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Welt

Syrien und Türkei wollen Eskalation vermeiden

Schon mehrfach sind in Syrien abgefeuerte Geschosse auf dem Territorium der Türkei eingeschlagen, wobei es sogar Todesopfer gab. Die türkische Armee übt dafür Vergeltung. Doch Experten sehen keine direkte Kriegsgefahr.

Bei Beschuss von syrischer Seite zögert das türkische Militär nicht lange. Als Mitte Oktober zum wiederholten Mal ein syrisches Geschoss knapp über die Grenze flog, feuerte die türkische Armee mit Mörsergranaten zurück. Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan warnte, wer die Abwehrfähigkeit seines Landes testen wolle, mache einen tödlichen Fehler. Sein Generalstabschef Necdet Özel drohte mit massiven Vergeltungsangriffen. Das Parlament in Ankara machte den Weg für eine mögliche Intervention im Nachbarland frei. Die angespannte Lage weckt international Befürchtungen vor einem Krieg. Doch Fachleute sehen keine unmittelbare Kriegsgefahr, wollen eine Eskalation aber auch nicht ganz ausschließen.

Türkischer Grenzposten in der Provinz Hatay (Foto. Reuters)

Türkischer Grenzposten in der Provinz Hatay

Der Wissenschaftliche Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, Michael Brzoska, hält eine weitere Zuspitzung momentan für unwahrscheinlich. Bei den Hauptbeteiligten überwiege das Interesse, nicht noch weiter an der Eskalationsschraube zu drehen. Syrien wolle keinen Krieg. "Auch in der Türkei sehe ich jetzt nicht das Interesse, in einen inner-syrischen Konflikt hineingezogen zu werden", sagt Brzoska.

Auch der Syrien-Fachmann am GIGA-Institut in Hamburg, André Bank, erwartet derzeit nicht, dass aus einzelnen Schusswechseln ein Krieg wird. Erdogan müsse berücksichtigen, dass ein Großteil der Anhänger seiner regierenden AK-Partei gegen eine mögliche Militärintervention sei.

Unklare Lage im Grenzgebiet

Allerdings ist die Lage im Grenzgebiet verworren. Welche der vielen bewaffneten Kräfte auf syrischer Seite schießt, ist nicht immer klar. Auch lässt sich kaum sagen, ob irrtümlich oder gezielt geschossen wurde. Ein verheerender Treffer mit vielen Toten in einer türkischen Schule oder einem Krankenhaus könnte Politiker und Militärs in Ankara zum Handeln zwingen. "Das kann nur passieren, wenn es wirklich zu einer neuer Qualität der Gewalt kommt", sagt Bank. Dann könnte nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers die kurdische Rebellenorganisation PKK oder die syrische Armee ihrerseits auf türkische Angriffe reagieren.

Seit Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien hat sich das einst gute Verhältnis zwischen den beiden Nachbarstaaten kontinuierlich verschlechtert. Erdogan beschimpfte Syriens Staatschef Baschar al-Assad als Diktator, an dessen Händen Blut klebe. Bereits im vergangenen April hatten syrische Truppen über die Grenze auf ein Flüchtlingslager in der türkischen Provinz Kilis geschossen. Dabei waren mehrere Menschen verletzt worden. Zwei Monate später schoss die syrische Armee ein türkisches Militärflugzeug ab. Beide Piloten kamen ums Leben. Daraufhin begann das NATO-Land Türkei, Truppen und Panzer in seine Südost-Provinzen zu verlegen. Türkische Jets drängten syrische Kampfhubschrauber ab, die der Grenze zu nahe kamen.

Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Konflikt am 3. Oktober. Bei einem Gefecht zwischen syrischer Armee und Rebellen trafen Granaten das türkische Grenzdorf Akcakale und töteten fünf Türken. Damals schoss türkische Artillerie auf syrisches Gebiet zurück. Seitdem hat es immer wieder Schusswechsel gegeben. Inzwischen haben beide Länder ihren Luftraum für Flugzeuge von der anderen Seite gesperrt. Vorausgegangen war die erzwungene Landung einer syrischen Verkehrsmaschine in Ankara. Das Flugzeug hatte nach türkischen Angaben Rüstungsgüter an Bord.

Rückendeckung für die syrischen Rebellen

Die Türkei ist von Anfang an tief in den Bürgerkrieg in Syrien verstrickt. Etwa hunderttausend Flüchtlinge sind vor den Kämpfen in den nördlichen Nachbarstaat geflohen. Die Freie Syrische Armee führt ihren Kampf gegen die Regierung in Damaskus mit massiver Rückendeckung aus Ankara. Außerdem will die Regierung Erdogan ihren Einfluss im Nahen Osten ausbauen. "Das türkische Modell wurde von vielen arabischen Freiheitsbewegungen - gerade auch von den moderaten islamistischen Gruppierungen - immer wieder als Vorbild genommen", sagt Bank. Diese Vorbildfunktion könne die Türkei durch ihr Handeln gegenüber Syrien bekräftigen, aber auch aufs Spiel setzen. Der Bonus der Türkei sei gefährdet, "wenn sie allzu militärisch, im Grunde wie eine neue Kolonialmacht hier wieder auftreten würde".

Rauch steigt über dem türkischen Grenzdorf Akcakale auf (Foto: Reuters)

Akcakale nach dem Granatbeschuss am 3. Oktober

In dem Regionalkonflikt mischen viele Akteure mit. Saudi-Arabien und Katar unterstützen wie die Türkei die zersplitterte Opposition. Die Regierung in Damaskus kann vor allem auf Hilfe aus dem Iran zählen. Jordanien und Libanon sind als Nachbarstaaten von jeder Zuspitzung der Lage betroffen. Dabei käme einigen der Beteiligten ein militärisches Eingreifen der Türkei gelegen, wie der Hamburger Professor Brzoska erklärt. So würde die Freie Syrische Armee eine Intervention wahrscheinlich begrüßen. "Man muss allerdings sehen, dass das für die Freie Syrische Armee auch nicht unproblematisch ist, weil sie sich möglicherweise nach einem Sieg mit den Türken anders arrangieren müsste, als wenn die Türkei nicht direkt eingreift."

Rolle der Kurden schwer einzuschätzen

Schwer einzuschätzen ist auch die Rolle der Kurden in der Region. Im Norden Syriens gilt die kurdische "Partei der Demokratischen Union" (PYD) als Schwesterorganisation der PKK. Die PKK greift seit Monaten verstärkt türkische Sicherheitskräfte an und operiert nun angeblich auch von Syrien aus. Die reguläre syrische Armee hat sich offenbar weitgehend aus der Region zurückgezogen. Neben der PYD gibt es jedoch auch andere kurdische Gruppierungen, die im Rahmen der syrischen Opposition die Schützenhilfe aus Ankara suchen.

Eine baldige Entspannung an der Grenze erwarten Bank und Brzoska nicht. Wie ruhig es zwischen dem syrischen Aleppo und dem türkischen Gaziantep bleibe, hänge vom weiteren Verlauf des Bürgerkriegs ab. Solange das militärische Patt zwischen der Regierung in Damaskus und den Rebellen andauere, werde auch die Eskalationsgefahr zwischen den Nachbarstaaten weiter bestehen.

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