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Nahost

Syriens Kurden: Verbündete oder Terroristen

Die Türkei will die kurdische Partei PYD als angebliche Terroristen von den Syrien-Gesprächen ausschließen. Im Umgang mit der PYD prallen zwei Strategien aufeinander. Für den Westen ist sie ein wichtiger Partner.

Kämpfer der Volksverteidigungseinheiten (YPG) feiern im Januar 2015 ihren Sieg über den IS bei der Stadt Kobane (Foto: EPA)

Kämpfer der "Volksverteidigungseinheiten" (YPG) feiern 2015 ihren Sieg über den IS bei Kobane

Kommende Woche sollen die Syrien-Friedensgespräche in Genf in eine neue Runde gehen. Wer zusammen mit den USA, Russland, der Türkei, Saudi-Arabien und anderen am Tisch sitzen wird, steht aber noch nicht ganz fest. So ist eher fraglich, ob die syrischen Kurden diesmal eine Einladung in die Schweiz erhalten. Obwohl die "Partei der Demokratischen Union" (PYD) und ihre "Volksverteidigungseinheiten" (YPG) große Gebiete an der syrisch-türkischen Grenze kontrollieren und militärische Partner der USA sind, will Ankara diese Kurden auf keinen Fall dabei haben.

Kamal Sido von der "Gesellschaft für bedrohte Völker" verweist im DW-Gespräch darauf, dass die syrischen Kurden schon früher vertröstet worden seien. So hätten ranghohe Diplomaten der USA und Russland die Kurden vor den letzten Genfer Gesprächen gebeten, sich still zu verhalten. Bei der nächsten Runde würden sie dabei sein. Danach sieht es nun jedoch nicht aus.

Kurden im Kampf gegen IS erfolgreich

Für die USA sind die kurdischen Kämpfer und Kämpferinnen ein wichtiger Baustein ihrer Syrien-Politik. Sie drängen den IS erfolgreich zurück. In den vergangenen Monaten konnten die Kurden ihr Gebiet stark vergrößern. Das sieht die Regierung in Ankara mit großer Sorge. Die türkische Armee schoss mehrfach auf kurdische Stellungen in Syrien.

Akram Hesso, Verwaltungschef des nordost-syrischen Kurdenkantons Dschasira, gibt sich dennoch selbstbewusst. Im Interview mit dem Nahost-Webportal Al-Monitor sagte er über die Beziehungen zum Westen, diese beruhten "auf gegenseitigen Interessen beim Aufbau einer demokratischen Herrschaft in Syrien, beim Sieg über den IS und schließlich beim Aufbau einer neuen Ordnung im Nahen Osten."

Spurensicherung nach dem Anschlag im Februar 2016 in Ankara (Foto: Reuters)

Die Türkei macht die YPG für den Anschlag auf Armeebusse in Ankara verantwortlich

Für den NATO-Staat Türkei ist eine neue Ordnung in Syrien und Nahost aber nur ohne Einfluss der Kurden-Organisationen denkbar. Ankara will nicht, dass sich das de facto eigenständige kurdische Staatsgebilde an seiner Südgrenze noch weiter ausdehnt und auf die große türkische Minderheit in der Türkei ausstrahlt. Für die Regierung der Türkei sind PYD und YPG lediglich syrische Ableger der als Terrororganisation eingestuften kurdischen Arbeiterpartei PKK. Diese ist für zahlreiche Anschläge in der Türkei verantwortlich.

Für Ankara gehört PYD zur PKK

Nach Überzeugung der türkischen Regierung geht das Bombenattentat auf Armee-Busse am 17. Februar in Ankara, durch das 30 Menschen getötet wurden, auf die "Volksverteidigungseinheiten" zurück. Deshalb müssten diese ebenso wie der der IS oder die Al-Kaida-nahe Al-Nusra-Front bekämpft werden.

Die syrische Kurdenorganisation wies die Anschuldigungen zurück. Im DW-Interview hatte der PYD-Vorsitzende Salih Muslim jede Beteiligung bestritten. Stattdessen bekannte sich eine türkische Abspaltung der PKK zu dem Anschlag.

Der Führer der PYD, Salih Muslim, am 4. November 2014 in Brüssel (Foto: Anadolu Agency)

Der Führer der PYD, Salih Muslim, weist die Anschuldigungen aus Ankara zurück

Für die türkische Regierung gehören diese Gruppen jedoch alle zusammen. Das machte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sehr deutlich. Auch Vize-Premier Yalcin Akdogan betonte diesen Vorwurf. Washington solle seine Strategie nicht allein auf eine "kleine Terrororganisation" bauen, warnte Akdogan im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP. "Ein anderer Name bedeutet nicht, dass der Charakter ein anderer ist", sagte der Vize-Premier über PKK und PYD. "Man kann einen Apfel zwar Birne nennen, aber es bleibt doch ein Apfel."

Das sehen Amerikaner und Europäer anders. Auch Sido hält die syrische PYD trotz gemeinsamer Anliegen nicht für einen Ableger der türkischen PKK.

Jenseits der Vorwürfe aus Ankara sind die Kurden-Kämpfer in Nordsyrien auch von anderer Seite kritisiert worden. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International warf ihnen massenhafte Vertreibungen und Zerstörungen von Häusern vor. Dafür stützte sich Amnesty auf Augenzeugenberichte und Satellitenbilder.

Kämpfer von der Volksverteidigungseinheiten vor einer Kirche im assyrischen Dorf Tel Jumaa (Foto: Rodi Said, Reuters)

In den Reihen der "Volksverteidigungseinheiten" kämpfen auch syrische Christen sowie sunnitische Araber

Verzicht auf kurdischen Nationalismus

Sido kritisiert die PYD wegen dieser Menschenrechtsverletzungen ebenfalls, betont jedoch, dass die Partei als einzige ein multiethnisches und multireligiöses Konzept habe. So stehe die Organisation keineswegs für einen kurdischen Nationalismus. "Mittlerweile sind 30 bis 40 Prozent der Kämpfer keine Kurden, sondern Araber, Assyrer und Armenier", sagt Sido, der selbst im syrischen Kurdenkanton Afrin geboren wurde.

Ein multireligiöser Ansatz ist dem Experten der Gesellschaft für bedrohte Völker zufolge das einzige Modell, das Syrien Frieden bringen könne. Dagegen werde die Strategie der Türkei und Saudi-Arabiens wohl scheitern. "Die wollen einem moderaten politischen Islam zur Macht verhelfen, den es gar nicht gibt. Das wird nicht klappen", meint Sido. Die Bevölkerungsgruppen der Alawiten, Christen, Drusen, Ismailiten, Schiiten und die meisten Kurden lehnen ihm zufolge ein solches Konzept ab.

Für den erneuten Versuch, das knapp fünfjährige Blutvergießen zu beenden, verheißt der Streit um die Kurden nichts Gutes. Auch die Zukunft der Kurdenkantone ist Sido zufolge unsicher: "Die kurdischen Gebiete sind in großer Gefahr durch den Islamischen Staat, die Al-Nusra-Front, die sogenannten Gemäßigten und vor allem durch Erdogan."

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