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Deutschland

Syrische Flüchtlinge: Ein Leben in Frieden, weit weg von Zuhause

Evin Amirs Familie floh aus Syrien nach Deutschland. Die Kurdin hat zwar Hilfe von ihrer Schwester, die schon länger in der Bundesrepublik lebt - aber der Neuanfang in einem fremden Land ist trotzdem nicht leicht.

Evin Amir hat genug. So sehr sie Syrien und ihre Heimatstadt Aleppo liebt - sie will nicht mehr mitten in einem Kriegsgebiet leben. Ihr Mann Shirzad Rasho, ein Gynäkologe, und sie können nur abwechselnd zur Arbeit gehen, weil sie ihren kleinen Sohn Alan nicht allein zuhause lassen wollen. Manchmal muss Evin auch in ihrem Büro bei einer Telekommunikationsfirma übernachten, weil der Weg nach Hause durch Kämpfe abgeschnitten ist.

"Das Leben war mit einem Kind schon schwierig", erzählt sie. Dann erfuhr sie, dass sie wieder schwanger war. "Mit einem zweiten Kind - das war überhaupt nicht mehr möglich. Wir hatten keinen Strom, kein Wasser, manchmal hatten wir nicht mal Milch oder Brot." Anfang 2013 beschließt die Familie deswegen, das Land zu verlassen und flieht nach Istanbul.

Flucht im Auto

"Syrien-Türkei, das kann man fast laufen", sagt Evins Schwester, Nissrin Emir-Dilbar. Die Sprachlehrerin lebt seit vier Jahren in Deutschland und versuchte, Evin und ihre Familie auf offiziellen Wegen in die Bundesrepublik zu holen. Das hat aber nicht funktioniert. Also steigt Evin im Juli 2013 gemeinsam mit einem anderen Ehepaar in ein Auto, das sie in vier Tagen von der Türkei quer durch Europa über die deutsche Grenze bringt. Sohn und Ehemann bleiben erst einmal in Istanbul zurück.

In Deutschland kommt sie in eine Erstaufnahmeeinrichtung in Dortmund, dann wird ihrem Asylantrag stattgegeben. Jetzt hat sie eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre. Zunächst zieht die 34-Jährige zu ihrer Schwester. Ihr Mann und ihr Sohn werden nachgeholt. Im Februar dieses Jahres kann die vierköpfige Familie - die kleine Alin wurde im Oktober 2013 geboren - endlich in eine eigene Wohnung mit drei Zimmern in Bonn ziehen.

Evin, Alin und Nissrin am Esstisch. (Foto: Fabian Fischerkeller/ DW)

Den Esstisch hat Evin (l.) von ihrer Schwester Nissrin (r.) bekommen

Sie sind nicht die einzigen, die vor dem Bürgerkrieg in die Bundesrepublik fliehen. Nach Behördenangaben haben seit dem Frühjahr 2011 etwa 31.000 Syrer in Deutschland Asyl beantragt. 2013 beschloss die Bundesregierung außerdem, zwei Sonderkontingente von jeweils 5000 Menschen aus Syrien aufzunehmen. Diese Menschen wurden nach festgelegten Kriterien ausgesucht, wie Familienanschluss in Deutschland oder ihre Bedeutung für den Wiederaufbau Syriens nach dem Krieg. Sie mussten keine Asylanträge stellen und erhielten eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre.

Wegen des Ausmaßes der humanitären Katastrophe hat Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) angekündigt, weitere 10.000 Syrer nach Deutschland zu holen. Die Innenminister der Bundesländer wollen auf ihrer Konferenz am 13. und 14. Juni über das Aufnahmeprogramm entscheiden. Seit 2011 flohen laut UN rund 2,5 Millionen Syrer ins Ausland, 6,5 Millionen wurden zu Vertriebenen innerhalb des Landes.

Deutschland: Friedliche Bürokratie

Elin Amir und ihr Mann Shirzad Rasho besuchen seit April Deutsch- und Integrationskurse. Der sechsjährige Alan geht in den Kindergarten und wird im August eingeschult. Mit Deutsch habe er noch so seine Schwierigkeiten, erzählt seine Tante. Alan habe hier bisher nur eine ebenfalls kurdisch sprechende Freundin gefunden. Wenn sie gemeinsam spielten und deutsche Freunde seiner Spielgefährtin hinzukämen, sei er sehr eifersüchtig. "Er sagt 'Ich hab' hier niemanden und ich versteh Deutsch nicht' und er weint", sagt Nissrin.

Die kleine Alin scheint sich in ihrem neuen Zuhause wohlzufühlen. Während ihre Mutter spricht, rutscht Alin auf der schwarzen Couch herum, die Freunde von Nissrin der Familie geschenkt haben, und spielt mit einer Schmetterlingsspieluhr aus Stoff. Die meisten Möbel in Evins Wohnung kommen von Freunden ihrer Schwester oder von Nissrin selbst, wie zum Beispiel der Esstisch mit vier Stühlen oder das Ehebett. Bisher bekommen Evin und ihr Mann Geld vom Staat, aber beide möchten so schnell wie möglich Deutsch lernen und arbeiten. Erst seit Kurzem können sie sich richtig darauf konzentrieren, an ihren Sprachkenntnissen zu arbeiten. Vorher standen Wohnungssuche und viele Besuche beim Amt an. Immer dabei ist Nissrin.

Alin im Kinderzimmer. (Foto: Fabian Fischerkeller/ DW)

Alin wurde schon in Deutschland geboren

Die 32-Jährige hilft auch vielen anderen syrischen Flüchtlingen, die sich an den kurdischen Verein YASA wenden. Ehrenamtlich steht sie dort Neuankömmlingen zur Seite, die sich mit der deutschen Bürokratie herumschlagen. In Syrien, erzählt sie, gebe es zum Beispiel kein Einwohnermeldeamt. Dafür ist in Deutschland Frieden. "Man kann hier in Freiheit leben", sagt Evin. "Ich kann jeden Tag mit den Kindern rausgehen in den Park. In Syrien war das nicht möglich."

Alles zurückgelassen

Wenn die Familie nicht in den Park geht, spielt Alan mit einem Tablet-Computer. Den haben seine Eltern ihm noch in Syrien gekauft - damit er den Kriegslärm vor seiner Haustür nicht mehr so wahrnimmt. Wenn er in Aleppo einen Zeichentrickfilm auf dem Tablet schaute, dann waren Gewehrsalven und Bombeneinschläge weit weg.

Außer dem Tablet für Alan konnten Evin und Shirzad so gut wie nichts aus Syrien mitnehmen. Die Flucht erst in die Türkei und dann nach Deutschland ließ nicht viel Raum für Sentimentalität. Nicht einmal Fotos hat die Familie mit nach Deutschland gebracht, zum Beispiel von Evins und Nissrins Vater, der im vergangenen August im Bürgerkrieg ums Leben kam. Auf die Frage, was ihr aus Syrien am meisten fehle, antwortet Evin, ohne dass ihre Schwester übersetzen muss. "Alles", sagt sie und weint. Sie möchte nach Syrien zurückkehren - wenn dort alles so ist wie früher.

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