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Nahost

Syriens Mut der Verzweifelung

Vor einem Jahr begann der Volksaufstand in Syrien gegen die Alleinherrschaft von Baschar al-Assad. Inzwischen steht das Land am Rand eines Bürgerkriegs, die Vereinten Nationen zählen mehr als 8000 Tote.

Aufständische Kämpfer am 11. März 2012 in Idlib (Foto:AP/dapd)

Aufständische Kämpfer in Idlib

Die Botschaft der Graffitis war hochexplosiv. "Das Volk will den Fall des Regimes", stand in großen Lettern an einer Wand in der südsyrischen Stadt Daraa zu lesen. Die Sprayer waren bald identifiziert: rund 15 Schulkinder, die sich von den Slogans des Arabischen Frühlings hatten inspirieren lassen und mit ihnen nun auf die Regierung in Damaskus zielten. Ob gezielte politische Aktion oder bloß unbedachter Lausbubenstreich - das Regime reagierte mit gewohnter Härte: Mitte März 2011 wurden die Schüler festgenommen und offenbar in der Haft misshandelt. Die Bürger von Daraa gingen auf die Straße und demonstrierten für ihre Freilassung. Geheimdienstkräfte lösten die Demonstration mit Gewalt auf, fünf Menschen starben. Die syrische Revolution hatte begonnen.

Bilder des Schreckens

Betender Mann vor brennendem Gebäude am 12. Februar 2012 in Homs (Foto: AP/dapd)

Syrien Homs Bürgerkrieg Demonstration Opposition Assad

Seit einem Jahr demonstrieren die Syrer gegen die Regierung Assad und haben seitdem lernen müssen, wozu diese fähig ist. Die Brutalität des Regimes verdichtete sich in furchtbaren Bildern: Ende April 2011 kam Hamza al-Khatib, gerade dreizehn Jahre alt, von einer Demonstration in Daraa nicht zurück. Einen guten Monat später wurde den Eltern der Leichnam ihres Sohnes übergeben, mit Spuren schlimmster Misshandlung. Hamza al-Khatib wurde ebenso zu einer Symbolfigur wie der Sänger Ibrahim Kaschusch, dessen Lied "Yalla irhal, irhal, ya Baschar" – "Hau ab, Baschar“, zur Hymne der Revolution wurde. Anfang Juli 2011 sang Kaschusch das Lied in seiner Heimatstadt Hama. Nach seinem Auftritt wurde der Sänger entführt. Drei Tage später fand man seine Leiche mit durchschnittener Kehle. Vor seiner Ermordung war er schwer misshandelt worden.

Neues zivilgesellschaftliches Engagement

Mehr als 8000 Menschen sind nach UN-Angaben in Syrien seit Beginn der Revolution ums Leben gekommen. Doch die Bürger lassen sich von der Gewalt nicht einschüchtern. Im Gegenteil, überall formiert sich neuer Widerstand. Landesweit gebe es rund 600 Protestgruppen, erklärt Ferhad Ahma, Mitglied des Syrischen Nationalrats in Deutschland gegenüber der DW. Längst hätten die Syrer in weiten Teilen des Landes schon Aufgaben übernommen, die eigentlich der Staat zu erfüllen hätte. Der aber habe sich aus mehreren Regionen des Landes komplett zurückgezogen. Es finde kein Unterricht mehr statt, die Müllabfuhr arbeite nicht mehr. "Das ist im Prinzip eine Kollektivstrafe, damit die Bevölkerung selbst in relativ ruhigen Regionen nicht mehr auf die Straße geht und nicht mehr für ihre Rechte, für ein Leben in Würde und Freiheit protestiert", erklärt Ahma. Beschwerten sich die Bürger über den Ausfall von Trinkwasser oder Strom, so erhielten sie zur Antwort, dies sei eine Folge ihrer Forderungen. Verlangten sie Freiheit, müssten sie auch mit den Konsequenzen leben. Doch diesen Zynismus ließen die Bürger nicht mehr gelten, erklärt Ahma. Wo immer es möglich sei, nähmen sie die staatlichen Aufgaben selbst in die Hand.

Forderung nach Bewaffnung der Freien Syrischen Armee

Ferhad Ahma vom Syrischen Nationalrat während einer Pressekonferenz am 10.02.2012 in Berlin (Foto: dapd)

Ferhad Ahma vom Syrischen Nationalrat

Doch Ahma weiß, dass das Assad-Regime sich von solchen Initiativen nicht beeindrucken lässt. Angesichts der zunehmenden Gewalt plädiere der Syrische Nationalrat für andere Formen des Widerstands - und zwar umso mehr, je weniger Resultate die jüngsten diplomatischen Initiativen erbrächten. Noch wolle man abwarten, ob die Mission Kofi Annans vom vergangenen Wochenende vielleicht doch noch zu einem Erfolg führe. "Sollte sich die Mission aber als gescheitert herausstellen, wird sich die syrische Opposition für die Bewaffnung der Freien Syrischen Armee aussprechen und diesen Plan auch umzusetzen versuchen." Nur so könne die Zivilbevölkerung zumindest punktuell geschützt werden, sagte Ahma im Gespräch mit der DW.

Bei dieser Entscheidung kann der Nationalrat auf die Unterstützung verschiedener Golfstaaten, insbesondere Katars und Saudi-Arabiens, rechnen, die immer stärker auf eine Bewaffnung der syrischen Rebellen drängen. Unter der Hand lieferten sie wohl bereits Waffen, vermutet der Syrien-Experte André Bank vom Hamburger GIGA-Institut. Die Bewaffnung der Aufständischen hält er allerdings für ausgesprochen riskant, weil sie den Konflikt noch weiter eskalieren lasse. Es bestünde die Gefahr eines regionalen Flächenbrandes. "Der könnte weit über Syrien hinausreichen, bis in die Nachbarstaaten Irak, Libanon, Israel, Palästina, nach Jordanien und nicht zuletzt auch in die Kurdengebiete in der Türkei."

Ein isoliertes Regime

André Bank, Wissenschaftler am GIGA-Institut für Nahost-Studien in Hamburg; (Foto: GIGA-Institut)

Nahost-Experte André Bank

Wie soll es also weitergehen in Syrien? Mitte der Woche ging selbst Russland erstmals öffentlich auf Distanz zur Regierung Assad. Russischen Medienberichten zufolge ist die russische Führung zur Einschätzung gekommen, Assad habe den Zeitpunkt für Reformen verpasst. Darum habe er nur noch geringe Chancen, sich an der Macht zu halten.

Es scheint, als würde es einsam um den syrischen Alleinherrscher. Das könnte ihn nun zu ernsthaften Zugeständnissen bewegen. Der Syrische Nationalrat hat klare Vorstellungen, wie diese Zugeständnisse aussehen sollten, erklärt Ferhad Ahma. "Der erste Schritt wäre, dass Assad jetzt zurücktritt und die Macht an seinen Vize übergibt, beziehungsweise an eine andere Person, die das Vertrauen der Opposition genießen sollte." Eine solche Entscheidung könnte einen politischen Prozess in Gang setzen, der dem Land weiteres Blutvergießen erspart.

Ob es dazu kommt, ist allerdings fraglich. Bislang hat sich Baschar al-Assad durch die internationale Staatengemeinschaft kaum beeindrucken lassen. Diplomaten, so lautet die Einschätzung von Syrien-Experte André Bank, "beißen in Damaskus noch immer auf Granit".

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