplatz an, das ein wenig Schatten vor der sengenden Hitze bietet. Die Flüchtlinge wohnen nicht in Zelten, sondern in Containern. Ein Einzimmer-Wohnwagen für jede Familie. Eine Blechbleibe steht neben der anderen und lässt gerade genug Raum dazwischen, um eine Wäscheleine zu spannen.

Matratzen, Decken und ein Gaskocher - mehr an Ausstattung gibt es nicht von den Vereinten Nationen, die alle fünf Lager in Jordanien betreuen. Über 40 Kubikmeter Wasser schafft das Kinderhilfswerk UNICEF täglich ins Lager, bietet Schulunterricht und Nachhilfestunden für die Kinder. Das König-Abdullah-Lager ist das älteste, aber auch das kleinste Camp. Hier, von Ramtha aus, kann man Daraa sehen. Es ist keine zehn Kilometer Luftlinie entfernt.

Ein Junge schaut aus einem UNHCR-Zelt und zeigt das Victory-Zeichen (Foto: dpa)

Die Hoffnung der Jugend: Viele Flüchtlinge wollen die Region verlassen.

"Wir mussten alles zurücklassen", entschuldigt sich Mohammeds Frau für das karge Mobiliar. "Wir haben nichts mehr." Einen alten Fernseher haben sie geschenkt bekommen, um das Geschehen in der Heimat verfolgen zu können, ein paar Holzbretter haben sie zu einem Regal zusammengestellt. Mobiltelefone und einen Computer haben die Kinder mitgenommen.

Reis essen, Staub schlucken

"Was soll ich ihnen sagen", stöhnt der Vater auf die Frage nach der Lage im Camp, "Sie sehen doch selbst". Dem hageren, in schwarz gekleideten, fast schon elegant wirkenden Mann merkt man sofort an, dass ihm das Leben als Flüchtling zu schaffen macht. Aber er tut alles, um nicht in Lethargie zu verfallen. Und das, obwohl er hier im Lager zum Nichtstun verdammt ist.

Als Bauingenieur hat Mohammed ein Jahr in Deutschland studiert, "in Thüringen, als die Mauer noch stand". Seitdem habe er kaum mehr Deutsch gesprochen. Syrien war so lange isoliert. Wenn Deutschland syrische Flüchtlinge aufnehme, wolle er sich bewerben. "Das Leben ist doch mehr, als Reis zu essen und Staub zu schlucken", sagt er.

Mohammeds Heimatland Syrien ist praktisch nur einen Steinwurf entfernt. Doch eine Zukunft auf einem anderen Kontinent ist in der gegenwärtigen Lage näher liegend als eine Rückkehr in die alte Heimat.

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