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Nahost

Syriens Drusen zwischen den Fronten

Nach einem Angriff der Nusrah-Front auf ein von Drusen bewohntes Dorf in Syrien könnte die Glaubensgemeinschaft verstärkt Opfer dschihadistischer Massaker werden. Besonders die Drusen in Israel zeigen sich alarmiert.

Angeblich war der Überfall weder geplant noch von einem der Anführer angeordnet. Vor gut anderthalb Wochen überfielen Kämpfer der terroristischen Nusrah-Front im Nordwesten Syriens das Dorf Qalb Loze. Drusen leben dort, Angehörige einer kleinen Religionsgemeinschaft, die im 11. Jahrhundert in Ägypten entstand, als Abspaltung von den Schiiten.

Die Terroristen töteten rund 20 Dorfbewohner. Tage später veröffentlichte die Nusrah-Front eine Erklärung zu dem Verbrechen. Sie habe die Nachrichten von dem Überfall "mit großer Sorge" vernommen, heißt es in der Mitteilung. Die Aktion sei mit der Führung der Organisation nicht abgestimmt gewesen. "Alle, die in diesen Vorfall verwickelt sind, kommen vor ein Scharia-Gericht und werden für das vergossene Blut zur Rechenschaft gezogen", drohte die Nusrah-Zentrale ihren eigenen Leuten.

Die in Syrien, im Libanon und in Israel lebenden Drusen fürchten dennoch, der Angriff könnte Auftakt für weitere Massaker an Angehörigen ihrer Glaubensgemeinschaft sein. Aus ihrer Sicht sprechen vor allem zwei Gründe für weitere Angriffe: Erstens haben viele syrische Drusen lange Zeit loyal zu dem syrischen Diktator Baschar al-Assad gestanden - auch wenn sie nicht selbst zu den Waffen griffen. Und zweitens gelten die rund eine Million im Nahen Osten lebenden Drusen radikalen Sunniten als "Ungläubige". Wie Dschihadisten mit Andersgläubigen verfahren, haben die Kämpfer der Nusrah-Front und mehr noch die des "Islamischen Staats" (IS) wiederholt unter Beweis gestellt. Beide Gruppen, so die Befürchtungen, könnten die Drusen nun gezielt attackieren.

Sorgen der israelischen Drusen

Besorgt wegen der Entwicklung im Nachbarland zeigen sich auch Vertreter der rund 136.000 in Israel lebenden Drusen. Sie haben mit ihren jüdischen Landsleuten einen so genannten "Blutsbund" geschlossen. Entsprechend gut und vertrauensvoll ist ihr Verhältnis zur israelischen Staats- und Regierungsspitze.

Israelische Drusen während einer Solidaritätskundgebung auf den Golanhöhen - Foto: Menahem Kahana (AFP)

Israelische Drusen bei Solidaritätsaktion für ihre syrischen Glaubensgenossen: "Israel soll einen Schutzkorridor bilden"

Kurz nach dem Angriff der Nusrah-Front hatten sie darauf gedrungen, Israel solle im Falle weiterer Massaker in Syrien intervenieren. Diese Forderung hatte sich auch Ayoob Kara, stellvertretender israelischer Verteidigungsminister mit drusischen Wurzeln, zu eigen gemacht. Die israelische Armee, so das Ansinnen, solle einen Schutzkorridor bilden, über den die syrischen Drusen nach Israel fliehen könnten.

Das israelische Militär reagierte verhalten. Seit vier Jahren hält sich

Israel

aus dem Konflikt im Nachbarland heraus, aus Sorge, in den Konflikt hineingezogen zu werden. Diese Überlegung spielt auch in den Gesprächen mit den Drusen eine Rolle. "In dem Moment, in dem wir auch nur einen Fuß in dieses Chaos setzen, werden wir Partei und damit Verbündeter der einen oder anderen Seite". So äußerte sich Medienberichten zufolge ein auf seiner Anonymität bestehender Kommandant der israelischen Armee. "Daran haben wir kein Interesse".

"Nicht im Namen Israels"

Fraglich ist aber, ob sich

diese Politik

durchhalten lässt. Das mit der Entwicklung im Nahen Osten befasste Internet-Magazin "Al Monitor" hält es allerdings für möglich, dass es nicht bei der israelischen Zurückhaltung bleibt. "Sollte es zu weiteren Vorfällen kommen, wird es für das israelische Militär sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, die Forderung der Drusen auszuschlagen."

Käme es aber zu einer Rettungsaktion, dann müsste sie als solche eindeutig deklariert werden, erläuterte der stellvertretende Verteidigungsminister Ayoob Kara. "Es ist sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir in diesem Fall als ethnische Gemeinschaft handeln, und nicht im Namen der israelischen Regierung", zitiert ihn die israelische Tageszeitung Haaretz.

Position der libanesischen Drusen

Walid Dschumblatt - Foto: Alain Jocard (AFP)

Drusenfüher Dschumblatt: "Wir brauchen weder Assad noch Israel"

In der Diskussion um Hilfe für ihre syrischen Glaubensbrüder sind nun israelische und libanesische Drusen aneinandergeraten. "Wir brauchen weder Bashar al-Assad noch Israel", sagte Walid Dschumblad, der Führer der libanesischen Drusen, in Beirut. Stattdessen sprach er sich dafür aus, in Syrien zu einer politischen Einigung zu kommen - unter Einbeziehung der Drusen, die ein integraler Bestandteil der syrischen Gesellschaft seien.

Wie zahllose andere dürfte auch dieser Appell bei den Konfliktparteien

in Syrien

ungehört verhallen. Die dort lebenden Drusen haben sich darum zur Selbsthilfe entschlossen. Sie haben Selbstverteidigungskommandos gegründet, um sich gegen mögliche Angriffe der Dschihadisten zu wehren. Allerdings verfügen sie nur über ein vergleichsweise spärliches Waffenarsenal.

Einer von ihnen, der dem Assad-Regime nahestehende Politiker Wiam Wahhab, hat sie darum dazu aufgerufen, an der Seite von Assads Militär gegen die Terroristen zu kämpfen. Das aber würde die Drusen endgültig zu Feinden der sunnitischen Terroristen machen – und damit zu Zielen weiter Anschläge und Angriffe. Darum haben sie sich noch zu keiner Entscheidung durchringen können. Denn wie immer ihr Entschluss am Ende aussieht, die syrischen Drusen werden dann entweder das Assad-Regime oder die Terroristen als Feind haben.

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